„Starke Parallelen zu den 1930-er Jahren werden sichtbar“

Oscar-Preisträger Christopher Hampton erzählt über seine Bühnenfassung einer Stefan-Zweig-Novelle für das Theater in der Josefstadt und warum er schon früh der deutschsprachigen Literatur verfallen ist.

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Christopher Hampton. Stunden nach der Absage der Premiere von Geheimnisse einer Unbekannten im leeren Zuschauerraum der Josefstadt. © Reinhard Engel

Die sonst gut besuchte Kantine des Theaters in der Josefstadt ist zu dieser Mittagsstunde menschenleer. Der Kantineur spart, hat nicht alle Lampen aufgedreht. Hier ist es gespenstisch still, genauso wie im Zuschauerraum. Zu dritt sitzen wir an einem Ecktisch und versuchen dem Interview den Anschein der Normalität zu geben. Die ausgestreckte Hand des britischen Oscar-Preisträgers haben wir zögerlich und linkisch ergriffen. Eigentlich sind wir zum Trösten da, denn die für den nächsten Tag anberaumte Premiere von Geheimnisse einer Unbekannten wurde erst vor wenigen Stunden abgesagt. „Mit der Generalprobe waren wir alle sehr glücklich, aber jetzt muss ich zurück nach London – und bin auf Abruf“, flüstert Christopher Hampton, der Dramatiker und Regisseur dieser Produktion.

Wina: Sie haben die Stefan-Zweig-Novelle Briefe einer Unbekannten für das Theater in der Josefstadt dramatisiert und die Bühnenfassung wesentlich verändert: Zweigs namenlose Figuren heißen bei Ihnen Marianne und Stefan. Weiters haben Sie die Handlung in die 1930er-Jahre verlegt. Was sind Ihre Motive dafür?
Christopher Hampton: Beeinflusst hat mich vor allem der amerikanische Spielfilm von Max Ophüls aus dem Jahr 1948 mit Joan Fontaine und Louis Jourdan. Dieser basiert auch auf Zweigs Novelle, die dem österreichischen Schriftsteller 1922 den eigentlichen künstlerischen Durchbruch brachte. In der Vorlage ist der männliche Darsteller eher passiv, daher habe ich ihm mehr Kontur verliehen: Er heißt Stefan und ist der jüdische Schriftsteller, der genauso wie Zweig bereits antisemitische Repressalien erlebt.

Sehen Sie denn Parallelen zu heute?
Ja, eindeutig. Wir sehen eine Rezession auf uns zukommen. Der Nationalismus, Populismus und Antisemitismus sind erstarkt. Man sieht das auch in Großbritannien, wo der Antisemitismus aus schier dummen, unerklärlichen Gründen angestiegen ist. Das Verhalten der Labour Party unter James Cobyn ist zum Schämen, auch was den Brexit betrifft. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass Johnson bis Jahresende ein Abkommen mit der EU schafft, und dann stehen wir vor einer echten Katastrophe. Der gesamte Brexit ist aus Versehen passiert, ebenso wie der Erste Weltkrieg.

»[…] weil ich so viele Parallelen zu heute sehe:
Viel zu viele Menschen denken einfach nicht nach,
wollen nur eine gute Zeit haben.«

Christopher Hampton

Sie wurden auf den portugiesischen Azoren geboren, weil ihr Vater als Ingenieur dort arbeitete. Während Ihrer Volksschulzeit lebten sie in Ägypten. Wegen der Suezkrise 1956 mussten Sie Alexandria verlassen und beendeten die Schule in England. Ab 1964 studierten Sie Deutsch und Französisch am New College in Oxford. Woher kam diese Affinität zur deutschen Sprache und Literatur?
Dafür gibt es mindestens zwei Gründe: Fünf Jahre verbrachte ich in der British Boys’ School in Alexandria, da gab es zwar kaum „british boys“, dafür aber Kinder, die mit acht Jahren schon mindestens fünf diverse Sprachen konnten. Das imponierte mir, und ich bemerkte, dass ich auch schnell Sprachen erlernte. Mit 14 Jahren konnte ich in London dann Sprachfächer wählen, und so kam Deutsch zu Französisch dazu. Ich hatte großes Glück mit den Lehrern, denn sie fütterten uns gleich zu Beginn mit Werken von Zweig und Kafka. So bestimmte die deutschsprachige Literatur auch meine Studienzeit, und ich war ihr für der Rest meines Lebens verfallen.

Ödön von Horváth zählt zu Ihren besonders favorisierten Autoren. Sie haben seine Werke übersetzt und fünf seiner Dramen realisiert, z. B. 2009 Jugend ohne Gott am Theater in der Josefstadt. Bereits 1979 schrieben Sie gemeinsam mit Maximilian Schell das Drehbuch für die Verfilmung von Geschichten aus dem Wienerwald mit den Schauspielgrößen Helmut Qualtinger, Adrienne Gessner, Birgit Doll und Hanno Pöschl. Die Zwischenkriegszeit hat Sie literarisch ebenso interessiert wie die Auswirkungen des NS-Regimes auf die menschliche Natur?
Ja, genau, weil ich so viele Parallelen zu heute sehe: Viel zu viele Menschen denken einfach nicht nach, wollen nur eine gute Zeit haben. Daher hat mich der österreichische Dokumentarfilm von Christian Krönes Ein deutsches Leben fasziniert: Darin bezeichnet sich Brunhilde Pomsel, die von 1942 bis April 1945 als persönliche Sekretärin bei Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels arbeitete, als ahnungslos und „unpolitisch“, obwohl sie im Herzen dieser Nazi-Propaganda-Maschine tätig war. Sogar nach Goebbels‘ Suizid in den letzten Kriegstagen tippte sie im Bunker noch Schriftsätze. 2016 sagte sie noch Sätze wie: „Ich kann mich nicht erinnern, ob ich für Hitler gestimmt habe, vielleicht doch? Mir haben die farbigen Fahnen so gut gefallen.“

