Über den Export von Dramen in dramatischen Zeiten

Israel hat sich international zu einem der wichtigsten Prozenten von Fernsehserien entwickelt.

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Sallah oder Tausche Tochter gegen Wohnung, Fauda oder Shtisel– universelle Geschichte auf israelischem Boden für Zuschauer weltweit. Das Rezept, das Ephraim Kishon einst erfand, wird aktuell erfolgreich fortgesetzt. © MAHMUD HAMS / AFP / picturedesk.com; netflix; imdb.com

Wer in diesem Jahr in Tel Aviv Matura macht, ist längst im Endspurt. Ende Mai sind die schriftlichen Prüfungen vorbei. Projektarbeit aber gibt es auch, natürlich abhängig von den Schwerpunkten. Da gibt es inzwischen längst auch das Fach Film. Um diesen Leistungskurs erfolgreich abzuschließen, und ihn gibt es heute gleich an mehreren Gymnasien, müssen die Schüler auch ein eigenes Video produzieren. Man kann sie sehen, wie sie gerade zu den Dreharbeiten ziemlich professionell unterwegs sind. Die Teams bestehen aus Drehbuchautoren, Kameraleuten, Schauspielern, Regisseuren. Früher hätten Eltern noch skeptisch gefragt, wozu solche Expertisen denn einmal für später gut sein sollten.

Das aber war vor dem Streaming-Zeitalter. Die Technologie hat die Karten neu gemischt. Seither haben auch ganz kleine Staaten mit exotischen Sprachen eine Chance, sich auf dem globalen Fernsehmarkt zu behaupten. Und Israel hat sich inzwischen sogar zum Weltmeister beim Export von Serien entwickelt. Es kommt gleich nach Großbritannien in der Reihenfolge der Länder, die zwischen 2012 und 2022 die Vereinigten Staaten mit TV-Formaten beliefert haben. (Erst danach kommen Dänemark, Frankreich, Mexiko, Spanien). Israel kommt auch gleich hinter Großbritannien, was den weltweiten Verkauf von Rechten für Adaptationen/Remakes hausgemachter Dramen betrifft. Irgendetwas muss da also ziemlich gut funktionieren.

© MAHMUD HAMS / AFP / picturedesk.com; netflix; imdb.com

Die Suche nach dem Erfolgsgeheimnis führt zu lokalen Alltagsgeschichten, die so gut erzählt sind, dass sie auch von einem Publikum in der Ferne ankommen. In der Literatur war das Ephraim Kishon schon vor vielen Jahrzehnten gelungen. Seine fünfzig Bücher wurden in 38 Sprachen übersetzt, davon wurden 50 Millionen weltweit verkauft. Seine Satiresammlung Familiengeschichten, von Friedrich Torberg ins Deutsche übersetzt, wurde zum globalen Bestseller und das meistverkaufte hebräische Buch nach der Bibel. In den Kurzgeschichten erzählte Kishon von seinem Leben als Neueinwanderer, von Ehefrau, Kindern, dem Hund und den Nachbarn, von der Regierung, Polizei, von Möbeln und Elektrogeräten. Sehr lokal und zugleich universell. (Dass er ein Überlebender war, was ihn in seinem echten Leben tagtäglich schwer belastet hat, davon war in seinen humorvollen Erzählungen nichts zu spüren).

Inzwischen hat Netflix angekündigt, dass es ab April alle erfolgreichen israelischen Serien – produziert vom öffentlichen Fernsehen KAN – ins Programm aufneh- men und für die Zuschauer in Israel streamen wird

Kishon gelang es auch, was damals außergewöhnlich war, das israelische Kino auf der Welt bekannt zu machen. In seiner international preisgekrönten Komödie Sallah Shabati von 1964 geht es um das Chaos der Einwanderung, sein anderer prominenter Film, Blaumilchkanal von 1969, beschreibt den Wahnsinn von Bürokratie. Er zeigt, wie ein Verrückter ganz ungestört die Straßen von Tel Aviv mit einem Presslufthammer aufbohrt, weil alle davon ausgehen, dass dies im Auftrag der Behörden geschieht. Ein universelles Drama auf israelischem Boden – damit konnten sich Österreicher genauso wie Franzosen oder Inder identifizieren.

