„Menschliche Größe hat Grenzen, Kleinheit nicht“

Zwei Künstlerleben: die wiederentdeckte Marta Karlweis und der fast vergessene Jakob Wassermann.

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Arthur Schnitzler mochte sie anfangs gar nicht: Er beschrieb Marta Karlweis in seinen Tagebüchern als „begabtes, künstliches, unwahres hartes Geschöpf“, denn ihn irritiere „ihr socialer Ehrgeiz“. Trotzdem, vielleicht von typisch weiblichen Selbstzweifel geplagt, legte ihm die bereits erfolgreiche Schriftstellerin immer wieder eigene Texte vor, die er vorerst abschätzig als „ein Simili Wassermann stellenweise von täuschendem Glanz“ nannte, und noch mit dem Zusatz, „ihre Äfferei geht ins Geniale“, versah. Wenn man dieses harsche menschliche und literarische Urteil liest, sollte man wissen, dass Schnitzler in das Privatleben des Schriftsteller-Ehepaares Marta Karlweis-Jakob Wassermann verstrickt war und daher nicht als unparteiisch gelten darf.
Die für Marta Karlweis und Jakob Wassermann beglückende Liebesgeschichte, die für beide in der jeweils zweiten Ehe kulminierte, war dennoch nicht unbeschwert: Ein bitter geführter siebenjähriger Scheidungskrieg mit Julie Speyer, der ersten Frau Wassermanns, wurde zur schweren Belastung, psychisch und finanziell. Zuerst ergriff Arthur Schnitzler Partei für Julie und mahnte zur Rücksichtnahme auf die Verlassene. Erst im Laufe der Zeit beschlichen ihn Zweifel an seiner charakterlichen Einschätzung: Durch einen infamen Schlüsselroman Speyers fühlte sich Schnitzler hintergangen und rächte sich in dem Roman Therese, in dem er sie in der Figur der Julie Fabiani als eine „pathologische Person“ porträtierte.

Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus sind wir bereits heute vogelfrei.
Jakob Wassermann 1921 in Mein Weg als Deutscher und Jude.

Doch wer ist diese Marta Karlweis, die bereits 1912 mit der viel beachteten Erzählung Der Zauberlehrling in den Süddeutschen Monatsheften hervortritt, in der sie das wienerische künstlerische Milieu zwischen Bohème und Großbürgertum klarsichtig und expressionistisch schildert?
Marta Karlweis wird 1889 als Tochter des Direktors der Südbahn-Gesellschaft Carl Karlweis in Wien geboren. Der Vater schreibt nebenbei überaus erfolgreich Theaterstücke, u. a. im Wiener Dialekt.
Wenige Tage vor der Geburt seiner Tochter konvertiert er gemeinsam mit seiner jüdischen Frau Emilie zum Protestantismus. Martas jüngerer Bruder Oskar beginnt eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler, 1938 emigriert er in die USA. Marta besucht wie auch ihre schreibende Kollegin Maria Lazar die Schule der berühmten Pädagogin Eugenie Schwarzwald am Wiener Franziskanerplatz. Dort unterrichten einige prominente Vertreter des Wiener kulturellen Lebens, darunter Adolf Loos und Oskar Kokoschka. Aus ihren frühen literarischen Texten liest Karlweis auch im stadtbekannten Salon der Berta Zuckerkandl den illustren Gästen vor.
Als Marta 12 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater, und obwohl der Vormund ihr das Studium nach der Matura verbietet, beginnt sie, an der Universität Wien Psychologie zu studieren. 1907 heiratet sie den westböhmischen Industriellen Walter Stross und bricht das Studium ab. Nach der Geburt der zwei Töchter, Bianca (1908) und Emmy (1910) widmet sich Karlweis-Stross wieder verstärkt dem Schreiben: 1912 erscheint die Erzählung Der Zauberlehrling, 1913 wird am Münchner Residenztheater ihre Komödie Der Herrenmensch aufgeführt und erntet positiven Widerhall. Es folgt Ein österreichischer Don Juan im Jahr 1929, den die Germanisten Albert C. Eibl und Johann Sonnleitner vor Kurzem sachkundig neu herausgegeben haben. Erzählt wird darin scharfsinnig und spitzzüngig ein Reigen der Lieblosigkeiten vor dem Hintergrund der letzten Jahrzehnte der Habsburgermonarchie. „Dieser Abgesang auf die gar nicht so gute alte Zeit erinnert ein wenig an Joseph Roth, mehr aber noch an den gegen Nostalgie resistenteren Ödön von Horváth. Kunstvoll verwoben hat die Autorin in diesem Sittenbild jede Menge bitterböse Geschichten aus der Wienerstadt“, urteilt Literaturwissenschaftler Franz Haas.

