Auf der Suche nach Frieden

Im Eindruck des Überfalls Russlands auf die Ukraine gestaltete das Jüdische Museum Wien (JMW) für den Standort Judenplatz die Schau „Frieden“. Doch dann kam als Folge des Massakers der Hamas am 7. Oktober in Israel kurz vor der Eröffnung der Ausstellung schon der nächste Krieg. Kuratorin Adina Seeger und Kurator Tom Juncker versuchten der aktuellen Entwicklung noch gerecht zu werden.

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© David Bohmann

Ausstellungsbesuch: Alexia Weiss

„Gerade in Zeiten des Krieges müssen wir an den Frieden denken“, betonte Museumsdirektorin Barbara Staudinger am Montag (6. November) bei der Presseführung durch die neue Ausstellung. Die Schau widmet sich dem Thema aus verschiedensten Perspektiven: Es werden einerseits verschiedene Konzepte, aber auch Definitionen von Frieden präsentiert, andererseits konkrete Friedensprojekte und -ambitionen erörtert.

Nicht allen dieser Bemühungen war Erfolg beschert, wie mein persönliches Lieblingsexponat dieser Schau erzählt: Die Arbeit „The Only Thing Left To Do With The Oslo Accords“ der amerikanisch-israelischen Künstlerin Andi Arnovitz. Auf drei WC-Papierrollen hat sie die Osloer Verträge von 1993, per Handschlag vom damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin und dem Vorsitzenden der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Jassir Arafat, besiegelt, auf Hebräisch, Arabisch und Englisch gedruckt.

Das „Oslo-II-Abkommen“ ist bis heute formell gültig – doch die Lösung des sogenannten Nahostkonflikts schien schon in den vergangenen Jahren mit dem Regime der Hamas in Gaza kaum möglich. Nun hat sich der 7. Oktober 2023 in die Geschichtsbücher eingeschrieben. „Der brutale Angriff der Hamas auf Israel“, heißt es dazu im Katalog zur Schau, „stellt eine beispiellose Zäsur dar. Viele sprechen bereits von einem 9/11 für Israel.“ Ob es nun gelingen wird, die Hamas ein für alle Mal zu besiegen? Die nächsten Wochen werden es zeigen.

Worauf die Bevölkerung Israels – und mit ihr Juden und Jüdinnen (und hoffentlich auch viele andere Menschen) weltweit hoffen: Dass die über 200 nach Gaza entführten Kinder, Jugendliche, Erwachsenen noch am Leben sind und befreit werden können. Eine von ihnen ist Vivian Silver. Sie ist eine der Aktivistinnen des Friedensbündnisses Women Wage Peace, das sich nach dem Gaza -Krieg von 2014 formierte und jüdische, christliche und muslimische Israelinnen vereint. Die Initiative, die in der Ausstellung vorgestellt wird, tritt für die Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen ein.

Die Ausstellung in Wien läuft bis 26. Mai 2024. Sollte sich bis dahin der Verbleib beziehungsweise das weitere Schicksal Silvers aufklären, werde das Team die Schau entsprechend aktualisieren, betonte Seeger. Die Texttafeln seien so gestaltet worden, dass sie leicht adaptiert oder ergänzt werden könnten.

© David Bohmann

Eine solche Ergänzung würde ich mir auch bei einem anderen Objekt der Schau wünschen: Ausgestellt ist ein UNO-Blauhelm für Angehörige des Österreichischen Bundesheeres. Er steht für die 1945 gegründeten Vereinten Nationen (UNO), in deren Charta die Friedenssicherung in Artikel eins festgehalten wird. Dazu sollen auch die so genannten Blauhelmtruppen beitragen. Die erste solche Mission dauert bis heute an: 1948 wurden UN-Friedenstruppen entsandt, um den Waffenstillstand zwischen Israel und seinen Nachbarn zu überwachen.

Kritik üben die Ausstellungsmacher hier einerseits an den Fällen sexuellen Missbrauchs durch UNO-Soldaten. Sie merken aber auch an, dass Einsätze inzwischen auch unter Anwendung von Gewalt oder ohne die Zustimmung der Konfliktparteien auf Beschluss des UNO-Sicherheitsrats stattfinden. „Die Grenzen zwischen peace-keeping und militärischer Intervention verschwimmen dabei“, heißt es im Katalog.

Stichwort UNO-Sicherheitsrat: Das Verhältnis zwischen Vereinten Nationen und Israel ist schwierig, zuletzt heftete sich Anfang November Israels UN-Botschafter Gilad Erdan in einer Sitzung des Gremiums einen gelben Davidstern in „Judenstern“-Optik mit der Aufschrift „Never again“ an seinen Blazer. Auch alle Mitglieder seines Teams erschienen mit diesem Symbol. „Wir werden diesen Stern tragen, bis Sie die Gräueltaten der Hamas verurteilen und die unverzügliche Freilassung unserer Geiseln fordern“, betonte Erdan dazu.

