„Très juif mais gentil“

„Sehr jüdisch, aber nett“
In hunderten Karteikarten klassifizierten über Jahrzehnte die Concierges eines Schweizer Luxushotels ihre Gäste. Die Beschreibungen reichten dabei von gönnerisch-freundlich bis zu brutal antisemitisch. Gesammelt in einem Bildband, zeichnen diese ein gruseliges Sittengemälde vom alpinen Tourismus.

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Das Grandhotel Waldhaus im Schweizerischen Vulpera versinnbildlicht eine verschwun-dene Welt. Es brannte 1989 bis auf die Grundmauern nieder. © Grandhotel/ Lois Hechenblaikner, Andrea Kühbacher, Rolf Zollinger, „Keine Ostergrüsse mehr!“, Edition Patrick Frey

Die großformatigen Fotos verweisen auf eine traumhafte, luxuriöse, verschwundene Welt. Da schwimmen mehrere Großhotels zwischen Berggipfeln wie Kreuzfahrtdampfer auf hoher See. Da sitzen im Innenhof des Hotels elegante Kurgäste zwischen südlichen Pflanzen beim Tee. Da liest ein vornehmer Herr in einer mächtigen Halle mit Kassettendecke die Zeitung. Und da wiegen sich gut gekleidete Damen und Herren sinnlich beim Nachmittagstanz. Und auch die Kurpromenade entlang des reißenden Alpenflusses erinnert mit ihren wohlhabenden Flaneuren an Bad Ischl und Abbazia, Nizza und Triest.
Keine Ostergrüsse mehr! heißt der Bildband aus dem Zürcher Verlag Edition Patrick Frey, herausgegeben von Lois Hechenblaikner, Andrea Kühbacher und Rolf Zollinger. Er dokumentiert den Alltag in einem feinen Berghotel im Schweizerischen Vulpera, dem Grandhotel Waldhaus. Vulpera liegt etwa in der Mitte zwischen dem Tiroler Serfaus und der bekannten Tourismusdestination St. Moritz. Das Grandhotel gibt es nicht mehr, es brannte 1989 bis auf die Grundmauern nieder und wurde nicht mehr wieder aufgebaut.
Den Kern des Buches bilden freilich nicht die romantischen Schwarzweißfotos aus der Welt der Reichen und Schönen nach den beiden Weltkriegen. Es sind leicht vergilbte Karteikarten, auf denen Concierges und Rezeptionisten Eintragungen zu ihren Gästen gemacht haben, über deren Vorlieben, Macken und über die Jahre immer krasser auch über deren Herkunft oder „Rasse“. Gerettet hat dieses fast einzigartige Dokument des bösen Blicks der Dienenden auf „die da oben“ ein ehemaliger Direktor des Hotels. Der Zeitraum umspannt dabei die Zwischenkriegszeit und einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, die jüngeren Exemplare fielen wohl dem Brand zum Opfer.
Die Herausgeber gehen dabei systematisch vor, ziehen Leserinnen und Leser recht geschickt in ihren Sog der Angestellten-Kurzprosa. Es beginnt ganz harmlos, mit vorwiegend positiven Qualifizierungen: „Glanzgast, konsumiert gut“, liest man da und „nice and happy“, „sehr nette Gäste, finanzkräftig“. Doch langsam mischen sich bereits andere Töne in die Beschreibungen: „großer Protz à la Neureich“, heißt es, oder „ordinaire, aber ganz guter Vorsaison-Gast“, „als Lückenbüßer genommen“, „ekelhafter Nörgler aus Ungarn“.

Leicht vergilbt: die Karteikarten, auf denen Concierges und Rezeptionisten Eintragungen zuden Gästen gemacht haben. © Grandhotel/ Lois Hechenblaikner, Andrea Kühbacher, Rolf Zollinger, „Keine Ostergrüsse mehr!“, Edition Patrick Frey

 

Lange Prominentenliste. Die Gäste, die meist mehrere Wochen blieben, konsumierten einen Mix aus Gesundheits- und Wellnessurlaub. Wirklich Kranke gab es nicht, diese buchten gleich die Kurhäuser in Davos. Man spazierte hier zur Quelle mit dem Mineralwasser, spielte Golf und Tennis, genoss die feine Küche. Die hohen Preise des Luxushotels sorgten für eine soziale Auslese, meist wohnten hier Großbürger, Adelige, Unternehmer und erfolgreiche Künstler. Die Promiliste war lang, von Theodor Heuss, dem deutschen Bundespräsidenten, über den Sänger Richard Tauber, vom israelischen Staatschef Chaim Weizmann bis zum Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (der übrigens einmal einen Hotel-Großbrand beschrieb, recht kurz vor jenem in Vulpera).

Doch ab 1932 nahmen die Einträge zu: „Ostergruß zurück“, es gab die Adressaten und ehemaligen Gäste nicht mehr an diesen Wohnorten.

 

„Problemgäste“. Auch Wiener Namen finden sich immer wieder in den Karteikarten, etwa jene der Brauerei-Kuffners. Da sind Herr und Frau Professor Moritz Rosenthal, „ein bekannter Pianist“ oder der „Minister a. d.“ Univ. Prof. Dr. Joseph Redlich, „Herr Generaldirektor“, Frau und Tochter Bánó-Gabor aus dem vierten Bezirk oder Herr Heinrich von Boschan und Mutter aus dem dritten, und bei Richard Tauber steht als Adresse Wien-Staatsoper.
Der Dramaturgie der Herausgeber folgend, wird es aber schnell härter, nun tauchen zunehmend Problemgäste auf: „er Snob, sie nett“, „spinnt auf Hochtouren“, „frech, schimpft beständig über die Küche, Preisdrücker“, „liebt nächtliche Besuche und billige Zimmer“, „Hochstapler! Wurde von einem Hotel in Meran wegen Zechprellerei gesucht“. Während die wirklichen Gauner eher die Seltenheit gewesen sein dürften, war das Handeln um die Zimmer- und Pensionspreise wohl eher die Regel denn die Ausnahme: „Findet Zimmerpreis zu hoch“, liest man da, und immer wieder die Worte „Preisdrücker“ oder „Schinder“. Das wird allerdings nie mit der Tatsache in Zusammenhang gebracht, dass es keine Fixpreise gab, sondern eine Fülle an Nachlässen, Abschlägen und Sonderkonditionen. Jene, die das wussten und danach ökonomisch rational handelten, wurden dann vom Personal verachtet.

