„Musik aus einem Monat voller Tränen“

Für das 125-Jahr-Jubiläum der Wiener Volksoper hat sich die Intendantin Lotte de Beer ein zugleich historisches, aber auch politisch hochaktuelles Projekt vorgenommen: Lass uns die Welt vergessen – Volksoper 1938 heißt die Dezember-Produktion.

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© Andreas Jakwerth

WINA: Mit einer anspruchsvollen Uraufführung, einem ernsten Blick in die Vergangenheit begehen Sie das 125-jährige Jubiläum der Volksoper. Wie kam es dazu, dass dieses Jubiläum gerade mit dem Jahr 1938 – also der Verfolgung und Vertreibung jüdischer Künstler – verknüpft wird? War das Ihre Idee?
Lotte de Beer: Ja, eigentlich schon: Wenn man den Posten einer Intendantin der Wiener Volksoper antritt, muss man sich die Geschichte des Hauses anschauen, so habe ich viel dazu recherchiert. Einen wichtigen Tipp gab mir unsere wunderbare Sopranistin Rebecca Nelsen.* „Du musst das Buch von MarieTheres Arnbom lesen, Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt: Aus der Volksoper vertrieben – Künstlerschicksale 1938, das ist ein wichtiger Bestandteil dieses Theaters.“ Sie selbst hatte bereits begonnen, ein Libretto darüber zu schreiben, das sich las wie ein spannendes Filmskript. Ich war von dem Buch begeistert und fragte, ob ich ihr Konzept übernehmen dürfte. Ich habe es dann auch dem niederländischen Regisseur und Filmemacher Theu Boermans zum Lesen gegeben und ihn gebeten, ein Stück daraus zu machen.

Das Stück trägt den Titel Lass uns die Welt vergessen — Volksoper 1938. Theu Boermans führt Regie und hat auch das Buch dazu geschrieben, unter Verwendung von Texten und Musik aus Gruß und Kuss aus der Wachau, jener Operette, komponiert von Jara Beneš, getextet von Hugo Wiener und Kurt Breuer, mit Liedtexten von Fritz Löhner-Beda, die als letzte Produktion vor der Machtübernahme Hitlers hier aufgeführt wurde. Jetzt gibt es eine neue Rahmenhandlung.
I Ja, denn wir wussten, dass das ein wichtiges, ganz spezielles Projekt werden muss. Ich überlegte zuerst, ob ich es in meine erste Spielzeit nehme, aber dann wollte ich es für das 125-jährige Jubiläum aufbewahren. Denn gerade bei einem Jubiläum geht es darum, wer wir waren, wer wir sind und was wir in Zukunft sein wollen. Insbesondere weil das Ensemble von heute, das Ensemble von damals, also von 1938 spielt, erhebt sich die Frage auch für die Künstlerinnen und aller Mitarbeiter am Theater, nämlich: „Was würdest du in solch einer Situation, wie sie sich 1938 ergeben hat, machen?“ Wir blicken zwar zurück, aber leider sind wir heute in einer Situation, die wieder brandaktuell ist.

Lass uns die Welt vergessen — Volksoper 1938 enthält jetzt zusätzlich Musik von Arnold Schönberg, Viktor Ullmann sowie neu komponierte Musik der jungen Israelin Keren Kagarlitsky (siehe Porträt im WINA-Magazin, Juni 2023). Seit Sie diese Produktion im Frühsommer ankündigten, hat sich die Welt nochmals verändert – und heute ist es unmöglich zu vergessen, was täglich in ihr geschieht. Wurden die laufenden Vorbereitungen davon beeinflusst?
I Ich glaube, es macht allen noch bewusster, wie wichtig diese Geschichte ist. Es sagt sich heute nicht so leicht: „Ja, ja, das war damals“ – und „das ist ein Problem, das es nicht mehr gibt“. Unsere Hausdirigentin und Komponistin Keren Kagarlitsky hat sich den letzten Teil ihrer Komposition bis vor einigen Wochen aufbewahrt, denn sie wollte das Stück und die Menschen, die darin vorkommen, näher kennenlernen, erspüren. In den letzten Wochen, jetzt, da ihr Bruder in die israelische Armee eingezogen wurde, entstand ihre Musik in einem Monat voller Tränen, in einer Zeit von Hoffnungslosigkeit, von Angst. Wenn man Kerens Musik jetzt hört, bekommt man einfach Gänsehaut. Ich habe schon geweint, als sie es mir am Computer vorgespielt hat, denn jetzt steckt das alles in der Musik.

