Letzte Ruhe in Kaufering

Felix Schrotts Großvater ist lange vor seiner Geburt von den Nazis ermordet worden und dennoch sein ganzes Leben lang präsent. Inzwischen hat er den Ort gefunden, an dem Emanuel Schrott, der am 15. März 1945 in einer Außenstelle des KZ Dachau – dem Lager Kaufering VII – starb, begraben wurde. Vor einem Jahr brachte er dort eine Gedenktafel an, dieses Frühjahr wurden dafür auch die Kosten vom Nationalfonds übernommen. Über eine Geschichte, die damit einen Schlusspunkt findet, aus der sich aber eine Verantwortung ergibt, der sich auch der Urenkel Samuel „Samy“ Schrott verpflichtet sieht.

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Drei Generationen der Familie Schrott. Samy, der Urenkel, Felix, der Enkel, und Kitty Schrott, die Schwiegertochter, mit ihrem Hochzeitsfoto gemeinsam mit ihrem Mann Herbert, dem Sohn von Emanuel Schrott. © Daniel Shaked

Familiengeschichte setzt sich nicht nur aus Namen und Daten, sondern aus all diesen kleinen und größeren Erzählungen zusammen, die von einer Generation der nächsten erzählt werden. Ein Motiv, das sich durch die Familiengeschichte der Schrotts zieht, ist der Fußball. Seit mehr als 100 Jahren gehen sie auf den Fußballplatz und schauen ihren Clubs zu.

Felix’ Vater Herbert Schrott (1926-2021) ging mit seinem Vater Emanuel (1898-1945) in der Zwischenkriegszeit zur Vienna und zur Hakoah, Emanuel erlebte Letztere sogar 1925 als österreichischen Fußballmeister. Herbert setzte diese Tradition mit Felix (geb. 1965) fort – „er hat dann noch in den 70ern diese Geschichten erzählt vom Viertel, der kein Achtel Wert ist“, erinnert sich der Sohn heute –, und auch Felix und Samy (geb. 1996) sind nun oft gemeinsam auf dem Fußballplatz oder im Stadion anzutreffen. Felix stattete mit seiner Handelsagentur zudem die Vienna und Maccabi mit Dressen von Errea aus. Ja, Fußball schweißt hier die Generationen zusammen.

Aber es sind auch die Leerstellen, die verbinden. Felix wurde mit den Erzählungen seines Vaters über den Großvater groß und Samy mit ebendenselben über seinen Urgroßvater. Besonders lebendig werden sie, wenn man sie in einer Dokumentation aus der Reihe Spricht mit mir von Fabian Eder und Katharina Stemberger präsentiert bekommt, in der Herbert und Samy gemeinsam Zug fahren und sich über die Kindheit des Großvaters unterhalten.

© Alexia Weiss

Aufgewachsen ist Emanuel in einer kleinen Wohnung in der Lerchenfelder Straße, die Arbeitslosigkeit war hoch, die wirtschaftliche Situation schwierig. Was auf sie als Juden zukommen könnte, hat man auch nach dem „Anschluss“ 1938 nicht wahrhaben wollen, stets hieß es, „es wird nicht so arg sein.“ Selbst als ein Nachbar der Schrotts, ein Polizist, Herbert aufforderte, seinem Vater auszurichten, „sag deinem Vatern, dass ihr alle auf Polen kommt“, habe dieser gesagt, „es wird nicht so arg sein, die Leute übertreiben.“ „Noch in Theresienstadt hat mein Vater gesagt, es wird nicht so arg“, erinnerte sich Herbert im Gespräch mit dem Enkel. Worüber er auf dieser Zugfahrt auch spricht: die gemeinsamen Leidensstationen mit dem Vater – zunächst ab 1942 Theresienstadt, im Rückblick zwar „ein Potemkin’sches Dorf“, aber dort habe es durchaus noch schöne Momente gegeben, dann Auschwitz, wo sie allerdings nur wenige Tage blieben, und schließlich Kaufering VII, ein Außenlager des KZ Dachau. Während Herbert, der in Theresienstadt das Tischlerhandwerk erlernt hatte, dort im Warmen in einer Werkstatt arbeiten konnte, musste der Vater Emanuel im Freien schuften. Er war erschöpft, erkrankte an Typhus und erlebte das Ende des Krieges und die Befreiung nicht mehr.

„Kämpfen klingt vielleicht radikal oder brutal.
Ich meine damit, die Geschichten weiterzuerzählen.“
Samy Schrott

 

Was den Enkel Felix heute besonders traurig macht? Aus einer Korrespondenz mit Verwandten erfuhr er, dass es den Versuch der Familie gab, ein Visum für die USA zu bekommen. Doch einerseits fiel diese Entscheidung wohl viel zu spät, da der Großvater die Lage eben leider nicht richtig eingeschätzt hatte, und andererseits fehlte es am Ende am Geld. Und dann ist da auch noch die unglückliche Wetterlage in den letzten Monaten vor Kriegsende. Im Frühjahr 1945 sei es bitterkalt gewesen, „mein Vater Herbert ist noch im Mai kurz vor der Befreiung im Schnee gestapft“, weiß Felix.

