Schießen mit Licht

Israelische Unternehmen entwickeln eine Reihe von Laserwaffen aus militärischen und ökonomischen Gründen.

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© Tsafrir Abayov / AP / picturedesk.com; Flash90

Moshe Patel, als Direktor im israelischen Verteidigungsministerium verantwortlich für die Luftabwehr, plaudert normalerweise keine Geheimnisse aus. In einem Interview mit der amerikanischen Fachzeitschrift Defense News Ende 2020 ließ er sich doch zu einer – wenn auch kryptischen – Antwort zu einem der modernsten Waffensysteme verleiten: „Gerichtete Energie (Laser) ist etwas, das bei Israels Verteidigung künftig eine erhebliche Rolle spielen wird.“ Vieles davon sei noch geheim, so Patel, „aber wir sind mit Technologien der gerichteten Energie in einem sehr fortgeschrittenen Stadium. […] Ich bin in dieser Sache heute viel optimistischer als noch vor fünf Jahren.“
Israel ist nicht das einzige Land, das Laserwaffen entwickelt. Führend sind dabei die USA, aber auch Russland, China, die Türkei und Deutschland berichten in regelmäßigen Abständen von neuartigen Einsatzmöglichkeiten und getesteten Prototypen. Vorrangig geht es dabei um die Abwehr von Drohnen, Raketen oder Artilleriegeschossen durch einen Laserstrahl, und zwar von Land oder von Schiffen aus. Auch Laserkanonen an Bord größerer Flugzeuge zum Beschuss von Bodenzielen werden in den USA bereits vermeldet. Als erster öffentlich dokumentierter Fall eines Lasereinsatzes in einem bewaffneten Konflikt gilt Libyen, wo mit einem türkischen Laser eine Drohne abgeschossen wurde. Die deutsche Marine testet eine von Rheinmetall entwickelte Laserwaffe auf einer Korvette.

Der Einsatz von Iron-Dome-Abwehrraketen kommt pro Schuss auf etwa 50.000 bis 60.000 Dollar, ein Schuss mit einer Laserkanone auf wenige Dollar.

Warum sind derartige Waffen für Israel wichtig? Warum investieren die Regierung und die großen Rüstungsfirmen Elbit Systems und Rafael hier Millionen? Und warum misst der Luftabwehr-Direktor Patel diesen Systemen eine derart große Bedeutung zu, selbst wenn seine Organisation mit Iron Dome, Arrow und David’s Sling bereits über mehrere raketengestützte Luftabwehrsysteme verfügt. Diese müssen etwa gegenüber Angriffen aus dem Gazastreifen von Hamas und palästinensischem Dschihad immer wieder ihre Einsatzfähigkeit und Treffsicherheit beweisen.
Für die Lasertechnologie sprechen unterschiedliche Argumente. Erst einmal gibt es eine Reihe neuer Bedrohungen, gegen die der Einsatz von Abwehrraketen nicht sinnvoll wäre. Das sind einmal die primitiven Flugdrachen und Ballons, mit denen die Palästinenser Felder und Wälder im Süden Israels in Brand stecken. Gegen diese setzt die israelische Armee das Lasersystem „Light Blade“ ein. Es wurde mittlerweile ebenfalls an der Nordgrenze zum Libanon stationiert, seit die Hisbollah auch dort anfing, fliegende Brandsätze loszuschicken. Der Kommandeur der Grenzschutzpolizei, Ja’akov Schabtai, lobte das Gerät bereits öffentlich: „Heute präsentieren wir eine anwendbare und effektive Lösung zum Abfangen von Ballons.“

Wie funktioniert eine Laserwaffe?
Markus Jung ist Abteilungsleiter Directed Energy, Technologie & Innovation bei Rheinmetall Defence in Deutschland. Er erklärt: „Laser können das militärische Wirkungsspektrum erheblich erweitern. Bei der Laserwaffe handelt es sich um eine Präzisionswaffe, die ihre Wirkung auf einen kleinen Fleck begrenzt. Bei niedriger Leistung lassen sich zum Beispiel Optroniken neutralisieren, so dass ihre Nutzer keine Sichtmittel mehr haben. Mit höherer Leistung kann der Laser in Strukturen eindringen, also schneiden oder penetrieren. Dadurch lässt sich zum Beispiel Munition zerstören, oder man kann unbemannte Fluggeräte neutralisieren. Die Liste der Anwendungen ist beliebig erweiterbar.“
Dabei greift Rheinmetall bei seiner Entwicklung auf Laser zurück, die bereits in der Industrie verwendet werden, etwa zum Schweißen in Automobilfabriken. Der Begriff „LASER“ ist ein Akronym und steht für „Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation“, zu Deutsch „Lichtverstärkung durch stimulierte Emission“. Einfacher ausgedrückt: Mit Strom angeregte Lichtteilchen (Photonen) geben Energie in Form von Licht ab. Dieses Licht wird dann zu einem Strahl gebündelt und auf einen Punkt gerichtet. Beim Einsatz von einem Laser als Waffe zur Abwehr von Raketen oder Geschoßen besteht das Problem, diesen Strahl eine bestimmte Zeit lang präzise auf dem Ziel zu halten, während dieses – sehr schnell – fliegt. Erst dann kann er es zerstören.