  „In Wien stelle ich immer mehr fest:
Mein Theater findet hier
das richtige Publikum.  

  Lotte de Beer  

Wie war die Stimmung an der Volksoper? Konnte man einfach „business as usual“ fortsetzen?
I Nein, gar nicht, denn auch das gesamte Ensemble identifiziert sich mit diesem Thema. Und dann gab es vor wenigen Wochen einen schrecklichen Vorfall. Unser Ensemble ging aus der Probe, und da stand ein Auto mit riesengroßem Hakenkreuz drauf. Sie waren zutiefst schockiert! Und haben das auch persönlich genommen und waren besorgt, dass es einen direkten Zusammenhang mit unserer Produktion gibt. „Will man uns damit sagen, dass wir diese Geschichte nicht erzählen dürfen?“ Aber wie es scheint, war der Tatort ein Zufall, es wurden im 9. und 18. Bezirk Autos mit Hakenkreuzen beschmiert. Es gab also keinen direkten Bezug zu unseren Proben an dieser Produktion. Das macht diesen schrecklichen Vorfall aber nicht weniger erschütternd und besorgniserregend. All das bestätigt die Wichtigkeit des Projekts, jede Szene, z. B. jene, in der der jüdische Souffleur 1938 im Theater schlafen will, weil er im zweiten Bezirk wohnt und Angst hat, mit seiner Kippa die Straße zu überqueren. Das ist doch eins zu eins, was die jüdischen Menschen gerade erleben, z. B. mit ihrem Davidstern: Manche verstecken ihn in der Kleidung, andere tun das bewusst nicht. Das ist die Wahl, die man im Moment hat. Ich habe auch Keren Kagarlitsky gefragt, ob wir „israelische“ Hausdirigentin wegstreichen sollen, wenn sie sich unsicher fühlt. Sie hat aber gesagt: „Ich habe Angst, aber ich werde mich nicht verstecken.“

Unmittelbar nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober in Israel hat die Volksoper Wien als einziges Haus der Wiener Bundestheater ihr Entsetzen und ihre Trauer über den brutalen Terrorangriffe in einem sehr klaren Statement*** zum Ausdruck gebracht. Wer hat das initiiert?
I Die Initiative kam von unserer Presseabteilung und dem Marketing im Haus, sie wollten ihre Empathie und Betroffenheit ausdrücken. Wir haben uns die Formulierung gut überlegt, denn als Teil der Bundestheater repräsentieren wir alle Österreicher. Wir haben viele Dankesbriefe erhalten, mich haben auch israelische Freunde und Kollegen kontaktiert, die das mitbekommen haben. Das kann natürlich nicht viel helfen, aber dem Haus und uns war es wichtig, den schrecklichen Hamas-Terror zu verurteilen und dennoch an die unschuldigen Menschen in Gaza zu denken.

Der Regisseur des Stücks, Theu Boermans, sagte bezüglich Holland zum Verhalten vieler Künstler während der NS-Besatzung: „Talent ist eben nicht gleichzusetzen mit hohen moralischen Prinzipien.“ Wie schätzen Sie die heutigen Menschen, Künstler ein? Würden sie heute auch wegschauen?
I Es gibt schon ein starkes Bewusstsein unter den Menschen, wie wichtig es ist, sich gegen Hass auszusprechen, aufzustehen und sich nicht zu verstecken. Aber unser Stück ist so schön geschrieben, denn es erzählt zwar die Situation vor dem Zweiten Weltkrieg, aber auch die sehr menschliche Geschichte des Theaters und seiner Menschen, über Ehrgeiz z. B.: Eine Darstellerin muss schnell flüchten, sonst wird sie deportiert. Da meldet sich eine Junge und sagt: „Ich will die Hauptrolle, ich kann diese Rolle auch, ich will sie spielen!“ Das ist vielleicht nicht schön, könnte aber auch heute passieren. Das Stück zeigt das nicht nur als böse oder gut, man ist nicht nur heilig, sondern hat menschliche Schwächen, auch das Böse hat so viele Grautöne. Es ist nicht gut zu sagen, man wäre ein Held gewesen … oft ist die Motivation gar nicht reflektiert.

