Mikulov – ein historisches Juwel vor der Haustür Wiens

Der jüdische Friedhof von Mikulov/Nikolsburg wurde Mitte des 15. Jahrhunderts angelegt. Der faszinierende „ewige Garten“ bietet nun für eine geflüchtete Ukrainerin und ihren Sohn neue Hoffnung.

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Der Schloss Mikulov befindet sich in direkter Nähe des Stadtzentrums. © Reinhard Engel

Ob sich das Bürgermeister Moriz Abeles, Johanna Auerschitz oder Leon Eisler je hätten vor stellen können? Dass nämlich der jüdische Friedhof im tschechischen Mikulov/Nikolsburg, wo sie seit mehr als 110 Jahren begraben sind, im Sommer 2022 von Daria, die aus dem immer noch andauernden Ukraine-Krieg geflüchtet ist, beaufsichtigt wird. Es ist einer der größten und bedeutendsten jüdischen Friedhöfe Tschechiens, der Mitte des 15. Jahrhunderts angelegt und bis zur Zerstörung der jüdischen Gemeinden in der Shoah genutzt wurde. Auf der zwei Hektar großen hügeligen Grünfläche befinden sich etwa 4.400 Grabsteine.

Die 42-jährige Daria, Mutter eines 13-jährigen Buben, ist vor zwei Monaten aus Krementschuk – etwa 300 Kilometer südöstlich von Kiew – geflohen und musste ihre Eltern und schwangere Schwester dort zurücklassen. „Ich habe in der Logistikabteilung der Raffinerie gearbeitet, auf die sind neun Raketen eingeschlagen“, erzählt sie in einfachem Englisch. Daria sitzt im Eingangsbereich des Friedhofs in einem Gebäude, das der bekannte mährisch-jüdische Architekt Max Fleischer (Prossnitz 1841 –Wien 1905) bei einer der letzten Erweiterungen des Friedhofs im späten 19. Jahrhundert im eklektischen Stil als Teil der Zeremonienhalle erbaut hat. Hier kassiert sie 50 tschechische Kronen (rund zwei Euro) für den Eintritt in einen paradiesischen verzauberten Garten, der die vielschichtige und bedeutende jüdische Vergangenheit Mährens nur erahnen lässt.

Der jüdische Friedhof in Mikulov wurde im 15. Jahrhundert angelegt. © Reinhard Engel

Über drei Jahrhunderte hinweg galt die Stadt als kulturelles und geistiges Zentrum des mährischen Judentums. Die älteste Nachricht über Juden in Nikolsburg stammt aus dem Jahre 1369 und bezieht sich auf eine Schuldnerliste, in der der Jude Efrom – nur auf der Durchreise – genannt ist. Erstmalig siedelten sich jüdische Familien aus Niederösterreich und Wien ab 1421 in Nikolsburg an: Herzog Albrecht V. betrieb ihre Vertreibung. Den ersten Zufluchtsort fanden sie nahe der Grenze, nur 99 Kilometer von Wien entfernt, auf dem Handelsweg von Wien nach Brünn. In Nikolsburg standen sie unter dem Schutz der Fürsten von Liechtenstein. Weitere jüdische Ansiedler kamen 1454 infolge der Ausweisungen aus den königlichen Städten Mährens. Die Gemeinde erlangte ab 1575 mehr Bedeutung, als Kardinal Franz Xaver von Dietrichstein die Juden schützte, weil er ihre Steuern für seinen Einsatz im Dreißigjährigen Krieg benötigte.

Hier erkannte man den wirtschaftlichen Vorteil der Juden für die Stadt – neben dem Handel war es schließlich das Handwerk, das wesentlich zur Blütezeit beigetragen hat. So wurde Mikulov allmählich zum Zentrum der mährischen Juden und ab 1653 zum Sitz der Landesrabbiner. Der berühmteste unter ihnen amtierte hier von 1553 bis 1573: Rabbi Judah Löw, auch als Maharal bekannt (Abkürzung für Moreinu ha-Rav Loew – Unser Lehrer Rabbi Loew), ist am Prager Friedhof begraben. Ihm wird der Legende nach die Erschaffung des Golem* zugeschrieben. In seinem ehemaligen Wohnhaus ist heute das Restaurant Marcel untergebracht. Weitere gelehrte Rabbiner waren Menachem Mendel Krochmal (1648–1661), David Oppenheim (1689–1708) sowie Samuel Schmelke Horowitz (1774–1778). Die lokale Jeshiwa (Religionsschule) genoss großes Ansehen in ganz Europa.

