Mauern und Abgründe

Unrecht geschieht. Und es bleibt ein Privileg, an bestimmten Orten des Wohlstands und des Friedens auf die Welt zu kommen – umgeben von Menschen auf der Flucht.

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Paul Divjak Zeichnung: Karin Fasching

Genet war uns gleich aufgefallen, in der Bar auf der kleinen Insel im Golf von Thailand. Mit ihrer energetischen, expressiven Art und dem ansteckenden lauten Lachen, das sie oftmals ihren Sätzen folgen ließ, hat sie uns rasch für sich eingenommen. Sie lebe auf Reisen, sagte die 40-Jährige. Sie müsse regelmäßig und für länger raus aus Israel, meinte sie. Das Land und seine Enge seien ihr zunehmend unerträglich.
Der Rassismus in Israel hätte zugenommen, sagt Genet, die Ende der 1970er-Jahre als Kind mit ihrer Mutter auf dem Fußweg aus Äthiopien, nach einem Lager-aufenthalt im Sudan, in das Land eingewandert war.
Wütend auf die EU und das Sterben im Mittelmeer, auf jeglichen menschenverachtenden Umgang mit Flüchtenden driftet Genet in ihren Ausführungen von einem Gedanken zum anderen, von einem Aspekt des Themas zum nächsten, wild gestikulierend. Und immer wieder geht es um Hoffnungssuchende, die strukturelle, staatlich legitimierte, verbale oder körperliche Gewalt erfahren.

»Wall in America,
wall in Europe,
wall in Israel […].«
Mo Kalamity

So erwähnt sie auch das Verschwinden von hunderten Kindern aus Immigrantenfamilien im neu gegründeten Staat Israel. Zwischen 1948 und 1954 sei im Rahmen der so genannten „Yemenite Children Affair“ schätzungsweise jedes achte Kind von jemenitischen Familien spurlos verschwunden. Gerüchteweise seien die Kinder kinderlosen Holocaust-Überlebenden zur Adoption überlassen worden. Wie sich später herausstellte, seien auch aschkenasische Familien vom Verschwinden ihrer Kinder betroffen gewesen.
Die Geschehnisse sind trotz mehrfacher offizieller Untersuchungen übrigens bis heute weiterhin ungelöst.
Unrecht geschieht weiterhin. Und es bleibt ein Privileg, an bestimmten Orten des Wohlstands und des Friedens auf die Welt zu kommen – umgeben von Menschen auf der Flucht.
Wie viel vom „anderen“ aber verträgt eine Gesellschaft oder eine Community, um das „Eigene“ nicht bedroht zu sehen? Ab wann wird die geschürte kollektivierte Angst so groß, dass die Rufe nach Repression zunehmen und Abgrenzung und Ausschluss zu den obersten Prinzipien erhoben werden? Wann wird der Fremde zum Feindbild par excellence, zum vermeintlichen Aggressor, durch dessen bloßes Erscheinen Gesellschaften und Kulturen ihre „Unterwanderung“ fürchten und gar ihren Untergang? Wann wird die physische Präsenz des „anderen“, dessen, der offenkundig etwas anderes repräsentiert, gemeinschaftlich als Bedrohung empfunden?
War Genet als Kind noch die einzige äthiopische Jüdin in der Schule und wurde als „einfach anders“ bezeichnet, so ist sie heute, nachdem immer mehr Landsleute von ihr nach Eretz Israel kamen, alltäglichen rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt.
„Ich kenne meinen eigenen inneren Faschisten“, hat ein Freund und Professor letztens zu mir gesagt. So simpel und präzise dieser Satz ist, so hatte ich ihn doch vorher weder gehört noch selber gedacht. Er schien mir auf Arno Gruens Gedanken aus Der Wahnsinn der Normalität zu basieren, jene soziopsychologischen Reflexionen zum Verlust des Mitgefühls und zur menschlichen Destruktivität, die hinter der Fassade von Freundlichkeit, dem Beschwören des so genannten „Menschenverstands“ und der kategorischen Durchsetzung von Recht und Ordnung gedeiht. Hinter den intellektualisierten Kategorien des Denkens und Sprechens in gewohnten Dichotomien und eingefahrenen Bahnen der Begründungen und Behauptungen lauern die uneingestandenen Abgründe und vernichtenden Kräfte der Verachtung und des Hasses, der Unterdrückung und Zerstörung.
Als wir ein paar Abende darauf wieder in die Bar kommen, hat Genet sich bereits auf den Weg in Richtung Bangkok gemacht, wo einige ihrer israelischen Freunde in der südostasiatischen Diaspora leben.

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