Das UN-Gremium hatte zuvor nicht geschlossen das Massaker der Hamas verurteilt. Über die Jahre ist Israel zudem das Land mit den am meisten von den Vereinten Nationen bedachten kritischen Resolutionen. Der Eklat von Anfang November war wohl zu zeitnah zur Ausstellungseröffnung, um diesen noch in die Schau zu integrieren. Über den lange schwelenden Konflikt zwischen UNO und Israel hätte ich allerdings doch gerne etwas in Zusammenhang mit dem ausgestellten Blauhelm erfahren.

© David Bohmann

Positiv beeindruckt haben mich dagegen zwei Bilder der ukrainisch-israelischen Künstlerin Zoya Cherkassky-Nnadi. Sie stellte dem 2018 entstandenen Werk „Mother and Son“, das ihre Erinnerung an eine sowjetische Kindheit festhält, 2022 die Arbeit „Russian Tanks on the Streets of Kiev“ gegenüber. Gewählt hat sie dafür denselben Bildausschnitt, nur statt einer Stadtansicht mit einer von Bäumen gesäumten Straße ist nun eine brennende Stadt zu sehen. Panzer ziehen an dem Haus vorbei, die Gesichter von Mutter und Sohn sind nun angsterfüllt. Sie empfinde diesen Krieg nicht nur als Überfall auf die Ukraine, sondern auch als „Überfall auf unsere Kindheit“, so die Künstlerin.

Und eine weitere Bildserie einer Künstlerin hinterließ einen nachhaltigen Eindruck: Arnovitz, die Gestalterin der WC-Papierrollen, schuf 2018 die Serie „Rising“. Sie lässt bekannte Bauten und Monumente wie den Eiffelturm, Big Ben oder das Hollywood Sign im Wasser versinken. Sie thematisiert damit die drohende Klimakatastrophe, die zu einem Anstieg des Meeresspiegels führt. „Im 21. Jahrhundert ist Frieden nicht nur durch Krieg gefährdet, sondern auch zu einer existenziell-ökologischen Frage geworden. Ein Bewusstsein dafür, dass Frieden mit der Zerstörung der Natur, kapitalistischer Raubbau, Überkonsum und mangelnder Verteilungsgerechtigkeit in Zusammenhang steht, muss sich erst ausbilden“, wird dazu aus „Der vergessene Frieden: Friedensvorstellungen von der Antike bis zur Gegenwart“ von Karlheinz Koppe im Katalog zitiert.

Der Katalog wartet auch mit einem feinen Text von Dimitré Dinev auf. In „Die Ufer des ewigen Friedens“ stellt er Überlegungen zu einem schlechten Frieden an, wie er bei der Beendigung des Zweiten Weltkriegs geschlossen worden sei. Ein solcher Friedensschluss sei „der Vater jedes neuen Krieges“. Der Frieden, den die Menschen suchen, sei aber ohnehin „älter als der Krieg, älter als das Ideal des Wissens. Sein Ruf ist dringlicher, weil er aus dem Urgrund unsrer Menschlichkeit kommt. Der Frieden spricht zu uns, er ereignet sich in diesen unseren Fähigkeiten zu sprechen, eine Gabe, die wir unseren Müttern und Vätern verdanken, die Wort für Wort jedes Ding erhellen und jeden Schmerz benennen, um uns den Schrecken vor der Welt zu nehmen. Die Sprache ist es, die die Welt gemeinsam macht, sie zwingt zu geben, mitzuteilen, denn ihr Wesen ist Freundschaft und Gastlichkeit und Güte. In Dialog treten bedeutet auf Gewalt verzichten, zu einem Gleichen sprechen, es ist die Schule der Menschlichkeit.“

Spannend ist in diesem Kontext, dass die Ausstellung hier auf mehrere um Frieden Bemühte verweist, die allesamt mit Sprache arbeiteten: Da ist einerseits die Schaffung der Universalsprache Esperanto durch den Augenarzt Ludwik Zamenhof. Da ist andererseits die „Gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall B. Rosenberg. Da ist aber auch Hans Kelsens 1944 erschienenes Buch „Peace through law“. Der Verfasser der österreichischen Verfassung stellte in diesem Buch Überlegungen an, wie eine Weltordnung nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs aussehen könnte und welche Rolle dabei dem Recht zukäme. Die darin von ihm entworfene ideale Welt wäre eine durch Recht hergestellte friedliche, freie und demokratische Welt gewesen. Wenn wir uns die Welt heute ansehen, wäre Kelsen wohl sehr enttäuscht.

Update 14. November 2023: Inzwischen wurden die sterblichen Überreste von Vivian Silver laut einem Bericht der JTA gefunden, eine Identifizierung durch einen DNA-Test fand statt.

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