Empfang. Die Gäste wurden genau taxiert und ihre Vorlieben, Macken etc. über Jahrzehnte notiert. © Grandhotel/ Lois Hechenblaikner, Andrea Kühbacher, Rolf Zollinger, „Keine Ostergrüsse mehr!“, Edition Patrick Frey

Über die Konditionen-Verhandlungen pirschen sich die Herausgeber dann an den harten Kern des Buches heran, den Judenhass. Erst beginnt es mit versteckten Qualifizierungen, immer wieder ist von „Tirolern“ zu lesen, oder „großen Tirolern“. „Gemeint waren nicht reale Nord-, Ost- oder Südtiroler, sondern es waren verklausulierte Hinweise darauf, dass es sich um jüdische Gäste handelte.“ Die Autoren vermuten, es ging dabei um eine Anspielung auf die damals sprichwörtliche Geschäftstüchtigkeit der Tiroler Wanderhändler vor allem aus dem Zillertal. Und tatsächlich klingt es seltsam, wenn von einem Dr. med. Friedlich Fischl aus der Rothausstraße (wohl der Rathausstraße) in Wien I zu lesen ist, „wollte alle Platten des Menu wechseln/Tiroler“, oder zu Paul Hecht aus Berlin, „großer Tiroler“.

Gemeint waren nicht reale Nord -, Ost- oder Südtiroler, sondern es waren verklausulierte Hinweise darauf, dass es sich um jüdische Gäste handelte.

 

Ab 1929 wird dann der Ton klarer, schärfer, das Umschreiben scheint nicht mehr nötig. Da taucht dann schon wiederholt der „Stinkjude“ auf, es heißt: „Jude, zahlt nicht“, „großer Jud“ oder „ziemlich frech, Juden“. Man muss auch nicht mehr jeden Gast umwerben. Während die Deutschen wohlgelitten sind, schreibt jemand auf eine Karte: „Geht ins Kurhaus, was wir nicht bedauern, da schönstes Exemplar seiner Rasse.“

Lois Hechenblaikner, Andrea Kühbacher und Rolf Zollinger (Hg.): Keine Ostergrüsse mehr! Die geheime Gästekartei des Grandhotel Waldhaus in Vulpera. Edition Patrick Frey 2021, 388 S., € 52

Diese Sorgen brauchten sich die Rassisten an der Rezeption auch nicht mehr lange machen, immer wieder trugen sie in den Jahren ab 1933 ein nüchternes „parti“ ein, verreist oder einfach weg. Manchen dieser Gäste mag wohl die Flucht nach Übersee gelungen sein, aber bei einem Großteil handelte es sich doch um die endgültig Fahrt in die Vernichtungslager des NS-Regimes. Ähnliche Schlüsse konnte man auch aus dem titelgebenden Marketinginstrument „Ostergrüße“ ziehen. Zunächst hatte auf manchen Karteikarten gestanden, „keinen Ostergruß mehr“, man sollte unangenehme Gäste nicht dazu animieren wiederzukommen. Doch ab 1932 nahmen die Einträge zu: „Ostergruß zurück“. Es gab die Adressaten und ehemaligen Gäste nicht mehr an diesen Wohnorten.
Wer nun denkt, nach dem Zusammenbruch Großdeutschlands habe sich bei den Schweizer Hotelangestellten eine Läuterung gezeigt, der irrt. Nun trauen sie sich nicht mehr, von „Saujuden“ zu schreiben, es gibt einen neuen Code: P, PP oder PPP. Das war schon vor Kriegsende in den Schriftgebrauch hereingesickert: „Prachtvolles Palestina-Exemplar [!] und benimmt sich danach.“ Später hieß es etwa: „Hat ziemlich viele Bekannte, alles Palestina-Schweizer.“ Die Anzahl der großen Ps „gibt Aufschluss darüber, wie ‚jüdisch‘ die Gäste wahrgenommen wurden. Nur eben umgekehrt: Je mehr P, umso negativer die dabeistehenden Bemerkungen.“ Aber es ging auch bald wieder deutlicher. 1951 schrieb ein Concierge auf seine Karteikarte: „Schießt den Vogel aller Juden ab … kein Ostergruß.“

Alpine Aufdecker
Wer sind die Herausgeber des Bandes? Lois Hechenblaikner ist ein bekannter Tiroler Fotograf, der sich vor allem mit den Auswüchsen des alpinen Tourismus in qualitätsvollen Reportagen einen Namen gemacht hat, nicht zuletzt über Ischgl. Er bemühte sich lange Zeit, von Rolf Zollinger, einem ehemaligen Direktor des Grandhotels Waldhaus, die von diesem noch vor dem Brand geretteten Karteikarten einsehen und veröffentlichen zu dürfen, auf deren Spur er zufällig gestoßen war. Andrea Kühbacher ist eine Kulturwissenschaftlerin und Autorin aus Innsbruck. Sie war etwa Pressesprecherin des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum und hat gastrosophische Bücher herausgegeben.

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