  „Es sagt sich heute nicht so leicht:
,Ja, ja, das war damals‘ – und ,das ist ein Problem,
das es nicht mehr gibt.‘“
  Lotte de Beer   

Sie haben viel neuen Schwung gebracht und zahlreiche junge, vielversprechende Talente, Künstlerinnen und Musiker an die Volksoper engagiert. Hat sich das im ersten Jahr bewährt?
I Ja, denn wir haben das durch eine Umfrage bestätigt bekommen: Fast ein Viertel unsere Besucher ist unter 30 Jahre alt, das ist für ein Opernhaus ganz toll. Andererseits haben wir unseren Abonnementverkauf um 15 Prozent gesteigert. Abos werden nicht von 30-Jährigen gekauft, sondern eher vom älteren Publikum. Das bedeutet für mich, man fühlt sich auf beiden Seiten des Besucherspektrums wohl im Haus – und genau das wollte ich erreichen. Oft sprechen mich etwas ältere Leute auf der Straße an und sagen: „Am Anfang war ich sehr skeptisch, das muss ich Ihnen sagen, aber …“ Das freut mich natürlich sehr!

Ist Ihre Idee, Operette und Oper gleichwertig zu programmieren, gelungen?
I Natürlich muss man immer wieder überlegen, wie viel Oper man an diesem Haus spielen kann. Wir richten uns nach der Tradition: acht neue Titel im Jahr, davon zwei für Tanz, Ballett, zweimal Musical und Operette und dann zwei Opern. Wenn ich vier Opern programmieren würde, wäre das nicht balanciert, aber diese Ausgewogenheit zwischen den Genres macht die Volksoper aus. Und wir haben tolle Sänger, die müssen auch Mal richtige Operntitel singen.

In Wien gut angekommen und glücklich: VolksopernDirektorin Lotte de Beer. © David Payer

Auch die Kinderoper liegt Ihnen besonders am Herzen.
I Ja, unser restlos ausverkaufter Hit sind die Aristocats: Zu den mitreißenden Songs des Disneyfilms und mit ganz viel Fantasie und Spielfreude wird die Geschichte der Katzenfamilie erzählt. Jacques Offenbachs Oper für die ganze Familie Die Reise zum Mond spielt wegen des Erfolges immer noch: Meine sechsjährige Tochter Eliza hat alles an der Volksoper gesehen und meinte „das ist die beste Show, die ich je gesehen habe, sogar besser als The Lion King.“

Ist das Publikum nach dem Covid-Schock zurückgekehrt?
I Ja, das kann man nur bejahen. Im Moment ist die Auslastung sehr gut. Im September/Oktober haben wir noch das warme Wetter sehr gespürt: Da wollten die Wiener noch im Freien bleiben. Wir sind vom lokalen Publikum mehr abhängig als die Wiener Staatsoper, die viele Touristen im Zentrum anziehen kann. Da muss man ein bisschen daran arbeiten, aber wir haben alle finanziellen Ziele erreicht und sind sehr stolz auf die Auslastung.

Wie wirkt sich der Abschied von Musikdirektor Omer Meir Wellber auf das musikalische Ensemble aus?
I Omer hat eine steile Karriere gemacht und selbst gemerkt, dass man in einem Haus wie der Volksoper täglich da sein, es auch formen muss; daher hat er diese Entscheidung getroffen. Er geht uns aber glücklicherweise als Musiker nicht verloren: Omer wird zwei Premieren leiten und auch weiterhin Konzerte mit unserem Orchester dirigieren. Als Omer den Engländer Ben Glassberg an die Volksoper brachte, kam es zu einem „Liebe auf den ersten Blick“-Effekt mit dem Orchester. Einige der Mitglieder kamen zu mir und sagten, es sei so harmonisch mit ihm, und falls es Veränderungen geben sollte, möchten sie Ben unbedingt haben. Das ist jetzt eine wunderbare Lösung, denn Ben steht am Anfang seiner Karriere, hat die Zeit und Energie, um hier zu sein, er ist bei jeder Sitzung dabei und kommt mit seiner ganzen Familie nach Wien.

