Mikrokosmos IKEA

Das IKEA-Café von Netanya kann als Spiegel für so manche gesellschafts- und sozialpolitische Veränderungsprozesse bezeichnet werden. Ein Besuch dort vor wenigen Wochen macht das nur zu deutlich. Eine persönliche Einkaufsreportage.

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Erschöpft nach dem IKEA-Einkauf? Das ist wohl ein globales Phänomen, das sich durch alle Länder, Glaubensgemeinschaften und Schichten zieht. IKEA in Israel bietet aber noch ein paar ganz spezielle Eigenheiten. © RONEN ZVULUN / REUTERS / picturedesk.com

Wir haben fast schon Juni, es ist heiß und regnet. Ein ungewöhnliches Wetter, aber das hat es in den vergangenen Jahren mindestens schon einmal gegeben. Das Klima im Land, vor allem an der Küste, ist zweifellos tropischer geworden. An diesem Sonntagmorgen tröpfelt es also, als ich zu IKEA in Netanya fahre. Vor dem Eingang stehen bereits ältere Israelis, Männer und Frauen, die einander offenbar alle gut kennen. Sie sind zu früh.

Die Cafeteria öffnet um halb zehn, die Ausstellungsetagen sind ohnehin erst ab zehn Uhr zugänglich. Doch keiner ist zum Einkaufen gekommen. Man trifft sich zum Frühstück. Für neun Schekel, weniger als zweieinhalb Euro, gibt es Kaffee so viel man will, dazu Ei, Käse, Marmelade, Butter, ein kleines Croissant und eine kleine Buttersemmel. Für hiesige Verhältnisse sensationell. Verglichen dazu gibt es in den meisten Cafés kaum mehr ein größeres Frühstück unter 70 Schekel.

An nur wenigen Orten ist die Klientel ähnlich divers aufgestellt: Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte, Alte und Junge, Aschkenasim und Misrachischim, Neueinwanderer und Alteingesessene […].

Als die neue Regierung im Dezember angetreten ist, versprach sie, die gestiegenen Lebenshaltungskosten zu reduzieren. Dann aber sah es so aus, als gäbe es nur mehr die Justizreform, sie wurde jetzt zumindest vorübergehend auf Eis gelegt. Jetzt ist das Thema Preise erneut ins Zentrum der Debatte gerückt.

Das IKEA-Café mit Blick auf den Parkplatz ist somit längst Teil der israelischen Infrastruktur geworden. Filialen des schwedischen Möbelhauses gibt es heute auch in Beer Sheva, Beit Shemesh, Kiryat Ata, Rishon LeZion und (nur für Küchen) in Tel Aviv. Früher sind ganze Familien in den Ferien zur Bespaßung dorthin gefahren, die Kinder spielten dann mit den bunten Bällen in riesigen Käfigen. Seit der Pandemie aber sind Letztere verschwunden. Auch öffnen die Filialen nicht mehr am Samstagabend, also kurze Zeit nach SchabbatEnde. Wahrscheinlich lohnt es sich nicht.

Einzigartig bei IKEA in Israel aber sind nicht nur die Preise. Die Filialen mit ihrem globalen Design mögen sich ja durchaus in allen Winkeln der Welt gleichen, mit den immer gleich klingenden Namen der Waren, und den Witzen der Kunden über die Herausforderung des Zusammenbauens nach Anleitung. Hier aber kommt noch etwas hinzu: das gesellschaftliche Mosaik, das sich einem bietet. Denn an nur wenigen Orten ist die Klientel ähnlich divers aufgestellt – Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte, Alte und Junge, Aschkenasim und Misrachischim, Neueinwanderer und Alteingesessene, bauchfreie T-Shirts und schwarze ultraorthodoxe Hüte, heterosexuelle und gleichgeschlechtliche Paare, die das erste gemeinsame Zuhause einrichten. Alles auf einer Fläche, das kommt so geballtansonsten nur in den Spitälern und Warteräumen der Krankenkassen zusammen.

Hinter der Theke in der Cafeteria bedienen
Männer mit Behinderung, einige mit, andere ohne Kippa.
An der Kasse sitzt eine
streng religiöse junge Kassiererin.

Hinter der Theke in der Cafeteria bedienen Männer mit Behinderung, einige mit, andere ohne Kippa. An der Kasse sitzt eine streng religiöse junge Kassiererin. Sie verteilt routiniert die Frühstückskarten. Die Fensterplätze sind in Windeseile besetzt. Man kennt sich auch sonst aus. Eine ältere Frau erklärt mir, dass es besser ist, das Gebäck durch den Toaster laufen zu lassen, und das geschnittene Ei kurz in der Mikrowelle zu wärmen. Sie hat Recht.

Eigentlich aber bin ich gekommen, um Regale zu kaufen. Die Verkäuferin ist ausgesprochen hilfsbereit, um diese Zeit gibt es kaum andere Kunden. Sie stammt aus der Ukraine, eingewandert vor ein paar Jahren, ihr Hebräisch ist fließend. Unten im Lager brauche ich erneut Unterstützung, die sperrige Ware muss auf den Einkaufswagen, durch die Kasse und dann ins Auto. Vladmir, ein junger Mann im IKEA-Outfit, will gerne helfen, aber er fragt, ob er Englisch sprechen könne. Er stammt aus Sankt Petersburg, ist im letzten Jahr mit seiner Frau gekommen.

Nein, nicht der Krieg hat ihn zu diesem Schritt bewegt, er wollte schon vorher weg, er fand die politische Entwicklung zunehmend bedenklich. Eigentlich ist er von Beruf Data-Analyst, aber in dem Bereich muss er erst noch Fuß fassen. Jetzt muss er sich um seine junge Familie kümmern, er hat einen zwei Monate alten Sohn, Michael – ein internationaler Name, fügt er hinzu. Man kann ja nicht wissen, wohin einen das Leben verschlägt. Seine Frau arbeitet in einem Kindergarten.

Beim Abschied, als alles gut in meinem Wagen verstaut ist, fragt er, ob er sich auf LinkedIn mit mir vernetzten darf. Am Abend schickt mir Vladimir eine Anfrage, da steht sein gesamter Lebenslauf. Studium in Moskau, Künstliche Intelligenz, Data Scientist, dann Relocation nach Netanya. Derzeit beschäftigt mit Kind und Networking.

Wieder zu Hause, warten die arabischen Arbeiter, die bei uns das Bad renovieren. Ihr Chef ist ein Grenzgänger aus Jaffa, seine Kunden stammen aus dem Großraum Tel Aviv, seine Arbeiter aus den Gebieten jenseits der Grünen Linie. Sein Bruder wohnt in Finnland und hält ihn über die neuesten europäischen Entwicklungen in der Baubranche auf dem Laufenden. Über die teilweise unklaren Anleitungen von IKEA schmunzeln wir dann alle.

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