Man braucht vor allem Glück im Leben

Anlässlich des 50. Jahrestages des Jom-Kippur-Kriegs zeigt der israelische TVSender Khan11 im Rahmen einer neuen Dokuserie bisher noch nie veröffentlichtes Filmmaterial, darunter auch Interviews mit Kriegsgefangenen und die Freilassung der in Syrien festgehaltenen israelischen Piloten. Daniela Segenreich-Horsky sprach mit dem ehemligen Piloten Haim Ram.

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Bilder, die Geschichte schreiben: Im Juni 1974 kehrte Haim Ram aus der Kriegsgefangenschaft zurück. © Fam. Ram, privat

Eine junge Frau in einer orangen Bluse durchbricht die Polizeibarriere und läuft mit Riesenschritten durch die Menge, auf die gerade gelandete Boeing- Maschine zu, die die israelischen Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft in Syrien zurückbringt. Die Szenen am damaligen Lod International Airport sind aufwühlend, die Aufregung der Menschenmenge, Frauen, Eltern, Geschwister, die so lange um ihre als verschollen gemeldeten Liebsten bangen mussten, vibriert in großen Wellen auf dem Bildschirm. Diese zum Teil noch nie gezeigten und mittels AI eingefärbten Bilder aus den 1970er-Jahren sind ein wertvolles Zeitzeugnis, denn es gibt nur sehr wenige Aufnahmen von den Geschehnissen um den Krieg, der die israelische Bevölkerung am 6. Oktober vor 50 Jahren überraschte.

Medien und Kommunikation steckten damals in Israel noch in den Kinderschuhen, und so gab es auch nur sehr spärliche Informationen und kaum Bildmaterial. Fanny Ram, damals 26 und Mutter eines einjährigen Sohnes, wusste nur, dass ihr Mann Haim verschollen und mit großer Wahrscheinlichkeit gefallen war. Wie viele tausende andere Israelis suchte sie unerschütterlich nach Hinweisen, Bildern oder Listen und fand in einem extra dafür eingerichteten Dokumentationszentum in Tel Aviv heraus, dass Haim anscheinend in Ägypten abgestürzt war.

© Fam. Ram, privat

Es gab eine unscharfe Filmaufnahme davon, wie seine Maschine knapp vor einer Notlandung explodierte. „Aber ich habe gewusst, dass er lebt“, sagt sie lächelnd: „Ich habe mich an allen Zeichen, die darauf hindeuten könnten, festgehalten und mich geweigert, Schiv’a zu sitzen.“ Nach Wochen des Hoffens und Bangens tauchte schließlich über eine Verbindung zu Haims Tante in Australien ein Filmausschnitt von einem syrischen Berichterstatter auf, der einige israelische Soldaten kurz nach ihrer Gefangennahme in Syrien zeigte, darunter auch Haim und seinen Navigator. Doch Fanny musste noch acht lange Monate ausharren, bis sie ihren Mann wieder in die Arme schließen konnte.

Für den Kampfpiloten und seine Kameraden auf der Militärbasis in Hazor war der Angriff der ägyptischen und syrischen Streitkräfte nicht überraschend gekommen: „Wir sollten eigentlich an dem Tag schon um elf Uhr vormittags angreifen, aber Golda Meir hatte Außenminister Kissinger versprochen, keinen Präventivschlag zu machen, und so begann der Krieg dann um zwei am Nachmittag, als Syrien und Ägypten gleichzeitig im Sinai und auf den Golanhöhen attackierten.“ Zwei Tage später wurde seine „Phantom“ über syrischem Boden abgeschossen.

Dabei hatte Haim Glück: Auf die Mannschaft einer zweiten ganz in der Nähe abgestürzten Maschine wurde geschossen. Er selbst konnte mit Hilfe des Schleudersitzes das Flugzeug in letzter Minute vor dessen Explosion verlassen, vergrub einige Dokumente, die er bei sich trug, und ergab sich. Die Syrier waren bekannt für ihre Brutalität, Gefangene wurden oft zu Tode gefoltert oder exekutiert. Haim rechnete damit, erschossen zu werden, doch der syrische Soldat, der ihn gefangennahm, schützte ihn sogar vor einem Jugendlichen, der ihn mit einem riesigen Steinbrocken bewerfen wollte, und so verstand er, dass er als Offizier wohl von Wichtigkeit für die Syrier sein musste.