Abbau. Mit der Generalprobe war Christopher Hampton noch recht zufrieden – hier mit WINA-Autorin Marta S. Halpert (re.). © Reinhard Engel

Sie haben einen Bühnenmonolog verfasst, der auf dem Interview mit Pomsel basiert, das sie gab, bevor sie 2017 im Alter von 106 starb. 2019 hatte Ihre One-Woman-Show Premiere im Londoner Westend. Wer spielte die Hauptrolle?
Es ist mir tatsächlich gelungen, den Downton Abbey-Star, die zweifache Oscar-Gewinnerin Maggie Smith nach zwölf Jahren auf die Theaterbühne zurückzuholen. Es gab leider nur 30 Vorstellungen, denn Smith spielte solo eine Stunde und 40 Minuten – und sie ist 85 Jahre alt. Ich hoffe, dass wir die Aufführung noch mit ihr filmen können.

Sie sind mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger seit über zwanzig Jahren bekannt und befreundet. Hat er kein Interesse an Ihrem brisanten und aufwühlendem Stück Ein deutsches Leben?
Aber ja, er ist auf der Suche nach einer geeigneten Schauspielerin, sozusagen nach einer deutschsprachigen Maggie Smith. Das Stück wird bereits in Frankreich, Italien, Spanien und auch in der Nachbarschaft, in Budapest gespielt.

Sie kennen Direktor Föttinger auch als Schauspieler, denn 2007 hat er gemeinsam mit Andrea Jonasson die Hauptrolle in Gefährliche Liebschaften gespielt, ein Drama, für dessen Verfilmung Sie 1989 den Oscar erhielten. Als Vorlage für den Film über verhängnisvolle Affären und Intrigen des französischen Adels während des 18. Jahrhunderts diente Ihr Bühnenstück Les Liaisons dangereuses, das wiederum auf dem gleichnamigen Briefroman von Choderlos de Laclos beruht. Woher kannten Sie diesen Roman?
Natürlich von meinem Studium in Oxford, ich entdeckte ihn mit neunzehn Jahren und war begeistert. Viele Jahre später wollte ich eine Bühnenfassung daraus machen, aber es hat sich niemand dafür interessiert. Acht Jahre hat es gedauert, bis die Royal Shakespeare Company 1985 meine Bearbeitung mit großem Erfolg und vielen Auszeichnungen für sie und mich produziert hat.

Ihr literarisches Interesse geht aber weit über das 17. oder 20. Jahrhundert hinaus: Sie haben sich außer vier Horváth-, fünf Ibsen-, zwei Molière- und drei Tschechow-Werken auch der Übersetzung und Bearbeitung zeitgenössischer Autoren wie Yasmina Reza und Florian Zeller gewidmet. Wie kam es dazu?
Ich habe mich sehr geärgert, dass das Theaterleben in London ab den 1990er-Jahren so konservativ wurde und keine fremdsprachigen Stücke mehr gezeigt wurden. Daher habe ich mit dem ersten Erfolgsstück von Reza, Art (Kunst), begonnen. Die Rechte dafür musste ich dem James Bond-Star Sean Connery abkaufen: Er hatte diese für seine französische Frau erworben. Das Stück lief insgesamt acht Jahre, dann habe ich noch vier weitere Arbeiten von Reza übersetzt und sechs des französischen Erfolgsautors Florian Zeller. Sein Bühnenwerk Der Sohn wird aktuell mit großem Erfolg in den Kammerspielen in Wien gespielt. Ich hoffe sehr auf eine Verfilmung dieses Stückes.

Zurück zu Stefan Zweig und der verschobenen Premiere von Geheimnisse einer Unbekannten. Es ist Ihre zweite Regiearbeit am Theater in der Josefstadt nach der Uraufführung Ihrer Bühnenrealisierung von Eine dunkle Begierde (The Talking Cure). Die Regie des Filmklassikers All About Eve, den Sie für die Kammerspiele der Josefstadt adaptiert haben, mussten Sie kurzfristig an Föttinger übergeben, weil sie krank wurden. Daniel Kehlmann hat sowohl All About Eve wie auch Ihre Zweig-Dramatisierung übersetzt. Seit wann arbeiten Sie zusammen?
Bereits vor zehn Jahre hat Daniel mich eingeladen, bei den Salzburger Festspielen die Regie bei der Lesung seines ersten Theaterstücks zu übernehmen. Danach habe ich noch zwei seiner Arbeiten ins Englische übertragen. Noch enger wurde die Zusammenarbeit, als er 2014 für mich The Talking Cure, also Eine dunkle Begierde, übersetzte. Wir dachten künstlerisch sehr ähnlich: Wenn dir ein Stück, ein Text gefällt, dann spiele den auch wortgetreu. Diesmal habe ich ihn gefragt, ob er meine Zweig-Bearbeitung ins Deutsche übersetzen würde. Zum Glück hat er zugesagt.

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