Kunstvoll verwoben hat die Autorin in diesem Sittenbild jede Menge
bitterböse Geschichten aus der Wienerstadt.
Franz Haas

Doch der private Wendepunkt in Marta Karlweis’ Leben ereignet sich im Sommer 1915 in Altaussee, als sie im Haus ihrer Schwägerin Emmy, Frau des angesehenen Musikwissenschafters Egon Wellesz, den 16 Jahre älteren, bereits sehr erfolgreichen jüdischen Schriftsteller Jakob Wassermann kennenlernt. Dieser ist seit 1901 mit der wohlhabenden, exzentrischen Julie Speyer, Tochter eines Textilfabrikanten und Kaiserlichen Rates, verheiratet, doch die Ehe läuft schlecht. Marta und Jakob gehen nach ihrem Treffen eine Liebesaffäre ein und verlegen 1919 ihren Wohnsitz ganz nach Altaussee.
Zu diesem Zeitpunkt zählt Wassermann neben Hermann Hesse und Thomas Mann, der ihn als „Weltstar des Romans“ bezeichnet, bereits zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Zu seinen engen Freunden gehörten Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler sowie Alfred Döblin Nach Wassermanns Erstling Melusine eine Liebesgeschichte (1896) folgt der Roman Die Juden von Zirndorf (1897), eine Chronik aus dem 17. Jahrhundert über das Leben des Shabtai Zvi mit einer anschließenden Beschreibung der jüdischen Gemeinde in der fränkischen Kleinstadt im 19. Jahrhundert. Mit dem Fortsetzungsroman Die Geschichte der jungen Renate Fuchs sowie Caspar Hauser (1907), Das Gänsemännchen (1915) und Christian Wahnschaffe (1919) schafft er große Publikumserfolge. „Hätte es vor Wassermann den Roman nicht gegeben, er wäre bestimmt gewesen, ihn zu erfinden“, schwärmte auch Heinrich Mann. Einen Romancier von Geblüt“ nennt er Wassermann, den 1873 im deutschen Fürth geborenen Sohn des jüdischen Spielwarenfabrikanten Adolf Wassermann. Die Familie verarmt nach dem Brand der Fabrik; Jakob ist neun Jahre alt, als seine Mutter stirbt. In dem frühen Text Schläfst du Mutter? verarbeitete er dieses Trauma. Das Verhältnis zur Stiefmutter ist so schlecht, dass ihn sein Vater nach Wien schickt, wo er eine kaufmännische Lehre absolvieren soll. Diese bricht er bald ab, versucht sich in München als Student, arbeitet u. a. als Lektor in der Redaktion des Simplicissimus. „Von meinem zwanzigsten Jahr an war das Wandern ein Teil meiner Existenz und bis ins dreißigste waren Not, Asyllosigkeit und auch die innere Unrast der Antrieb dazu“, schrieb Jakob Wassermann. In München, wo er fast drei Jahre wohnte, gewann Wassermann die Freundschaft Thomas Manns und Rainer Maria Rilkes. Ende 1897 begann er, Feuilletons und Theaterberichte für die Frankfurter Zeitung zu schreiben, in deren Auftrag er später nach Wien übersiedelte, wo er sich den Dichtern der Gruppe Jung-Wien anschloss, besonders Arthur Schnitzler.
Bereits 1921 beurteilt er in seinem autobiografischen Rückblick Mein Weg als Deutscher und Jude die gesellschaftliche Perspektive für die Juden vernichtend. „Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus sind wir bereits heute vogelfrei“, ist sein Fazit. In seiner Essayistik setzt er sich immer wieder auch mit der Existenzform des Juden in nichtjüdischer Umgebung auseinander, zuletzt noch in den Selbstbetrachtungen im Jahr 1933, nach dem Ausschluss aus der Preußischen Akademie der Künste. Gleichzeitig mit der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland werden seine Bücher verboten.
Wassermann, der sich durch seine psychologische Prosa und die realistische Erzählweise von Dostojewski inspirieren ließ, war ein Idealist, der absolute moralische Werte suchte und unablässig Kritik an der „moralischen Trägheit des Herzens“ der bürgerlichen Gesellschaft übte. Sein ständiges Streben nach Gerechtigkeit bewies er hervorragend in seinem berühmtesten Prosawerk Der Fall Maurizius (1928), in dem er den sechzehnjährigen Etzel Andergast in jugendlicher Überschwänglichkeit einen alten Justizirrtum aufdecken lässt.