Historische Zdaka (Spendenbox) aus der Synagoge. © Reinhard Engel

Die jüdischen Familien wohnten an der Westseite des Schlosshügels, so entstand später hier das jüdische Viertel. Eine Reihe von Katastrophen mussten die Juden erleiden: 1719 vernichtete ein Großfeuer fast das gesamte Viertel, zudem wurde der Besitz der obdachlos gewordenen Bewohner noch geplündert. Erst viele Jahre später wurde den Juden der Wiederaufbau ihrer Häuser gestattet. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zählte die Gemeinde von Mikulov mehr als 600 Familien und bildete die größte jüdische Niederlassung in Mähren. Die von Kaiserin Maria Theresia angeordnete Volkszählung von 1754 ergab, dass die jüdische Bevölkerung mit etwa 3.000 Seelen die Hälfte der Einwohner von Mikulov ausmachte. Aus dem Mikulov-Ghetto entstammen einige bekannte Persönlich – keiten, wie Joseph von Sonnenfels (1733– 1817), Professor für Staats- und Rechtswissenschaften an der Universität Wien und einflussreicher Berater Kaiserin Maria Theresias.

Die Volkszählung von 1754 ergab, dass die jüdische Bevölkerung mit etwa 3.000 Seelen die Hälfte der Einwohner von Mikulov ausmachte.

Die Überreste einer Mikwe (rituelles Tauchbad), um 1800 errichtet, wurden im Jahr 2004 während einer archäologischen Untersuchung auf dem ehemaligen Gelände des jüdischen Viertels in Mikulov entdeckt. Das älteste noch bestehende jüdische Heiligtum ist die Obere Synagoge (auch Alte Synagoge genannt) in der Hus-Straße (Husova), sie stammt aus dem Jahre 1550 und war ursprünglich ein Renaissancebauwerk. Ihr heutiges Aussehen erhielt sie nach mehreren Umbauten, vor allem nach den Zerstörungen durch Brände im jüdischen Viertel von Mikulov in den Jahren 1561 und 1719. Nach dem zweiten Feuer wurde sie im Stil des Barock umgebaut. Bedingt durch die Straßenführung und religiöse Erfordernisse (Toraschrein an der Ostwand) hat das Gebäude einen rautenförmigen Grundriss. Die Bima** befindet sich in der Mitte des Raumes zwischen vier Säulen, deren Baldachin wiederum die Decke abstützt. Dieses Konzept hatte sich in der polnisch-litauischen Adelsrepublik ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als ein baugeschichtlich völlig neuartiger Aufbau einer Synagoge entwickelt. Bis 1938 wurde hier noch gebetet.

Die Bima in der Synagoge von Mikulov: Bis 1938 wurde hier noch gebetet. © Reinhard Engel

Ein ewiger Garten in der Innenstadt. Im Jahre 1938 zählte Mikulov etwa 8.000 Einwohner, davon 472 Juden. Von diesen konnten 110 ins Ausland fliehen, 327 überlebten die Shoah nicht. Damit war das Ende der jüdischen Gemeinde in Nikolsburg besiegelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg als Lagerraum genutzt, sollte das Gotteshaus abgerissen werden. Ende der 1970er-Jahre begann man dennoch mit einer umfassenden Sanierung, die 1989 abgeschlossen wurde. Heute wird das Gebäude vom Regionalmuseum Mikulov genutzt.

Der Rundgang auf dem jüdischen Friedhof von Mikulov kann eine Stunde dauern oder einen ganzen Tag.

