AUF AUGENHÖHE

2017 startete die Polizei österreichweit die Initiative GEMEINSAM.SICHER. Präventiv sollen hier Problemlagen erkannt und mit allen Betroffenen besprochen werden, sodass es erst gar nicht zu strafrechtlich relevanter Kriminalität kommt. Dazu trägt auch eine Reihe von Kooperationen der Polizei mit verschiedensten Partnern – von ÖBB über diverse Handelsketten bis hin zur ASFINAG – bei. Einer dieser Partner ist auch die Israelitische Religionsgesellschaft. WINA sprach mit Manuel Scherscher, dem stellvertretenden Direktor des Bundeskriminalamtes und Leiter von GEMEINSAM.SICHER.

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Hemmschwellen abbauen: Polizeibeamter bei der Kennenlern-Veranstaltung im Jüdischen Beruflichen Bildungszentrum. © IKG / Christine Schmidl

Juden und Jüdinnen und die Polizei: Da gibt es Befindlichkeiten. Wenn es um Antisemitismus geht, zählen auch Nuancen, die angehört und ernst genommen werden wollen. Wer als Jude oder Jüdin die Geschichte dieses Landes im Rücken hat, hat zudem oft ein anderes Sicherheitsbedürfnis als andere Bevölkerungsgruppen – und wird hierin auch immer wieder bestätigt: Erst 2020 ereignete sich just in der und um die Seitenstettengasse ein Terroranschlag.

Wie kann hier die Initiative GEMEINSAM.SICHER unterstützen? Hier geht es nicht um den klassischen Nachbarschaftsstreit oder Grätzelprobleme, wie etwa eine Gruppe von Jugendlichen ohne Perspektive, die vor einem Einkaufszentrum Leute anpöbeln, Lärm verursachen und jede Menge Müll hinterlassen. In solchen Fällen ist der Ansatz der Polizei, sich mit allen Involvierten – dem Centerbetreiber, den Anrainern und Nachbarn, der Sicherheitsfirma – zu einem Sicherheitsforum zusammenzusetzen. „Wenn man das dann gemeinsam bespricht, kann auch jeder einen Teil zur Problemlösung beitragen.“

Andere Beispiele für österreichweite Aktionen im Rahmen des Programms sind etwa, ältere Personen in Kooperation mit Seniorenvereinen über gängige Betrugsmaschen im Internet aufzuklären, an Schulen in Workshops Schülern und Schülerinnen die Gefahr von Drogen bewusst zu machen oder aber auch für das Thema Gewalt in der Familie zu sensibilisieren. „Hier ist es uns wichtig, die Zivilgesellschaft mit an Bord zu holen. Wenn es beim Nachbarn regelmäßig scheppert, darf man nicht weghören, sondern muss hier auch seiner Verantwortung nachkommen und dem Opfer helfen, indem man Hilfe holt.“

Hilfe und Unterstützung funktioniert dann am besten, wenn auf Augenhöhe kommuniziert wird, ist Scherscher überzeugt. Und genau darum geht es in der Kooperation mit der IKG. Inzwischen gibt es in allen Wiener Stadtpolizeikommanden hauptamtliche GEMEINSAM.SICHER-Koordinatoren und -Koordinatorinnen – die meisten von ihnen sind übrigens Frauen. Sie sind Ansprechpartnerinnen nach außen, sie sensibilisieren aber auch nach innen. Erreicht werden soll, „dass das gegenseitige Verstehen im Vordergrund steht“.

Was das konkret bedeuten kann? „Uns war es zum Beispiel wichtig, dass bei den Streifenpolizisten im zweiten Bezirk mehr Verständnis für die jüdische Kultur da ist. Dazu ist Kontakt und Kennenlernen wichtig. Wer sich kennt und miteinander redet, kann vieles schnell und informell lösen.“ Im Alltag gehe es da um viele Kleinigkeiten. „Wer mit der jüdischen Community nicht vertraut ist, und dann wird um ein Halte- und Parkverbot vor einer jüdischen Einrichtung gebeten, meint vielleicht, hier handle es sich um den Wunsch nach einer Extrawurst. Wer aber die Sicherheitsfrage im Hintergrund kennt, kann die Bedenken nachvollziehen und wird schauen, dass er das schnell in die Gänge bringt.“ Wichtig sei es aber auch, über die jüdischen Feste und Feiertage Bescheid zu wissen. Wann kann es etwas ausgelassener werden? Aber auch: Welche Feiertage sind besonders relevant?

Und natürlich gehe es auch darum, Anliegen, vor allem aber Ängste ernstzunehmen: dann etwa, wenn auf einem Kommissariat ein antisemitischer Vorfall gemeldet wird. „Hier bemühen wir uns um einen anderen Spirit. Hemmschwellen im Umgang mit der Polizei sollen abgebaut und Vertrauen soll aufgebaut werden.“ Und hier ist sie dann wieder, die Augenhöhe, ohne die Dialog nicht funktionieren könne. Genau dieser Dialog ist das Ziel.

Omnipräsent ist die Polizei seit vielen Jahren vor jüdischen Einrichtungen. Hier steht sie vor allem für Schutz und Sicherheit. Freuen würde sich Scherscher, wenn es in Zukunft aber auch jüdische Polizisten und Polizistinnen gäbe, die ebenfalls als Vermittler zwischen Mehrheits- und jüdischer Minderheitsgesellschaft agieren könnten. Kürzlich hat sich das Recruiting-Team der Polizei daher bei Jugendlichen im Jüdischen Beruflichen Bildungszentrum (JBBZ) vorgestellt. Aber auch beim heurigen Straßenfest präsentiert sich die Polizei als potenzieller Arbeitgeber. „Wir suchen grundsätzlich immer Menschen, die sich für den Beruf interessieren. Wir setzen aber auch schon seit vielen Jahren bewusst auf Diversität in unseren Reihen.“

www.gemeinsamsicher.at

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