Ultranationalistisch UND RECHTSEXTREM

Die Soziologin Evrim Er an Akkılıç beobachtet seit einem Jahr für das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) die türkisch-nationalistische Szene in Österreich, besser bekannt als die Grauen Wölfe. WINA bat sie um eine Einordnung der hier zu Lande tätigen Akteure.

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Evrim Erşan Akkılıç untersucht die Hinter- und Beweggründe für den in Österreich steigenden Antisemitismus in türkischen Communitys. Foto: Daniel Shaked

Zwei Gruppen sind in Österreich aktiv, erläutert Evrim Erşan Akkılıç: einerseits die MHP (Milliyetçi Hareket Partisi), gegründet von Alparslan Türke , sowie ihr nahe Vereine – die Dachorganisation nennt sich „Verein Dachorganisation türkischer Kultur- und Sportgemeinschaften in Österreich“ (Avusturya Türk Federasyon), andererseits die BBP (Büyük Birlik Partisi), gegründet von Muhsin Yazıcıo lu, hier nennt sich der Dachverband der nahen Vereine „Welt Ordnung Österreich“ (Avusturya Nizami Alem). Beide zählen zur 1965 entstandenen Ülkücü-Bewegung.

Ülkücü bedeutet auf Deutsch Idealist. Manchmal wird aber auch von Bozkurtlar – Grauen Wölfen – gesprochen. Der graue Wolf stamme aus einem alttürkischen Mythos und sei das Symbol der Jugendorganisation Ülkü Ocakları, erläutert die Expertin. Diese Organisation war bis in die 1980er-Jahre in der Türkei paramilitärisch organisiert und in viele Gewalttaten, besonders gegenüber linken Organisationen und Personen, verwickelt. Im deutschen Sprachraum hat sich die Bezeichnung „Graue Wölfe“ etabliert. Sie setzt sich in Österreich aus verschiedenen türkeistämmigen rechtsextremistischen Organisationen zusammen, die einer der beiden eingangs angeführten Gruppen zuzuordnen sind.

 

„Aufgrund der Heterogenität der türkeistämmigen
Community in Österreich variieren die Intensität und
die Spielarten des Antisemitismus je nach Kontext beziehungsweise Milieu.“
Evrim Ersan Akkılıç

 

Warum aber sieht sich das DÖW nun auch diese Szene genau an? Türken und Türkinnen sowie türkischstämmige Menschen seien heute Teil der österreichischen Gesellschaft. „Wenn man sich mit autochthonem Rechtsextremismus auseinandersetzt, sollte man sich auch mit migrantischem Rechtsextremismus befassen“, betont Er an Akkılıç, „weil die Ungleichheitsideologien eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen, egal woher sie kommen“. Und sie ergänzt: „Im Grund sind wir da ohnehin schon spät dran.“

Eine ganzheitliche Analyse antisemitischer Einstellungen könnte das Verständnis für aktuelle Entwicklungen unterstützen. Foto: Daniel Shaked

Sie selbst ist in der Türkei aufgewachsen und kam als 25-Jährige nach Österreich, um hier an ihrer Dissertation zu arbeiten. Ihr Vater hatte zuvor hier schon als Lehrer gearbeitet. Nach ihrem Abschluss führte sie gemeinsam mit dem Religionspädagogen Ednan Aslan Studien einerseits zur Rolle von Imamen bei der Integration der muslimischen Bevölkerung in Österreich, andererseits zu islamistischer Radikalisierung durch. Dafür führte sie auch einige biografische Interviews mit verurteilten Dschihadisten. Ein immer wiederkehrendes Element in diesen Gesprächen war Diskriminierung, ein sich hier nicht zugehörig Fühlen. „Wir leben in einer komplexen Welt, und man kann nicht sagen, nur Diskriminierung ist aus schichten gibt es auch einen Wendepunkt, eine Krise. Aber Diskriminierung ist ein Faktor.“

Suche nach Anerkennung. Salafistische Moscheen waren in der Folge für einige der dann später Verurteilten eine wichtige Einrichtung. „Einer der Täter, er war Tschetschene, hat gesagt: Ich habe mich zum ersten Mal im Leben zugehörig gefühlt. Dort ist es nicht wichtig, ob du Österreicher, Türke oder Tschetschene bist. Dort ist nur wichtig, ob du Muslim bist.“ Das sei eine Art egalitäres Umfeld, in dem man auch leicht Karriere machen könne. Man lese ein paar Bücher, kenne die zirkulierenden Narrative und es würden sich Möglichkeiten eröffnen. Im Gegensatz dazu wäre es zum Beispiel eher schwierig, als Migrant oder Migrantin in einer österreichischen Partei zu reüssieren.

