Und wieder Stacheldraht und Duschen …

Das Anhaltelager in Atlit war für zigtausende der unter dem Britischen Mandat als illegal angesehenen jüdischen Immigranten, die am Hafen in Haifa ankamen, die erste Station im Heiligen Land. Die meisten von ihnen waren Überlebende der Shoah, und die Ankunft in diesem von den Briten eingerichteten Lager war für sie ein unerwartet traumatisches Erlebnis. Heute wandeln dort Schulklassen und Touristen auf den Spuren der Geschichte, und der Ort gilt als nationales Kulturerbe.

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Einer der Wachtürme von Atlit, dem Anhaltelager bei Haifa, das von 1939 bis 1948 zur Internierung illegal nach Palästina eingewanderter Jüdinnen und Juden diente. © Ingo Wagner / dpa / picturedesk.com

Wie oft habe ich meine Mutter mit der Frage gelöchert, warum sie nach ihrer Befreiung von Auschwitz-Birkenau nicht wie die meisten ihrer Freundinnen und Mitinsassinnen nach Israel gegangen ist. Sie hätte es eigentlich vorgehabt, antwortete sie jedes Mal. Aber als sie hörte, dass so viele der Einwanderer in Lagern in Zypern oder im damaligen Palästina interniert wurden, verwarf sie diesen Plan: „Ich wollte auf keinen Fall noch einmal in einem Lager landen“, erklärte sie immer voll Abscheu. Letzten Herbst, als ich erstmals das Anhaltelager in Atlit, das damals größte im Land, besuchte, musste ich sehr intensiv an ihre Worte denken.

Menschen, die die Todeslager und unendlich viele Gefahren überlebt und gerade die lange Reise unter kaum erträglichen Bedingungen auf einem der überfüllten Schiffe überstanden hatten, fanden sich hier noch einmal hinter hohen Stacheldrahtzäunen. Wie auch in den Konzentrationslagern, denen sie gerade entkommen waren, wurden sie in der großen, grauen „Ankunftshalle“ angewiesen, sich nackt auszuziehen und unter die bedrohlichen Duschköpfe zu stellen. Glück licherweise strömte diesmal wirklich Wasser heraus.

Gegen Seuchen und Ungeziefer wurden alle Ankommenden aber auch mit DDT „desinfiziert“. Danach bekam jeder der Ankommenden eine Orange, zu jener Zeit ein unglaublicher Schatz. Einige der Jugendlichen stellten sich deswegen noch einmal zur Desinfizierung an, nur um noch eine Orange zu erhalten, was für manche von ihnen später schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen haben sollte. Die schädliche Wirkung des Pestizids war damals noch nicht bekannt.

Wie schlimm diese ersten Erfahrungen vor allem für die traumatisierten Überlebenden der Todeslager gewesen sein muss, ist leicht nachvollziehbar, die Halle mit den Duschen und der Aufbereitungsanlage für das DDT lässt einen noch heute erschauern. Aber Hillel, unser Guide, versichert uns, dass es auch Immigranten gab, die Atlit nach allen Schrecknissen, die sie erfahren hatten, beinahe als Ferienlager betrachteten. Immerhin bekam man zu essen und befand sich nicht mehr unter ständiger Todesgefahr. Allerdings war man hier komplett vom Rest des Landes abgeschnitten und konnte sich die Welt jenseits des Stacheldrahts nur erträumen. Es gab eine strenge Tagesordnung: Apelle, zum Abzählen der Arretierten und komplette Ausgangsperre innerhalb des Lagers bei Dunkelheit. Das Leben war eintönig, und die Tage reihten sich endlos aneinander, da man ja nicht wusste, wann man jemals freikommen würde. Die Unternehmungslustigeren unter den Insassen übernahmen kleine Jobs, organisierten Zusammenkünfte zu den Feiertagen oder Schulstunden für die Kinder und hatten so ab und zu wenigstens ein wenig Kontakt zur Außenwelt.

 

An einer Holzwand neben dem Eingang
sind Namen und Daten eingeritzt – man hoffte,
[…] ein
Zeichen an Verwandte oder Freunde geben zu können.

 

Vor der Gründung Israels gab die britische Verwaltung, die in Palästina das Sagen hatte, monatlich immer nur eine beschränkte Quote von Visa für die Einreise von jüdischen Immigranten, Shoah-Überlebenden aus Europa und verfolgten Juden aus arabischen Staaten, aus. Aber die Schiffe mit den Flüchtlingen kamen dennoch, und so errichteten die Engländer Ende der 1930er-Jahre das Internierungslager Atlit, nicht das einzige derartige Lager im Land, aber bei Weitem das größte. Hier wurden die als illegal angesehenen Einwanderer, die am Hafen von Haifa abgefangen worden waren, interniert. Im Glücksfall dauerte der unfreiwillige Aufenthalt der „Ma’apilim“, wie sie hier genannt wurden, nur einige Wochen, bis die eventuell nötige Quarantäne abgesessen und die Dokumente arrangiert waren. Oft waren es aber auch einige Monate und sogar Jahre.

