Links oder woke?

Das Buch der amerikanisch-deutschen Philosophin Susan Neiman erschien noch vor den antiisraelischen und antijüdischen Manifestationen an amerikanischen und europäischen Hochschulen. Darin kritisiert die Autorin die akademische Woke-Bewegung hart und verteidigt die Errungenschaften der europäischen Aufklärung, nämlich ein universelles Menschenbild.

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Kann man woke definieren?“, fragt die amerikanisch-deutsche Philosophin Susan Neiman rhetorisch. „Es beginnt bei der Sorge um ausgegrenzte Menschen und endet bei ihrer bloßen Reduktion auf das Ausgegrenztsein.“ Die Woke-Bewegung hat in den letzten Jahren – vor allem auf akademischem Boden – laufend an Terrain gewonnen. Denkmäler von einst angesehenen Männern wurden bemalt oder gestürzt, etwa, weil sie an der Sklaverei verdient oder diese gutgeheißen hatten.

Kulturelle Aneignung wird verurteilt, ein weißer Musiker dürfe doch keine Rasta-Locken tragen. Neue Zensurvarianten tauchen auf, weil in literarischen Werken Begriffe oder Konflikte heutigen Leserinnen und Lesern nicht mehr zumutbar seien. Mikroaggressionen jeglicher Art erzeugten immer mehr Opfer. Und schließlich erreichte die Welle auch die darstellenden Künste. Die Rolle einer bestimmten ethnischen Gruppe dürfe nur wiederum ein Schauspieler aus dieser Gruppe verkörpern – Dame Helen Mirren als Golda Meir gehe daher gar nicht.

Hier gibt sich Neiman knallhart: „Das tribalistische Verständnis von Kultur, wie sie die Woke-Bewegung pflegt, ist nicht weit entfernt vom Beharren der Nazis, nur Arier dürften deutsche Musik spielen.“

Eine andere Kritik an woken Argumenten streift Neiman nur kurz: „Es geht in diesem Buch nicht darum, dass sich die Linke mehr um ökonomische als um andere Formen der Ungleichheit kümmern sollte. Ich halte das zwar tatsächlich für richtig, aber dafür sind schon hinreichend Lanzen gebrochen worden.“ Hier kommt die Philosophin zum Punkt: Es gehe ihr um „ein Bekenntnis zum Universalismus statt zum Stammesdenken, eine klare Unterscheidung zwischen Gerechtigkeit und Macht und die Überzeugung, dass Fortschritt möglich ist. All diese Ideen sind miteinander verbunden.“

Dieser Universalismus steht bei ihr im Zentrum, „Internationale Solidarität“ hieß einst die Parole. „Das verbindende Glied zwischen uns sollten nicht Blutsbande sein, sondern gemeinsame Überzeugungen – vor allem und besonders die Überzeugung, dass wir Menschen, trotz aller trennenden Unterschiede in Raum und Zeit, im Grunde auf vielfältige Weise eins sind.“

Neiman kritisiert, dass Menschen, die jeweils eine Vielzahl von Identitäten haben, auf bloß eine reduziert werden, auf jene, die das beste Opfer abgebe, entweder Ethnie oder Geschlecht. Sie zitiert dabei Jean Améry: „Opfer sein allein ist keine Ehre.“ Neumann: „Wir sollten zu einer Haltung zurückkehren, für die Autoritätsansprüche darauf gründen, was man in der Welt getan hat, nicht, was die Welt einem angetan hat.“

Dabei hält sie die Fahne der Aufklärung hoch, auf dieser basiere jeglicher Fortschritt, auch die Fähigkeit der Selbstkritik. Das dürfe man auch nicht damit beiseite wischen, das die – meist männlichen – Aufklärer in ihrer Zeit auch die Übel dieser Zeit mittrugen, etwa die Akzeptanz des Sklavensystems.

„[…] die Überzeugung, dass wir Menschen,
trotz
aller trennenden Unterschiede in Raum und Zeit,

im Grunde auf vielfältige Weise eins sind.“
Susan Neiman

Neiman diskutiert über längere Strecken Philosophen, die im letzten Jahrhundert diesen universalistischen, aufklärerischen Werten entgegengestanden sind. Wenig überraschend zählen dazu Martin Heidegger und Carl Schmitt. Doch wirklich scharf ins Gericht geht sie mit dem in der Linken deutlich populäreren Michel Foucault und seinem Konzept, Gerechtigkeitsforderungen seien „bloß Deckmäntel für machtgetriebene Interessen“.

Diese platte Gleichsetzung jeglicher politischen Ideen oder Aktionen findet Neiman inakzeptabel – und zitiert dazu wiederum Améry: „Es ist sehr schwer, mit Männern wie Foucault auf der Common-sense-Ebene zu diskutieren. Man zieht dabei allemal den Kürzeren, schon deshalb, weil seine strukturalen Visionen ästhetisch anziehender sind als der plane Verstand […]. Den Fortschritt gänzlich zu verleugnen und über alle Reformen kaum die Achseln zu zucken, ist ein abwegiges und – ich wäge meine Worte – in letzter Analyse reaktionäres Verhalten.“ Das schrieb Améry 1977 und nahm damit Neimans Buchthese präzise vorweg, lange Jahre ehe die woken Debatten an amerikanischen und europäischen Universitäten ihre vorläufigen judenfeindlichen Höhepunkte erreichten.

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