Ähnliches gelte auch für Menschen, die selbst oder deren Vorfahren aus der Türkei kamen. Hier kämen auch die Migrationspolitik in Österreich und sowohl der strukturelle wie auch der Alltagsrassismus, denen Migranten und Migrantinnen hierzulande ausgesetzt seien, ins Spiel. Wer zudem schwer die Staatsbürgerschaft bekomme und Exklusionserfahrungen mache, bleibe der früheren Heimat tiefer verhaftet. Und hier setzen manche Vereine an. Sie würden zum Beispiel auch vieles für Kinder und Jugendliche anbieten – von Fußball bis zum KoranUnterricht. Die Ideologie solcher Vereine sei oft ultranationalistisch und rechtsextrem – das treffe aber nicht unbedingt auch auf alle Menschen zu, die einem solchen Verein angehören oder in einer Moschee, die von einem solchen Verein betrieben wird, beten: „Oft ist es einfach die nächst gelegene Moschee.“

 

„In jeder dieser Lebensgeschichten gibt es
auch einen Wendepunkt, eine Krise.“
Evrim Ersan Akkılıç

 

Und gegen wen richtet sich diese extremistische Ideologie? In der Türkei war es zunächst die Linke, später dann die PKK beziehungsweise die Kurden, Armenier, Juden, Aleviten. In jüngster Zeit seien aber auch andere Feindbilder dazugekommen. Die Soziologin nennt hier beispielsweise die LGBTQI+-Gruppe. Diese seien auch für die Grauen Wölfe in Österreich erklärte Feinde. Die Expertin sieht hier zwar durchaus Gewaltpotenzial, allerdings derzeit eher nicht in Form von Aggression gegen die österreichische Mehrheitsbevölkerung. Wenn, dann würden innertürkische Konflikte ausgetragen beziehungsweise richte sich die Gewalt gegen oppositionelle Türkischstämmige in Österreich.

Zum Thema Antisemitismus in der türkischen Community meint sie: „Aufgrund der Heterogenität der türkeistämmigen Community in Österreich variieren die Intensität und die Spielarten des Antisemitismus je nach Kontext beziehungsweise Milieu, wobei antisemitische Elemente eine prägende Rolle in der Ülkücü-Bewegung spielen.“ Und: Wenn es im Israel-Palästina-Konflikt wieder zu einer Eskalation komme und in der Folge zu Protesten auch auf Wiener Straßen, ließen sich auch Mitglieder der hiesigen türkischen Gemeinde mobilisieren. Diese Mobilisierung funktioniere dann meist über das Narrativ der Ungerechtigkeit. „Du erlebst in der Schule, dass Muslime hier diskriminiert werden, und überträgst diese eigene Erfahrung dann auf diesen Konflikt.“ So könne man vor allem Jugendliche und junge Menschen rasch aufhetzen. Das erklärt vielleicht auch, warum sich bei der zweiten und dritten Generation eher antisemitische Einstellungen finden, als in der ersten Zuwanderergeneration, wie kürzlich auch eine Sonderbefragung des österreichischen Parlaments zur alle zwei Jahre stattfindenden Erhebung zu Antisemitismus unter rund 1.000 Menschen mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund zeigte, die selbst bereits mehrheitlich in Österreich aufgewachsen sind. In dieser Gruppe betrug der manifeste Antisemitismus 36 Prozent, der latente 54 Prozent (im Hauptsample quer durch die Bevölkerung waren es 15 beziehungsweise 32 Prozent). „Diese Zahlen schauen überhaupt nicht gut aus, und man muss sie ernst nehmen“, sagt Erşan Akkılıç. Sie hätte aber auch gerne den Blick dahinter gemacht und sich jeweils die konkreten Lebenswelten angeschaut, die dann zu solchen Einstellungen führen.

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