Simon-Wiesenthal-Preis 22 – Standing Ovations für Zeitzeugen

Am Ende sind die unwiederbringlichen Momente die, die ans Herz gehen: Als ganz am Ende der Verleihung der Simon-Wiesenthal-Preise für das Jahr 2022 durch das österreichische Parlament Montag Abend vier Zeitzeugen und Zeitzeuginnen für ihr Sprechen über und Teilhaben lassen an ihren Verfolgungsgeschichten in der NS-Zeit geehrt wurden, stand im Publikum einer nach dem anderen auf und zollte Lucia Heilman, Tswi Herschel, Wanda Albinska (im Plenarsaal anwesend) und Jackie Young (online zugeschalten) mit standing ovations Respekt.

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Verleihung des Simon-Wiesenthal-Preises 2022 Von links: Simon-Wiesenthal-Preisträger 2022 Dajani Daoudi, Simon-Wiesenthal-Preisträgerin 2022 Waltraud Barton, Brigitte Bailer Universität Wien, Simon-Wiesenthal-Preisträgerin 2022 Zikaron BaSalon, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Oskar Deutsch, Katharina von Schnurbein EU Kommission, Jurymitglied, Racheli Kreisberg Enkelin von Simon Wiesenthal, Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), Lucia Heilman Zeitzeugin, Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses Ariel Muzicant, Tswi Herschel Zeitzeuge, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus Hannah Lessing
Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), Simon-Wiesenthal-Preisträgerin 2022 Zikaron BaSalon, Katharina von Schnurbein EU Kommission

Der Hauptpreis der nun zum zweiten Mal vergebenen Auszeichnungen ging an die israelische Gedenkinitiative Sikaron BaSalon („Wohnzimmer der Erinnerung“). Im privaten Rahmen kommen dabei Menschen zusammen, hören den Erzählungen Schoa-Überlebender zu und es ergeben sich ungezwungene Gespräche. Das Konzept wird inzwischen auch in europäischen Ländern umgesetzt. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka kündigte an, man wolle diese Initiative mit dem Nationalfonds auch in Österreich übernehmen. Juryvorsitzende Katharina von Schnurbein, sie ist die Antisemitismusbeauftragte der EU-Kommission, betonte in ihrer Würdigung, „einer der wirksamsten Impfstoffe gegen Antisemitismus sind die Zeugnisse der Überlebenden“. Sikaron BaSalon schaffe hier ein Umfeld für Zeitzeugen, in dem sie ihre Geschichte erzählen könnten. Nominiert waren für den Hauptpreis neben Sikaron BaSalon der spanische Kulturverein Mota de Judios, das österreichische Dialogprojekt LIKRAT und das Schwedische Komitee gegen Antisemitismus.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), Simon-Wiesenthal-Preisträgerin 2022 Waltraud Barton, Brigitte Bailer Universität Wien

Mit dem Preis für zivilgesellschaftliches Engagement für Aufklärung über den Holocaust wurde Waltraud Barton ausgezeichnet. Mit ihrem Verein IM-MER machte sie auf die rund 10.000 in Maly Trostinec und Minsk ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden aufmerksam. Inzwischen erinnert ein Mahnmal an dem Ort, an den Menschen nur verbracht wurden, um dort sofort ermordet zu werden, an die Opfer. Die Würdigung nahm für die Jury die Zeithistorikerin Brigitte Bailer-Galanda vor – es sei Bartons Hartnäckigkeit zu verdanken, dass es inzwischen dieses Denkmal an der Stätte des Verbrechens gebe. Barton machte in ihren Dankesworten klar, dass sie auch weiterhin laut sein werde. „Wien braucht einen zentralen Vermittlungsort“, sagte sie. Dort solle über alle in der Schoa Verfolgten informiert werden, aber auch animiert werden, gegen Ungerechtigkeiten heute aufzustehen. „Ich verspreche nicht aufzuhören, bis auch das verwirklicht ist.“ Neben IM-MER waren für diese Auszeichnung auch der Verein für aktive Gedenk- und Erinnerungskultur Alpine Peace Crossing sowie die Initiative Zweitzeugen nominiert.

Von links: Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), Simon-Wiesenthal-Preisträger 2022 Dajani Daoudi, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Oskar Deutsch

Der palästinensische Friedensaktivist Mohammed S. Dajani Daoudi erhielt den Preis für zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus. Mit seiner Organisation Wasatia engagiert er sich seit 2007 im Kampf gegen Antisemitismus und in der Aufklärung über den Holocaust. IKG-Präsident Oskar Deutsch bedauerte seitens der Jury, dass Daoudi auf Grund seines Engagements nicht nur seine Anstellung an der Al Quds-Universität verlor, sondern bis heute persönlichen Anfeindungen ausgesetzt sei. Die Auszeichnung würdige den Mut Daoudis. Der Geehrte betonte, es sei nicht nur richtig, gegen Antisemitismus zu kämpfen, das verlange auch die Moral. Er hoffe immer mehr Menschen zu überzeugen, „Licht wird die Dunkelheit bekämpfen, Wissen die Ignoranz“. Nominiert waren in dieser Kategorie auch der deutsche Verein DEIN – Demokratie und Information und die Europäische Janusz-Korczak-Akademie.

Für die Simon-Wiesenthal-Preise 2022 wurden über 260 Bewerbungen aus über 30 Ländern eingereicht. Bei dem Festakt wurde nicht nur Simon Wiesenthal gewürdigt (Sobotka: „Wiesenthal war sicher eine der Lichtgestalten der Zweiten Republik“), sondern auch an Karl Pfeifer erinnert, der im vergangenen Jahr geehrt worden war. Er verstarb zu Beginn dieses Jahres. Die Schauspielerin Martina Ebm las eine Passage aus einem Buch Pfeifers, in der er die Geschehnisse ab März 1938 aus der Perspektive seiner Familie schilderte.

Zeitzeug:innen geehrt: Lucia Heilman, Tswi Herschel und Wanda Albinska

Stichwort Familie: Anwesend war Montag Abend auch Rachel Kreisberg, die Enkelin Wiesenthals. Ihre Erzählungen über den Großvater zählten zu den emotionalen Momenten dieses Abends, ebenso wie die Erinnerungen Lucia Heilmans an ihr Überleben als Kind in einer Werkstatt in Wien, wo sie und ihre Mutter von einem Freund des Vaters versteckt wurden. „Die Angst ist die stärkste Erinnerung an diese Zeit. Jedes Klopfen an der Tür war zunächst mit Angst verbunden. Man wusste nicht, kommt jetzt die SS und holt einen ab.“ Diese Angst habe auch nach ihrer Befreiung 1945 für viele Jahre ihr Leben geprägt.

Fotos: (c) Parlamentsdirektion/Thomas Topf

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