Fühlen Sie sich in Wien angekommen?
I Ja, denn ich fühlte mich schon ab dem ersten Mal, als ich in Wien gearbeitet habe, sehr wohl. Das war 2013, als ich an der Wiener Kammeroper La Bohème und 2014 am Theater an der Wien Les pêcheurs de perles inszenierte. Ich habe gleich gefühlt, das ist mein Publikum, wir sprechen die gleiche Sprache.

Sie haben auch einige Jahre in Israel gelebt?
I Ja, und an der israelischen Oper gearbeitet. In Tel Aviv habe ich gleich gemerkt, hier fühle ich mich zu Hause, das Temperament hat so gut gepasst. Aber in Wien stelle ich immer mehr fest: Mein Theater findet hier das richtige Publikum – es ist sehr gebildet, sehr interessiert, in die Tiefe gehend und mag trotzdem die joie de vivre, es will bezaubert werden, es ist nicht so rigid und streng wie in Deutschland. Als Künstlerin fühle ich mich total angekommen; als Direktorin schon gut eingespielt, es geht alles fließender – und als Mutter finde ich es herrlich, dass mein Kind hier in eine zweisprachige Grundschule geht. Es ist schön, dass wir hier Wurzeln schlagen können, denn die ersten vier Jahre hat sie mit mir nur aus dem Koffer gelebt.

Sie lieben es, Regie zu führen, nehmen Sie Angebote auch außerhalb der Volksoper an?
I Ursprünglich war geplant, dass ich eine Regie pro Jahr am Haus mache. Dann habe ich gemerkt, dass es auch ökonomisch mehr Sinn macht – ich muss mich ja nicht bezahlen –, wenn ich zwei Regiearbeiten an der Volksoper liefere. Wenn man mit den Menschen im Haus arbeitet, kann man besser spüren, was hier los ist. Daher habe ich dieses Jahr alle Angebote abgelehnt, weil ich hier sein wollte.
Im Jänner mache ich hier West Side Story von Leonard Bernstein und im April 2024 La Rondine von Giacomo Puccini. Ab nächster Saison arbeite ich in zwei Städten in Frankreich – ich mache sozusagen Gastarbeit, aber das Stück kommt dann auch an die Volksoper. Bei meinem Antritt als Intendantin dachte ich zuerst, ich müsste einen Teil meiner künstlerischen Arbeit aufgeben, um hier Büroarbeit zu machen – und das würde mir schwerfallen. Aber wenn sich die Büroarbeit um die Kunst dreht, darum, bessere Umstände für die Menschen zu schaffen, dann fühlt man den gleichen Herzschlag dabei!


* Die in Texas geborene und in Wien lebende Sopranistin Rebecca Nelsen gastiert an renommierten europäischen Häusern in München, Dresden, Köln, Venedig und Nantes. Festivalengagements führten sie nach Salzburg und Glyndebourne. Unter anderem wirkte sie in Donizettis Opera buffa Viva la Mamma 2015 an der Volksoper mit.
** Marie-Theres Arnbom: „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt.“ Aus der Volksoper vertrieben – Künstlerschicksale 1938. Ergänzte Neuausgabe mit Vorworten der Direktorin Lotte de Beer und des kaufmännischen Geschäftsführers Christoph Ladstätter. Wien 2023.
*** Stellungnahme nach den Ereignissen vom 7. Oktober in Israel: „Die Volksoper Wien und ihre Mitarbeiter:innen blicken mit Entsetzen und Trauer auf die Terrorangriffe der Hamas auf Israel. Wir lehnen Antisemitismus in jeglicher Form entschieden ab, nichts kann diese Taten rechtfertigen. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen, aber auch bei allen jüdischen Mitbürger:innen, die von diesem schrecklichen Angriff erschüttert und in Angst versetzt werden. Als österreichische Kulturinstitution sind wir uns unserer besonderen historischen Verantwortung bewusst und setzen uns mit den Themen Hass und Intoleranz in unserer künstlerischen Arbeit kontinuierlich auseinander. Wir stehen solidarisch mit allen zivilen Opfern und friedliebenden Menschen, die auf beiden Seiten unter den Auswirkungen dieses Terrorangriffs und Krieges leiden.“

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