Rekonstruierte Schlafsäle für bis zu 4.000 geflüchtete Jüdinnen und Juden, die ihre wenigen Habseligkeiten in Stoffsäcken über ihre Betten hingen. © Ingo Wagner / dpa / picturedesk.com

 

Die Namen an der Wand. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war das Lager völlig überfüllt und zählte oft bis zu viertausend Insassen, obwohl es ursprünglich nur für halb so viele Menschen eingerichtet worden war. In einer der Baracken, die Ende der 1980er-Jahren wieder hergerichtet und so vor dem kompletten Verfall bewahrt wurden, kann man die einfache, spärliche Einrichtung sehen und einen Einblick in das karge Leben der Flüchtlinge bekommen. Da gab es nur aneinandergereihte Betten, keinen Raum für Intimität und auch keine Kästen oder Regale. Ihre wenigen Habseligkeiten hängten die unfreiwilligen Bewohner einfach in großen Stoffbeuteln über ihre Betten. An einer Holzwand neben dem Eingang sind Namen und Daten eingeritzt – man hoffte, indem man sich hier verewigte, ein Zeichen an Verwandte oder Freunde geben zu können, die möglicherweise ebenfalls durch das Lager kommen würden.

Doch eigentlich mussten sich diejenigen der illegalen Einwanderer, die in Atlit oder einem der kleineren Lager interniert waren, noch glücklich schätzen, dass sie nicht zurück auf ihre Schiffe mussten und nach Zypern oder gar nach Mauritius abgeschoben wurden, wo viele der Überlebenden oft jahrelang interniert waren. Um das zu verhindern, half oft die gesamte Bevölkerung der Umgebung mit: Wenn die Juden im Raum von Haifa erfuhren, dass ein Schiff anlegen sollte, kamen sie alle in schäbigen, abgewetzten Kleidern zum Hafen und mischten sich schnell unter die Ankommenden. So konnten die Briten nicht mehr unterscheiden, wer die Immigranten und wer die Ansässigen waren. Und wen immer sie auch aufhielten und nach seiner Identität befragten, der antwortete ihnen provokativ: „I am a Jew oft the Land of Israel“ („Ich bin ein Jude aus dem Land Israel“). Das führte einmal dazu, dass die frustrierten britischen Beamten einfach alle Juden, die sich am Hafen befanden – legale und illegale – nach Zypern abschoben. Sie mussten diese aber nach einigen Wochen wieder freilassen und wurden von den Israelis verlacht, weil sie ihnen zu einem „kostenlosen Urlaub“ verholfen hätten.

Ab und zu wurden auch Mitglieder von militärischen Untergrundorganisationen, wie HaEzel oder der Hagana, der Vorgängerin der heutigen Israelischen Armee, in Atlit interniert. Und einmal, im Oktober 1945, unternahm sogar eine Einheit des zur Hagana gehörigen Palmach eine abenteuerliche Rettungsaktion: Die Untergrundkämpfer:innen schnitten den Stacheldrahtzaun auf und brachen nachts in das Lager ein. So gelang es ihnen, 208 Insassen aus Atlit zu befreien.

Im Februar 1949 wurden die britischen Anhaltelager dann geschlossen. Atlit diente nach der Staatsgründung noch als eine der Übergangsherbergen für die Welle von Immigranten, die das Land überflutete. Später, während der Suezkrise und im Sechs-Tage-Krieg, wurden dort arabische Kriegsgefangene interniert, bevor das Lager endgültig aufgelassen wurde. Erst Ende der Achtzigerjahre erkannte man den historischen Wert der Anlage. Die Ankunftshalle mit dem Desinfektionszentrum und einige der Baracken wurden restauriert und teilweise rekonstruiert, der Ort wurde als Museum und Informationszentrum zum Thema der „Ha’apalah“, der illegalen Immigration, eingerichtet. Vor einigen Jahren konnte auch ein den historischen Flüchtlingsschiffen ähnlicher Dampfer erworben werden, er simuliert mit Videos und Animationen die Überfahrt der Einwanderer. Und seit 2017 präsentiert eine C-46-Maschine die Rettungsaktionen, die auf dem Luftweg durchgeführt wurden. So wird die Geschichte der illegalen Einwanderung und der vielen speziellen Rettungsoperationen realitätsnah veranschaulicht und erfahrbar gemacht.

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