Sex and Crime in Be’er Scheva

Mit ihren sozialkritischen Büchern ist Shulamit Lapid über die Grenzen Israels hinaus bekannt geworden. Lokalausgabe, das Krimidebüt der heute 87-jährigen Mutter des gegenwärtigen Premierministers Jair Lapid, gleichzeitig der erste Fall ihrer sympathisch verhuschten Heldin Lisi Badachi, ist nun als Taschenbuch neu zugänglich.

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Shulamit Lapid: Lokalausgabe. Lisi Badachis erster Fall. Deutsch von Mirjam Pressler. Dörlemann, 352 S., € 19,60

Großer Busen, große Plattfüße, große Plastikohrringe. Alles ist groß an Lisi Badichi, und trotzdem ist sie keine Frau, „die man groß bemerkte“. In Be’er Scheva , wo sie als Reporterin der Zeit im Süden allgegenwärtig ist, genießt sie als „Bekloppte“ keinen allzu guten Ruf. Sehr zu Unrecht, denn Lisi ist professionell, fleißig, klug, loyal und verschwiegen. Und mit ihren dreißig Jahren immer noch Jungfrau.

Mit ihrer Protagonistin Lisi Badachi ist der israelischen Kriminalautorin Shulamit Lapid ein Wurf gelungen. Ihr erster Fall erschien bereits 1989 in Israel und erhielt in der wunderbaren Übersetzung der leider schon verstorbenen Mirjam Pressler 1996 den Deutschen Krimipreis.

 

„Wehe der Generation, deren Richter sich
vor dem Gesetz verantworten müssen.“

 

Mehrere Badachi-Fälle folgten, und die 1934 geborene Autorin gilt heute als eine der prominentesten Schriftstellerinnen des Landes. Dass sie auch die Mutter des gegenwärtigen Ministerpräsidenten Jair Lapid ist, wird vom Verlag diskreterweise verschwiegen. Wie sein Vater, der ehemalige Justizminister Josef Lapid, wechselte auch Jair erst nach Jahrzehnten vom Journalismus in die Politik. Und so schlägt sich Shulamit Lapids wohl familiär bedingte Insider-Kenntnis der journalistischen Szene auch in ihrer Lokalausgabe aufschlussreich nieder. Da gibt es den täglichen Konkurrenzkampf der Regionalblätter und ihrer Reporter, die lähmenden Pressekonferenzen kleinkarierter Kunst-, Garten- und sonstiger Vereine und die Mediengeilheit der Provinzkaiser.

Schöne Leiche. So schmeißt Pinchas Hornstick anlässlich seiner Ernennung zum neuen Bezirksrichter eine große Party, für Lisi quasi ein „Seitenblicke“-Pflichttermin, bei dem sie ihre lästige Jungfernschaft verlieren und sogar in einen Mordfall verstrickt werden soll. Denn genau in jener folgenschweren Nacht wird die Gattin des Bezirksrichters, die schöne und glamouröse Bauunternehmerin Alex Hornstick, tot im festlich geschmückten Garten der tollen Villa aufgefunden.

Gut vernetzt in der örtlichen Polizei, die Männer ihrer beiden Schwestern sind Polizisten, die kurioserweise im besten Einvernehmen ihre Ehefrauen getauscht haben, recherchiert Lisi anfänglich aus journalistischem Interesse den rätselhaften Fall, schon um etwaigen Konkurrenten um die saftige Sex-and-Crime-Story immer einen Artikel voraus zu sein. Weil sie sich dabei auch als instinktreiche Kriminalistin entpuppt, werden, nachdem sie und die Leserschaft Blut geleckt haben, auf ihren ersten Fall natürlich weitere folgen. Seinen Reiz bezieht der fast naiv einfach gestrickte Plot aus dem so detailreich geschilderten Milieu, dem Beiwerk aus Korruption und Kleinkriminalität, in die unter anderen auch gut beleumundete Kibbuzmitglieder verstrickt sind, den mit wenigen Strichen gezeichneten Miniporträts, etwa von windigen Provinz-Gigolos oder verschlagenen Weinhändlern. Höchst liebevoll gemalt hingegen ist Lisis Tante Klara, eine ehemalige Opernsängerin, die früher Lisis Onkel, also ein Mann gewesen ist.

Eindeutig von gestern, das heißt aus der Prä-Handy-Ära, sind die technologischen Mittel der Recherchen, umso zeitloser erscheinen hingegen politische Leitmotive Israels wie die bereits damals aktive Jihad- Bewegung.

Und die Warnung: „Wehe der Generation, deren Richter sich vor dem Gesetz verantworten müssen“, erweist sich aus heutiger Sicht geradezu prophetisch.

Auch Nicht-Krimi-Fans werden diesen literarisch niveauvollen Unterhaltungsroman genießen können, Freund:innen des beliebten Genres handwerklich perfekt gemachter Whodunit mit stimmigem Lokalkolorit kommen hier vollends auf ihre Rechnung.

 

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