Die erfolgreichsten israelischen Fernsehserien heute sind nach ähnlichem Muster gestrickt.

© MAHMUD HAMS / AFP / picturedesk.com; netflix; imdb.com

Es geht, um nur ein paar Beispiele zu nennen, um verhängnisvolle Vater-Sohn-Beziehungen, ein politisch angespanntes Lehrer-Schüler-Verhältnis, ums Teenagerdasein, ungerechte Machtverhältnisse, Alltagsherausforderungen von Autisten oder um Therapiesitzungen beim Psychologen, wie sie im Zentrum der Serie BeTipul (In Treatment) stehen. BeTipul gilt als ein so gelungenes Format, dass es in achtzehn Adaptationen quer über den Globus verbreitet wurde, während das hebräische Original mit Untertiteln ebenfalls weltweit Publikum fand und weiterhin findet.

Niemand in Israel hatte mit diesem Erfolg gerechnet. Denn die Idee funktionierte allen Widrigkeiten zum Trotz. Bis dahin hatte eine Therapiesitzung als nicht fernsehtauglich gegolten, weil man davon ausging, dass die Dinge gezeigt werden müssen und nicht nur erzählt werden können. Und es musste sich erst einmal jemand trauen, das trotzdem auszuprobieren. Jetzt lebt die Serie in multiplen Fassungen und Orten fort, wenn auch die Traumas, um die es geht, der jeweiligen Geschichte des Landes angepasst sind. In Frankreich, wo die Serie besonders beliebt ist, waren es die Anschläge auf Charlie Hebdo.

In der Literatur war das Ephraim Kishon schon vor vielen Jahrzehnten gelungen. Seine fünfzig Bücher wurden in 38 Sprachen übersetzt, da- von wurden 50 Millionen weltweit verkauft.

Natürlich gibt es auch Fauda, den Nahost-Thriller, und die Familienserie Shtisel, die einen Einblick in den charedischen Alltag vermittelt. Zu Beginn des Jahres lief gerade die vierte Staffel von Fauda – wie immer im Original mit Untertiteln – auf Netflix an. Ein Publikum weltweit schaut jetzt weiter zu, wie ein israelischer Undercover-Agent palästinensische Terroristen jagt, auch wenn die meisten wohl kaum den permanenten Sprachenwechsel – durchaus eine wichtige Komponente – verfolgen, weil sie nicht zwischen Arabisch und Hebräisch unterscheiden können.

Auch die Serie Shtisel, die sich in die Herzen unzähliger jüdischer und nicht-jüdischer Zuschauer weltweit eingeschlichen hat, gibt es nur im Original zu sehen – auf Hebräisch und Jiddisch mit englischen Untertiteln. Die drei Staffeln erzählen aus dem Leben von Rabbiner Shulem Shtisel, der zwar in der Nähe seiner Kinder im Jerusalemer Viertel Geula wohnt, aber die Verhältnisse zu ihnen dennoch immer wieder neu aushandeln muss. Bei Shtisel wird es keine weitere Fortsetzung mehr geben. Dafür gibt es neue TV-Dramen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. Und in der Türkei wird gerade ein muslimisches Remake von Shtisel gedreht.

© MAHMUD HAMS / AFP / picturedesk.com; netflix; imdb.com

An hausgemachten Fernsehdramen fehlt es also nicht. Inzwischen hat Netflix angekündigt, dass es ab April alle erfolgreichen israelischen Serien – produziert vom öffentlichen Fernsehen KAN – ins Programm aufnehmen und für die Zuschauer in Israel streamen wird. Wer also kein Fernsehen (mehr) schaut, weil ihm das Land zu viele echte Dramen produziert, kann die Serien dann auf diese Weise sehen.

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