Symbolpolitik

Bis 2021 war der 1991 gegründete Käthe-Leichter-Preis der österreichische Staatspreis für Frauenforschung, Geschlechterforschung und Gleichstellung in der Arbeitswelt. 2022 benannte Frauenministerin Susanne Raab ihn in „Österreichischen Staatspreis für Frauen“ um. Die Entfernung des Namens von Käthe Leichter sorgte für Irritation. Kritik kam von der Arbeiterkammer, in der Leichter einst das Frauenreferat geschaffen hatte, aber auch von Jury-Mitgliedern.

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Käthe Leichter, geb. Pick, war auf vielen Ebenen eine Pionierin. In eine großbürgerliche jüdische Familie geboren – ihr Vater Josef Pick war Rechtsanwalt und sie besuchte das Lyzeum für Beamtentöchter –, rebellierte sie gegen gesellschaftliche Gepflogenheiten und strebte nach Bildung. Ein Studium an der Universität Wien wurde ihr als Frau zunächst verweigert, sie klagte beim Reichsgericht und erkämpfte eine Zulassung. So konnte sie 1914 inskribieren und begann ihr Studium der Staatswissenschaften, das sie schließlich 1918 in Heidelberg abschloss, wo sie bei Max Weber promovierte.

Nach ihrer Rückkehr nach Wien arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Otto Bauer in der Staatskommission für Sozialisierung und schloss sich der Rätebewegung an. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann, den sozialdemokratischen Journalisten Otto Leichter kennen (mit ihm hatte sie schließlich zwei Söhne, Heinz und Franz Leichter). Ab 1925 baute sie das Frauenreferat in der Arbeiterkammer Wien auf, das sie auch leitete. Sie dokumentierte etwa mit Hilfe detaillierter Fragebögen die Lebensumstände berufstätiger Frauen und schuf so eine Datenbank. Diese war Basis zahlreicher Studien wie zum Beispiel jener über Hausgehilfinnen und jener über Industriearbeiterinnen.

Nach der Zerschlagung der Sozialdemokratie im Februar 1934 flüchteten die Leichters zunächst in die Schweiz, kehrten im September aber nach Österreich zurück und engagierten sich nun im Untergrund für die Partei. Ihr Haus in Mauer bei Wien wurde ein Treffpunkt von Funktionären der verfolgten Arbeiterbewegung.

Im Nationalsozialismus wurde Käthe Leichter dann 1938 nicht nur aus politischen, sondern auch aus rassischen Gründen verfolgt. Die geplante Flucht wurde vereitelt, sie wurde verraten und von der Gestapo festgenommen, zu einer Haftstrafe verurteilt und schließlich 1940 in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert, wo sie 1942 ermordet wurde.

Eine Wissenschafterin und Pionierin der Frauenforschung nur durch die parteipolitische Brille zu sehen, wird Leichter nicht gerecht.

Dass der 1991 unter der damaligen SPÖ-Frauenministerin Johanna Dohnal geschaffene Frauenpreis nach Leichter benannt wurde, ist von hoher Symbolkraft. Sie hatte sich als Wissenschafterin und politisch für die Interessen von Frauen eingesetzt. Trotz internationaler Interventionen und Visa, die sowohl auf dem britischen wie auch US-amerikanischen Konsulat auf sie warteten, wurde sie von den Nazis umgebracht. Der Preis erinnerte damit nicht nur an eine Pionierin, sondern auch an ein prominentes Opfer des NS-Terrors.

Dass ÖVP-Frauenministerin Susanne Raab den Namen des Staatspreises nun änderte, mutet ebenfalls symbolisch an. Ja, Leichter war Sozialdemokratin, ja, Leichter engagierte sich in der Arbeiterkammer. Das ist allerdings auch in der Zeit zu sehen. In der Zwischenkriegszeit war es vor allem die Sozialdemokratie, die es Frauen ermöglichte, sich zu engagieren. Eine Wissenschafterin und Pionierin der Frauenforschung nur durch die parteipolitische Brille zu sehen, wird Leichter nicht gerecht. Und: Gerade dieser Preis hat Leichters Leistungen in den vergangenen Jahren im allgemeinen Bewusstsein stark verankert und damit dem entgegengewirkt, was die Nationalsozialisten erreichen wollten: Persönlichkeiten wie Leichter und damit auch ihr Wirken auszulöschen.

Raab versuchte übrigens zu kalmieren: Es gebe ja weiterhin Leichter-Preise. Das ist korrekt. Die Ministerin selbst vergibt den Käthe-Leichter-Lebenswerkpreis. Dazu gibt es jeweils von der Arbeiterkammer Wien und der Österreichischen Nationalbank einen Käthe-Leichter-Preis. Der Hauptpreis aber, der Staatspreis, erinnert seit dem Vorjahr nicht mehr an die große Sozialwissenschafterin. Und damit auch nicht mehr an das Shoah-Opfer Leichter. Schade.

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