RETTER DER KINDER

1998 wurde der Österreicher Franz Leitner von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Der als politisch Verfolgter im KZ Buchenwald Internierte hatte gemeinsam mit anderen Häftlingen hunderten Kindern und Jugendlichen das Leben gerettet. Der Historiker Heimo Halbrainer zeichnet nun das Leben Leitners und die Geschichte dieser Rettung in dem Buch Franz Leitner. Kommunist und „Gerechter unter den Völkern“ nach.

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„Gerechter unter den Völkern“: Franz Leitner, Jahrgang 1918, hier wenige Monate vor seinem Tod im Herbst 2005.

Wie viele Überlebende in ihren Erinnerungen immer wieder beschrieben haben, war das System Konzentrationslager ein zwar potenziell für jeden tödliches, doch für die, die mutig waren, boten sich kleine Schlupflöcher, die Handlungsspielräume eröffneten, um so sich selbst, aber auch andere vor dem Allerschlimmsten zu schützen. Im KZ Buchenwald bedeutete das etwa zu schauen, dass man von einem körperlich nicht lange durchzuhaltenden Arbeitsdienst zu einem etwas weniger anstrengenden Arbeitsdienst versetzt wurde. Oder dass man auf keine Deportationsliste in das KZ Auschwitz gesetzt wurde.

Heimo Halbrainer dokumentiert nun in seinem Band zu Franz Leitner, wie hier politisch Inhaftierte, viele von ihnen waren wie Leitner ebenfalls Kommunisten, am Unrechtsort Buchenwald ein System der Solidarität etablierten. Die politischen Häftlinge organisierten sich hier, um im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten anderen Inhaftierten Schutz und Hilfe zu bieten, dabei einerseits ihre Lebensbedingungen erträglicher zu machen und sie andererseits vor dem Tod zu bewahren. Das mündete 1943 in der Gründung eines Internationalen Lagerkomitees.

Heimo Halbrainer: Franz Leitner. Kommunist und „Gerechter unter den Völkern“. Clio 2023, 180 S., € 20

Schon zuvor gaben die bereits länger Inhaftierten den Neuankömmlingen Tipps, Kräftigere übernahmen schwere Arbeiten, die von Älteren und Schwächeren nicht bewerkstelligt hätten werden können, man teilte Sonderrationen an Brot und Wurst, zweigte Essen aus der Häftlingsküche ab und Kleidung aus der Kleiderkammer. Vor allem aber versuchten sie, so genannte „Grüne“, also verurteilte Strafgefangene, die als Funktionshäftlinge eingesetzt waren, aus diesen Lagerfunktionen zurückzudrängen und diese selbst einzunehmen.

Das KZ Buchenwald war zwar nicht für die Inhaftierung von Kindern und Jugendlichen geplant, dennoch wurden schon ab 1938 immer wieder Minderjährige hierher verbracht, zunächst mit ihren Vätern, als diese im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ verhaftet worden waren. Die meisten von ihnen waren Roma und Sinti. Über die Jahre wurden sie auch ohne Väter hierher deportiert, etwa weil sie der Zwangsarbeit durch Flucht zu entkommen versucht hatten. Sie kamen ursprünglich aus Polen, Tschechien, Holland, Frankreich. Ab Mitte 1942 landeten zunehmend auch jüdische Kinder und Jugendliche in Buchenwald.

Leitner und seine Mitstreiter erkämpften, dass die Minderjährigen in einem eigenen Block untergebracht wurden, und Leitner wurde der „Blockälteste“ in dieser Baracke. Mit Unterstützung anderer politisch Inhaftierter gelang es ihm, die Jugendlichen in leichteren Arbeitskommandos einzusetzen und sie mit zusätzlichen Lebensmitteln zu versorgen. Kurz vor der Befreiung Buchenwalds sollten jüdische Minderjährige noch rasch abtransportiert werden, um ermordet zu werden. Leitner und die anderen Widerstandskämpfer hatten ihnen allerdings eingeschärft, sich nicht als jüdisch zu erkennen zu geben. Sie achteten auch darauf, dass sie nicht als jüdisch gekennzeichnet wurden. Als die Kinder und Jugendlichen am Appellplatz antreten mussten und die Frage „Wer ist Jude?“ gestellt wurde, trat niemand von ihnen vor. So konnten 175 Minderjährige Tage später die Befreiung des Lagers erleben.

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