Autorin im Schatten der männlichen Konkurrenten. Zurück zur Liebesgeschichte, die in Altaussee begann, dem Ort, der von Jakob Wassermann so beschrieben wurde: „Altaussee ist kein Dorf, sondern eine Krankheit, die man nie mehr los wird!“ Während Marta Karlweis mit Stross zu einer einvernehmlichen Scheidung kommt, erreicht Wassermann erst nach langen Streitereien und vielen Prozessen die Trennung: Mithilfe zahlloser Anwälte versucht Julie Wassermann-Speyer, ihren Mann finanziell zu ruinieren. Ein Echo dieser unglücklichen Erfahrungen klingt in Wassermanns Roman Laudin und die Seinen (1925) nach. Erst 1926 können Marta und Jakob ihre Ehe legalisieren, der gemeinsame Sohn Carl Ulrich kommt bereits 1924 zur Welt.
„Am gründlichsten vergessen werden in der Literaturgeschichte jene Frauen, deren Werke der Nationalsozialismus zunichtemachte. So ein eklatanter Fall ist auch Marta Karlweis, deren teils böse funkelnden Romane nach 1945 in Vergessenheit gerieten“, konstatiert der Literaturwissenschaftler Franz Haas.
Die Buchfassung ihrer Erzählung Der Zauberlehrling erscheint 1913 in München. 1919 erscheint bei S. Fischer der 440 Seiten starke Roman Die Insel der Diana, der ebenso wie der historische Roman Das Gastmahl auf Dubrowitza 1921 von der Kritik überaus positiv aufgenommen wird. Albert C. Eibl, dem Gründer des Verlages Das vergessene Buch (DVB) und dem Germanisten Johannes Sonnleitner als Herausgeber ist es zu danken, dass dieses Buch 2017 wieder aufgelegt wurde. Bereits 2015 wagte sich das Duo Eibl-Sonnleiter an eines der Spitzenwerke der Autorin: Ein österreichischer Don Juan. Florian Welle meint dazu in der Süddeutschen Zeitung: „Der bitterböse Roman handelt davon, wie ‚das Judenmädl‘ Cecile ins Verderben gestürzt wird. Karlweis’ Interesse liegt am Untergang der Monarchie. Doch liegt ihr jede Nostalgie fern. Großartig entlarvt wird eine bigotte, misogyne Operettengesellschaft.“
Dass Marta Karlweis nach 1945 dennoch nicht mehr literarisch rehabilitiert wurde, sei hingegen vor allem der Nachkriegsgermanistik anzulasten, die „dezidiertes und aus heutiger Sicht beschämendes Desinteresse an der Literatur der Vertriebenen manifestierte“, stellt der Herausgeber fest. Auch der amüsante Roman Schwindel (1931) wurde 2017 im DVB Verlag wiederaufgelegt und mit einem kundigen Nachwort von Sonnleitner bereichert. Darin zeichnet die Autorin exemplarisch und parallel zum Zerfall der Donaumonarchie den Niedergang einer kleinbürgerlichen bis proletarischen Familie in drei Generationen auf. Der scharfsinnige Roman muss den Vergleich mit Ödön von Horváths zeitgleich erschienenen Geschichten aus dem Wiener Wald keinesfalls scheuen.
Aktuell ist der vierte Band der von Verleger Albert C. Eibl und Germanist Johann Sonnleitner lobenswert betriebenen Karlweis-Renaissance erschienen, ihre Erzählung Der Zauberlehrling zusammen mit zwei späteren Novellen. Der Zauberlehrling ist der leichtsinnige Bonvivant Georg Hübner im Wien des Fin de Siècle, der Theater- und Kaffeehausbesuche, der „süßen Mädl“, der soignierten älteren Herren und der ungestümen Künstler. Es ist eine Gesellschaft im Aufbruch, die noch wenig von der nahen Katastrophe ahnt, jedoch insgeheim das Ende schon in sich trägt.
Marta Karlweis, eine österreichische Schriftstellerin, die beeindruckende expressionistische Arbeiten schuf, war nicht nur ab 1926 Wassermanns zweite Frau, sondern auch seine erste Biografin. Wie sehr sie trotz ihrer literarischen Erfolge in der männerdominierten Welt eines Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal u. v. a. nicht gebührend zur Kenntnis genommen wurde, zeigt ein Auszug aus dem im Juli 2021 erscheinenden Buch der Historikerin Marie-Theres Arnbom mit dem Titel Die Villen vom Ausseerland: 1929 erhält Jakob Wassermann Besuch von Egon Michael Salzer, einem Journalisten des Neuen Wiener Journals, der in zauberhafter Weise Einblick in die Idylle gewährt: Dort trifft der Journalist auf Marta Karlweis:

