Roh und ungeschliffen

Jetzt ist es also wieder passiert. Nach „Shtisel“ und „Unorthodox“ hat Netflix mit „Rough Diamonds“ erneut eine Serie im ultraorthodoxen jüdischen Milieu von der Leine gelassen.

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Stereotypen bedient oder aufgebrochen? Rough Diamonds zwischen MafiaThriller und jüdischem Famiiendrama. © Netflix

Pejes fliegen über Screens und kein Ende in Sicht. Tagelang könnte man auf der chassidischen Welle streamen – von Brooklyn über Mea Shearim bis Antwerpen. Ebendort, im traditionell jüdisch geprägten belgischen Diamantenviertel, ist „Rough Diamonds“ angesiedelt – ein schillernder Hybrid von Mafia-Thriller und jüdischem Familiendrama. Ingredienzien beider Genres professionell in acht Folgen gemixt – von israelischer Seite war das „Fauda“- Duo Rotem Shamir und Yuval Yefet am Werk – ergibt eine mehr oder minder attraktive Serien-Meterware von offenbar exotischem Reiz.

Ergraute Häupter, unter der Last von Streimeln und Zores gebeugt, murmeln Gebete in ihre Bärte, schaukeln gramvoll hin und her, denn zu Sorge ist wahrlich Anlass.

Seit Yankel, der irregeleitete jüngste Wolfson-Spross, zum Auftakt höchst spektakulär Selbstmord begangen hat, nimmt das Unheil offenbar schicksalhaft und unaufhaltsam seinen Lauf. Wie in den Buddenbrooks stirbt dann mit dem Patriarchen, ein Garant für Kaufmannsehre und jüdischen Anstand, auch der gute Ruf der Diamanten-Dynastie, die auf Grund der zunehmenden indischen Konkurrenz im harten Geschäft mit Roh-Diamanten ohnehin in Bedrängnis geraten ist. Und wie in den Buddenbrooks stehen zwei Söhne und eine Tochter, letztlich auch selbstverschuldet – immer tiefer verstricken sie sich in den Fängen einer Drogen-Mafia – vor den Scherben ihres Erbes. Die Parallelen zum Lübeck von Thomas Mann ließen sich weiter spinnen, was aber eher und darüber hinaus zum Räsonieren veranlasst, ist die rätselhafte Faszination der hermetischen Welt des haredischen Judentums auf ein globales Publikum, ein zumindest erstaunenswertes Phänomen.

 

„Weil sie für uns irgendwie auch
ein bisserl Familie geworden sind,
Shame and Scandal inklusive …“

 

Befremdlich. Wie erleben der jüdischen Welt ferne Zuschauer*Innen eine orthodoxe Hochzeit, bei der Männer und Frauen streng getrennt voneinander feiern, wie die Rituale eines Schabbat- oder Sedermahls, wie die Strategien einer Eheanbahnung? Und wie schaut´s aus, wenn bei eindeutig gar nicht koscheren Machenschaften immer wieder „mit G´ttes Hilfe“ gerechnet wird? Da steht wohl nicht nur die ermittelnde belgische Staatsanwältin vor einer Mauer des Unverständnisses.

Werden Stereotype bedient oder aufgebrochen? Werden antisemitische Vorurteile gefestigt oder siegt letztlich die Sympathie mit den allzu menschlichen Seiten einer fremden Familie? Im Fall der Wolfsons brillieren vor allem starke Frauen als Sympathieträgerinnen, angefangen von Adina, dem eigentlichen Boss der Firma, die von der wunderbaren Patriarchin Sarah als das klügste ihrer Kinder erkannt wird, bei den drei in verschiedener Hinsicht missratenen Söhnen wirklich kein Wunder.

Trotz universal vertrauter Krimi-Spannung und sichtlich milieugerechter Details – sogar die Kekse am Kaffeetisch sollen koscher gewesen sein –, kann man sich doch manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass hier, wie in den meisten einschlägigen Serien, die Orthodoxie als eine Art „Sekte“ mit eigenen Gesetzen ausgestellt wird, wie Eingeborene eines exotischen Stammes. Ja, eh auch Menschen wie wir …

Weil sie für uns irgendwie auch ein bisserl Familie geworden sind, Shame and Scandal inklusive, bleibt nach ihrem einseitigen „Ghosting“ sogar ein gewisser Trennungsschmerz. Ob die Wolfsons wiederkehren, ist noch ungewiss. Zwingend wäre es nicht.

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