Als Felix im Sommer 2019 mit seiner Frau nach einem Festspielbesuch in Bregenz erstmals nach Kaufering fährt, um sich den Ort anzusehen, an dem sein Vater und Großvater von den Nazis interniert worden waren, hat er die Schilderungen seines Vaters im Ohr. Schnee schaufeln habe Emanuel müssen bei Minusgraden, in zu dünner Kleidung und mangelernährt. „Und dass diese Saukälte schuld an seinem Tod war.“

Von dieser Kälte war bei dem Besuch im Sommer 2019 nichts zu spüren. Das Gros der Lager in Kaufering ist heute nicht mehr erhalten, über sie ist Gras gewachsen, und man sieht nichts als Wiesen. Nur ein Lager – genau das Lager VII – sei noch erhalten und werde heute als Gedenkstätte geführt. In seiner Nähe befinde sich – wie für die anderen Lager auch – ein Gräberfeld, beschriftet als Gräberfeld des Lagers VII. „Als ich dort gestanden bin, habe ich mir schon gedacht, hier ist er gestorben, hier liegt er.“ Und da war dem Enkel auch klar, dass er gerne eine Erinnerungstafel für Emanuel anbringen würde.

Er trat in Kontakt mit der Gedenkstätte, stellte beim Kultusamt in München einen entsprechenden Antrag und erhielt eine Genehmigung. Als er wegen einer Übernahme der Kosten dafür anfragte, wurde diese abgelehnt. Sein Vater Herbert sei da noch am Leben gewesen und habe gemeint, dann solle er das halt selbst zahlen, doch das widerstrebte Felix. „Das ist einfach eine Prinzipsache.“ Schließlich übernahm der Nationalfonds der Republik Österreich – über Antrag des S.C. Hakoah im Gedenken an einen „Alt-Hakoahner“ – dieses Frühjahr die Kosten.

„Als er einmal nach Auschwitz eingeladen wurde,
da sagte er, ‚ich
war schon in Auschwitz.‘“
Felix Schrott

 

Platz an der Gedenkwand. Die Reise, um die in Wien angefertigte schwarze Tafel in Form einer Grabsteinplatte mit den Maßen 60 mal 40 Zentimeter am Rand des Gräberfeldes in Kaufering anzubringen, trat Felix allein an. „Mein Vater wollte nicht noch einmal hinfahren. Diesen Ort aufzusuchen, das war allein meine Motivation. Er war einmal in den 1980er-Jahren in Theresienstadt, das war eine HakoahReise, das hat ihn sehr gefreut, und er hat sich alles genau angeschaut, aber an Theresienstadt hatte er ja auch schöne Erinnerungen. Als er einmal nach Auschwitz eingeladen wurde, da sagte er, ‚ich war schon in Auschwitz.‘ Und er wollte eben auch nicht mehr nach Kaufering.“ Nun stand also der Enkel an einem schönen Maitag vor einem Jahr auf dem Areal dieses früheren Dachau-Außenlagers in Bayern, unterstützt von Vertretern der Gedenkstätte, schraubte die Tafel an die Gedenkwand neben dem Gräberfeld und sprach ein Schma Israel für Emanuel. Insgesamt waren und 23.000 Häftlinge in den Lagern Kaufering interniert, 6.500 von ihnen starben auf dem Gelände.

Gedenktafel für Emanuel Schrott an der Gedenkwand in Kaufering, einem Außenlager von Dachau. © Alexia Weiss

Sein letzter Besuch in Kaufering wird das allerdings nicht gewesen sein, betont Felix. Denn er habe von seinen Eltern – der Vater Herbert überlebte Theresienstadt, Auschwitz und Kaufering, die Mutter Kitty war nach der Flucht mit ihrer Familie auf Mauritius interniert (angepeilt war eigentlich Israel) – einen wichtigen Auftrag mitbekommen: Die Überlebenden und auch ihre Nachkommen haben den Auftrag, die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Kitty Schrott – ihre Geschichte kann übrigens detailreich auf centropa.org nachgelesen werden – meint dazu heute: „Ich halte diese Aufklärung für wichtig. Gleichzeitig hat George Bernard Shaw gesagt: ‚Hegel hatte Recht, als er sagte, dass uns die Geschichte lehrt, dass wir nie irgendetwas aus der Geschichte gelernt haben.‘“

Felix will also auch in Zukunft Kontakt mit der KZ-Gedenkstätte in Bayern halten und auch jenen Verein unterstützen, der in Kaufering ein Museum errichten möchte. „Ich sehe eine Verpflichtung, hier weiterzuarbeiten.“ Gerade Menschen, die noch eine emotionale Verbindung zu ehemaligen Insassen des Lagers hätten, komme hier eine wichtige Rolle zu. Er werde zudem auch Dokumente an den Verein übergeben. Sein Sohn Samy sieht hier für sich ebenfalls einen Auftrag. In der Filmdokumentation verspricht er seinem Großvater zu kämpfen. Was das konkret für ihn bedeutet? „Kämpfen klingt vielleicht radikal oder brutal. Ich meine damit, die Geschichten weiterzuerzählen. Aber auch auf die Straße zu gehen, wenn man auf etwas aufmerksam machen muss.“ Die Geschichten, mit denen er groß wurde, seien zwar großteils schreckliche gewesen, aber teilweise auch lustige. Eine dieser humorigen Anekdoten war die Selbstbezeichnung von Herbert Schrott und seinen Freunden: „Häfenbrüder“ hätten sie sich genannt. Über diese „Häfenbrüder“ kann Samy Schrott heute zum Beispiel, wenn es sich ergibt, den Kindern erzählen, die er als Freizeitpädagoge betreut. Und ja, auch das eint die Schrotts: Sie sind politische Menschen und wollen nicht, das sich eines wiederholt: dass sie die Zeichen der Zeit falsch deuten und meinen: „Es wird schon nicht so arg.“

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