„Auf Krise folgt Antisemitismus“ – Antisemitismusbericht 2022 im Parlament präsentiert

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Am Rednerpult Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (c) Parlamentsdirektion/Anna Rauchenberger

Seit 2018 lässt das Parlament alle zwei Jahre Einstellungen zu Juden und Antisemitismus in der österreichischen Bevölkerung erheben. Die jüngsten Ergebnisse sind ernüchternd: Sowohl der manifeste als auch der latente Antisemitismus sind – nach niedrigeren Werten 2020, geschuldet dem Schockmoment nach dem Anschlag in und rund um die Seitenstettengasse im November 2020 mit vier Toten und 23 Verletzten – von 2018 auf 2022 deutlich angestiegen. Die Studie zeigt zudem auf, dass Menschen mit höherer Bildung im Schnitt weniger judenfeindlich eingestellt sind als solche mit niedrigerer Bildung und jene, die an Verschwörungsmythen glauben auch zu Antisemitismus tendieren. Die Studienergebnisse wurden am Dienstag von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka sowie Studienleiterin Eva Zeglovits (IFES) und Projektkoordinator Thomas Stern (Braintrust) im Parlament präsentiert.

 

Antisemitismusstudie des Parlaments

Was aber sagen die konkreten Zahlen? Bei 15 Prozent der österreichweit 2.000 befragten Menschen ab 16 Jahren zeigte sich 2022 manifester Antisemitismus (2018: 13 Prozent, 2020: neun Prozent), bei 32 Prozent latenter Antisemitismus (2018: 28 Prozent, 2020: 24 Prozent). Folgende Kriterien wurden für die Unterscheidung zwischen manifestem und latentem Antisemitismus herangezogen: Rassismus, Holocaustleugnung, Religion und Schuldumkehr wurden als Marker für manifesten Antisemitismus herangezogen. Israelbezogener Antisemitismus, Macht und Verschwörung sowie sekundärer Antisemitismus wurden als latenter Antisemitismus interpretiert. Non Antisemitismus wiederum zeigte sich durch Sensibilität für Anfeindungen in Krisen, das Bewusstsein für eine moralische Verpflichtung auf Grund der NS-Vergangenheit sowie das Wissen um kulturelle und wissenschaftliche Leistungen von Juden und Jüdinnen.

Es gab heuer zudem eine zusätzliche Befragung unter knapp 1.000 Menschen mit türkischem oder arabischen Migrationshintergrund, die aber mehrheitlich selbst bereits in Österreich aufgewachsen sind. In diesem Sample zeigte sich eine nochmals deutlich stärker ausgeprägte Judenfeindlichkeit. Demnach betrug der manifeste Antisemitismus in dieser Gruppe 36 Prozent, der latente Antisemitismus 54 Prozent. Besonders sichtbar wurden die Unterschiede zwischen österreich-weitem Sample und Sample der Menschen mit Migrationshintergrund beispielsweise bei dieser Aussage: „Wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Osten.“ Dem stimmen vier Prozent der Befragten in der Hauptgruppe ganz sowie weitere 22 Prozent eher schon zu. Die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund bejahte diese Aussage zu 21 Prozent voll, weitere 26 Prozent stimmten dem eher schon zu.

Holocaustleugnung stellten die Studienautoren bei vier Prozent im Hauptsampel und bei 15 Prozent im Sample der Befragten mit Migrationshintergrund fest. Sie stimmten der Aussage „In den Berichten über Konzentrationslager und Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg wird vieles übertrieben dargestellt“ voll zu. Weitere sieben Prozent im Hauptsample sowie 25 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund stimmten dem eher schon zu.

Wichtigstes Fazit der Studienautoren: Krisen befeuern Antisemitismus. Das Jahr 2022 war vom Ukraine-Krieg, den Teuerungen und den Nachwehen der Covid-Pandemie geprägt. „Man könnte sagen, auf Krise folgt Antisemitismus“, formulierte es Stern. Und: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Wer anfällig für Verschwörungstheorien ist, ist auch eher antisemitisch eingestellt. Verschwörungsmythen wiederum blühen gerade in Krisenzeiten.

Positiv wurde angemerkt: Bildung schützt vor Antisemitismus. Dabei geht es nicht nur um formale Abschlüsse, sondern auch um konkretes Wissen, so Zeglovits. Abgefragt wurde beispielsweise, wieviele Menschen im Holocaust ermordet wurden. Nur 45 Prozent entschieden sich hier für die richtige Antwort sechs Millionen – bei ihnen zeigten sich aber bei anderen Fragestellungen dann auch tendenziell weniger ausgeprägte antisemitische Einstellungen.

Sobotka betonte, dass es sich beim Antisemitismus um ein Jahrtausende altes Phänomen handle. Ihm sei es wichtig, durch das Monitoring eine Datenbasis zu haben, die wichtig sei, um Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Heute werde Antisemitismus auch sehr stark im Netz verbreitet und dadurch verstärkt. Hier brauche es daher nicht nur ein Instrument, um dagegen zu arbeiten, sondern eine Vielzahl. „Wir brauchen ein neues Denken.“ Der Nationalratspräsident betonte zudem, die Wissenschaft habe klar gezeigt, der Antisemitismus sei nicht nur ein Phänomen von politischen Randgruppen, sondern komme aus der Mitte der Gesellschaft. Und: Die Judenfeindlichkeit sei eine Gefahr für die Demokratie. Wer Antisemitismus bekämpfe, stärke daher auch die Demokratie.

Ausweichend antwortete der Nationalratspräsident allerdings im Anschluss auf die Studienpräsentation auf Journalistenfragen einerseits zur Koalition der ÖVP mit der FPÖ in Niederösterreich, andererseits zur Aussage von IKG-Präsident Oskar Deutsch, der in Zusammenhang mit Teilen der FPÖ Niederösterreich von „Kellernazis“ gesprochen hatte. Zu letzterem meinte er, er verstehe die Aussage von Deutsch aus dessen Haltung heraus, aber „ein wissenschaftlicher Befund ist das nicht“. Zur FPÖ merkte er an, dass SPÖ und ÖVP ihre Geschichte aufgearbeitet hätten, die FPÖ ihre jedoch nur „unzureichend“. Auf die Nachfrage, ob das als Appell an die FPÖ zu verstehen sei, ihre Geschichte aufzuarbeiten, meinte er: Er fordere jeden auf, die Vergangenheit aufzuarbeiten und dann die richtigen Folgen daraus zu ziehen. Klar seien hier die Studienergebnisse: Bildung wirke und Verschwörungsglaube führe eher zu antisemitischen Haltungen.

Hier geht es zur Studie:  Antisemitismusstudie 2022

 

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