Wer heute durch Mikulov mit seinen knapp 7.500 Einwohnern spaziert, findet ein gepflegtes, sauberes Städtchen vor: Die Häuser am Hauptplatz, aber auch in den Nebengassen sind frisch gestrichen und bunt herausgeputzt. Die Attraktion, um die sich hier alles dreht, ist das Schloss Mikulov. Es befindet sich an der Stelle einer slawischen Siedlung, an der seit Ende des 13. Jahrhunderts eine steinerne Burg stand. Die Burg erweiterten später die Herren von Liechtenstein, das heutige Aussehen erhielt sie durch einen großzügigen Umbau in den Jahren 1719 bis 1730 unter den Fürsten von Dietrichstein, die das Schloss im 16. Jahrhundert erworben hatten. Während des Preußisch-Österreichischen Krieges von 1866 war das Schloss das Hauptquartier des preußischen Königs Wilhelm I. und des preußischen Kanzlers Otto von Bismarck sowie des Generalstabs. Hier wurde am 26. Juli 1866 der Vorfrieden von Nikolsburg zwischen Preußen und Österreich geschlossen. Im April 1945 brannte das Schloss infolge von Kampfhandlungen aus. Heute dient es als Regionalmuseum.

Auf einer Fläche von fast 20.000 m² stehen weit über 4.000 Grabsteine aus drei Jahrhunderten. © Reinhard Engel

Die Krönung eines Ausflugs nach Mikulov – nicht nur für jüdische Besucher – bildet der weltweit bekannte, einzigartige Friedhof, der sich am nordwestlichen Rande des ehemaligen jüdischen Viertels befindet. Allein die Tatsache, dass er in der Innenstadt liegt, zeugt von seinem Alter. Er wurde zweifellos kurz nach der Gründung der jüdischen Gemeinde angelegt, irgendwann in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, und behielt seine ursprüngliche Lage. Der älteste lesbare Grabstein ist für Samuel ben Leb Aschkenazi aus dem Jahr 1605, noch ältere Gräber sind verwittert und nicht mehr zu entziffern. Das Faszinierende an diesem „ewigen Garten“ ist vor allem die Vielfalt der Grabsteine, sowohl vom Material (von Sandstein bis Marmor) wie auch von der Gestaltung des Ortes her: Es gibt keine Wege zu den einzelnen Gräbern, und sie sind auch nicht zeitlich geordnet. Steine aus dem 16. Jahrhundert stehen schief und halb versunken neben Grabmälern aus dem frühen 20. Jahrhundert, die protzig in den Himmel ragen. Der historisch interessanteste Teil ist der sogenannte „Rabbinerhügel“, wo fast alle mährischen Rabbiner über fünf Jahrhunderte begraben wurden.

Auch der jüngeren historischen Ereignisse wird hier gedacht: Ein großes, halbrundes Denkmal erinnert an die 25 jüdischen Opfer des Ersten Weltkrieges, ein viel bescheideneres Monument soll die Ermordung von 21 jüdischen Häftlinge aus Ungarn unvergessen machen, die in Mikulov am Ende des Zweiten Weltkrieges von deutschen Nazis erschossen wurden. Der Rundgang auf dem jüdischen Friedhof von Mikulov/Nikolsburg kann eine Stunde dauern oder einen ganzen Tag, und man kann immer wieder kommen und Neues entdecken. Etwas erschöpft, aber beseelt vom Erlebten beendet man den Zittergang durch Wildwuchs, Büsche, Erdbeersträucher und grasbedeckte Fallen. Daria sitzt noch immer im Friedhofsbüro. Tschechische Sprach- und jüdische Geschichtsbücher liegen offen übereinander auf dem Tisch: Sie konzentriert sich auf ihr so unerwartet neues Leben. In ihrer Heimat tobt der Krieg, hier aber liegen hinter ihr Jahrhunderte, die von der Geschichte eines Volkes erzählen, dass immer wieder unter Kriegen und Verfolgung gelitten hat.

* Der Golem ist ab dem frühen Mittelalter in Mitteleuropa die Bezeichnung für eine
Figur der jüdischen Literatur und Mystik. Dabei handelt es sich um ein von Weisen
mittels Buchstabenmystik aus Lehm gebildetes stummes, menschenähnliches
Wesen, das oft gewaltige Größe und Kraft besitzt und Aufträge ausführen kann.
** Die Bima (hebräisch für Bühne) ist der Platz in einer Synagoge, von dem aus die
Tora während des Gottesdienstes verlesen wird.

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