Fanny rennt: Nach Monaten des
Bangens lief sie im Juni 1974 ihrem Mann
Haim auf dem Flugfeld entgegen. © Fam. Ram, privat

Dann hatte er zum zweiten Mal unglaubliches Glück: Die Militärzentrale Damaskus, wo die Gefangenen zum Verhör hingebracht wurden, wurde von den Israelis bombardiert und brannte zu zwei Drittel aus. Doch Haim befand sich in einem Teil, der von der Explosion nicht betroffen war. Es folgten Befragungen unter Anwendung von Elektroschocks, Verbrennungen, Aufhängen an Füßen oder Händen, Hunger und Durst. „Ich weiß nicht, was schlimmer war“, erzählt ein Soldat in der TV-Dokumentation: „Der Durst, die Tortur oder die Ungewissheit darüber, was in der nächsten Sekunde geschieht und ob wir lebend davonkommen. Diese Ungewissheit war wohl das Schwierigste.“

Das lange Warten. Haim Ram, der seit Jahren in Schulen und vor Rekruten über seine Kriegserlebnisse referiert, kommentiert dagegen relativ gelassen: „Es war das übliche Programm. Als Piloten waren wir darauf vorbereitet.“ Sein erster Trick: Stell dich kränker, als du bist. Er spielte den Syrern totale Verwirrung und Sprachlosigkeit, die Symptome einer schweren Gehirnerschütterung, vor und wurde vorerst sediert und für 24 Stunden in Ruhe gelassen. Bei den Interrogationen servierte er seinen Peinigern eine gut erfundene Geschichte, simulierte heftige Schmerzreaktionen und gelangte, wie er meint, zumindest, was die Elektroschocks betraf, nicht an seine Schmerzgrenze.

„Danach sieht man dann
alles im Leben mehr in den
richtigen Proportionen.“
Haim Ram

Doch er musste auch mit den endlos anmutenden fünf Monaten der Einzelhaft fertigwerden. Er lief in seiner Zelle auf und ab, verlor sich in Tagträumen von den Steak- Lokalen auf der Tel Aviver Dizengoffstraße und beschäftigte sich mit Handarbeiten. Aus getrockneten Olivenkernen bastelte er ein Armband mit den Namen seiner Frau Fanny und seines kleinen Sohns Gil, aus Lammknochen fertigte er eine Nadel und nähte sich damit Socken aus Fetzen. Und später, als er wieder mit den anderen Offizieren gemeinsam in einer Zelle war, kreierte er aus einem alten Unterhemd eine israelische Fahne, mit welcher die Häftlinge den Yom HaAzma’ut feierten.

Fanny und Haim Ram heute: die kleinen Wunder im großen Krieg. © Fam. Ram, privat

Der Krieg dauerte etwa drei Wochen, doch die restlichen israelischen Soldaten in Syrien mussten noch acht lange Monate durchhalten. Insgesamt fielen 2.656 Israelis im Gefecht oder kamen in der Gefangenschaft um, knapp 8.000 Soldaten und Zivilisten wurden verletzt, 293 Soldaten wurden gefangen genommen. Schließlich gelang es der legendären Premierministerin Golda Meir mit Hilfe des amerikanischen Außenministers Henry Kissinger, einen Gefangenenaustausch auszuhandeln. Als einen der schwersten Momente bezeichnet Haim Ram jenen, als seine verwundeten Kameraden nach Israel geflogen wurden, er aber mit den übrigen Häftlingen noch bleiben musste. Doch schließlich war es so weit, und im Juni 1974 durfte auch er mit den restlichen Gefangenen nach Hause.

© Fam. Ram, privat

Das Bild der jungen Frau mit der orangen Bluse, deren Sprint auf die Landebahn zufällig von einigen Kameras (damals noch in Schwarzweiß) verewigt wurde, ging durch die israelischen Medien und wurde zum Symbol der Freude über die Rückkehr der Soldaten: Fanny wartete mit ihrer Familie hinter der Polizeibarriere, als das Flugzeug des Roten Kreuzes landete. „Ich habe zu dem Polizisten gesagt: ‚Lass mich gehen, ich komme auf jeden Fall durch‘, aber er hielt mich am Handgelenk fest und wollte mich nicht durchlassen, da habe ich ihm in die Hand gebissen und bin losgerannt, und die ganze Menge der anderen Wartenden stürmte hinter mir her zum Flugzeug“, erzählt die heute 76-Jährige. „Nicht alle haben so viel Glück gehabt wie wir“, betont sie dabei: „So viele kamen gar nicht oder nur im Sarg zurück.“ Und Haim fügt noch hinzu: „Danach sieht man dann alles im Leben mehr in den richtigen Proportionen.“

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