Das sei bisher weltweit das erste System seiner Art. Entwickelt wurde es von Forschern der Universität Ben-Gurion gemeinsam mit dem Grenzschutz unter Schabtais Leitung. Es sei bei Tageslicht wie bei Nacht einsatzbereit und verfüge über eine Reichweite von zwei Kilometern. Laut Polizeisprecher Micky Rosenfeld habe man in den ersten Monaten eine Erfolgsquote von 90 Prozent erzielen können.
Ähnliche künftige Einsatzmöglichkeiten gelten kleinen Drohnen, die bodennah fliegen und Sprengsätze an militärische und zivile Ziele transportieren können. Hier bieten sich Laserwaffen als logische Gegenmaßnahmen an. Und auch zum Schutz der Gasplattformen im Mittelmeer gegen Angreifer mit Schlauchbooten oder kleinen ferngesteuerten Kamikaze-Schiffen wären Laserwaffen sinnvoll.
Ein weiterer Grund für die Entwicklung von Laserkanonen ist die Ökonomie. Der Einsatz von Iron-Dome-Abwehrraketen kommt sehr teuer, pro Schuss auf etwa 50.000 bis 60.000 Dollar. Schon jetzt werden diese nur abgefeuert, wenn der vorberechnete Einschlag einer Rakete aus Gaza in dicht bewohntem Gebiet in Israel sein wird. Schlägt das Geschoss mit hoher Wahrscheinlichkeit auf freiem Feld auf, spart man sich die Gegenmaßnahme. Ein Schuss mit einer Laserkanone ist im Gegensatz dazu viel billiger, liegt im Bereich weniger Dollar. Das kann dann noch wichtiger werden, falls in einem größeren Konflikt die Hisbollah Schwärme von Raketen oder Drohnen auf einmal losschickt. Dann wäre eine traditionelle Raketenabwehr schnell überfordert, mit einer größeren Anzahl von Laserkanonen könnte die Abschussleistung steigen.
Warum hinkt dann die Laserwaffe konventioneller Raketenabwehr noch um Jahre hinterher? Es waren technische Probleme unterschiedlicher Art, die etwa auch die USA dazu zwangen, ein umfangreiches Programm von mobilen Laserwaffen nach langen, teuren Vorarbeiten wieder einzustellen. In Israel steht ein solches System, auf Panzerfahrzeugen montiert, bereits im Erprobungsstadium. Neben stationären Einheiten als Ergänzung zum Iron Dome soll als dritte Säule das Montieren von Laserraketenabwehrwaffen auf Drohnen folgen. Wenn diese grenznah im Luftraum patrouillieren, könnten damit einfliegende Geschosse deutlich früher abgeschossen werden.
Die Zielgenauigkeit des Lasers setzt enorme, extrem schnelle Rechnerleistungen voraus.

Laserkanone. Eine effektive und kostengünstige Abwehr, beispielsweise gegen entflammbare Ballons, mit denen Palästinenser Felder und Wälder im Süden Israels in Brand stecken. © Tsafrir Abayov / AP / picturedesk.com; Flash90

Dieses Problem hatte auch Iron Dome, insbesondere mit primitiveren Raketen aus Gaza, die nicht genau vorgerechneten Flugbahnen folgten, sondern auf ihrem Kurs hin und her torkelten. Dafür brauchte es neue Algorithmen und ein ständiges Nachkorrigieren für die Abwehr. Das gilt auch für den Laser.
„Durch die Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen der Verteidigungsbehörde in den letzten Jahren gehört der Staat Israel zu den führenden Ländern auf dem Gebiet der Hochenergielasersysteme“, so Brigadegeneral Yaniv Rotem, Direktor der Abteilung für Forschung und Entwicklung des israelischen Verteidigungsministeriums. Im Jahr 2006 empfahl jenes Komitee, das sich damals für die Entwicklung von Iron Dome aussprach, auch eine intensive Forschung zu Laserwaffen. Konkrete Schritte in Richtung eines völlig neuen Lasersystems begannen dann wohl schon im Jahr 2009, doch es sollte zehn Jahre bis zu einem Durchbruch dauern. Dieser erfolgte 2019, als es den Ingenieuren des Verteidigungsministeriums und den Technikern von Rafael und Elbit gelang, den Laserstrahl stabil auf Ziele in großer Entfernung zu richten. Doch bis zum breiten operativen Einsatz dürfte es noch dauern.

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