„Inmitten eines Rosenbeetes steht die hübsche junge Hausfrau im kleidsamen Dirndl mit Schere und Korb bewaffnet, um die Rosenstöcke zu beschneiden, Unkraut auszujäten. Sie spricht von der Arbeit ihres Mannes: ‚Und Sie, gnädige Frau, leben hier in diesem Paradies ganz weltabgeschieden?‘, frage ich. ‚Was fällt Ihnen ein!‘, repliziert die schöne Frau. Weist auf die Rosen hin, denen so viel Liebe gilt, erinnert an ihren entzückenden Jungen, der eben mit dem Vater einen Spaziergang macht. ‚Wohl ist hier unser Heim, die Arbeitsstätte meines Gatten.‘“

Ist Karlweis zu bescheiden, oder passt sie sich nur den gängigen und von ihr erwarteten gesellschaftlichen Konventionen an? Leider können wir sie nicht mehr fragen.

Nach der Machtergreifung Hitlers distanzierte sich die neue Verlagsleitung unter Samuel Fischers Schwiegersohn von seinem Erfolgsautor Wassermann. Außerdem ließ die erste Frau noch Wassermanns Verlagskonto sperren, daher muss er auch befürchten, das Haus in Altaussee zu verlieren. Am 1. Januar 1934 starb Wassermann an einem Schlaganfall, nachdem er vergeblich versucht hatte, einen Vorschuss für seine schriftstellerische Tätigkeit zu bekommen. Noch im Jänner zog Marta Wassermann nach Zürich, wo sie bei C. G. Jung ihr unterbrochenes Psychologiestudium fortsetzte. Von Julie Wassermann-Speyer, die in den Besitz des Hauses zu kommen versuchte, wurde sie mit Klagen überzogen. 1938 ebenfalls nach Zürich emigriert, mietete sich diese im gleichen Haus wie Karlweis ein, die nach ihrem Studienabschluss nach Kanada floh. 1939 übernahm sie einen Lehrauftrag an der McGill-Universität in Montreal. Bis zu ihrem Tod arbeitete sie in ihrer psychiatrischen Praxis in Ottawa. Am 2. November 1965 starb Marta Karlweis auf einer Reise nach Lugano, von wo aus sie ihre im Tessin lebende Tochter Bianca besuchen wollte. Als letztes Buch hatte die damals 45-Jährige bereits 1935 die Biografie ihres Mannes im Amsterdamer Querido Verlag herausgebracht.

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