„Vermittlungsarbeit forcieren“

Seit mehr als drei Jahren ist die frühere Grün-Politikerin Terezija Stoisits nun Vorsitzende des Vorstands des Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI). Im Interview mit WINA spricht sie über das bisher Erreichte und das, was sich die Institution für die nächsten Jahre vorgenommen hat.

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Terezija Stoisits ist seit drei Jahren Vorsitzende des Vorstands des Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien und eng mit den neuen Projekten des VWI befasst. ©Daniel Shaked

TEREZIJA STOISITS,
geb. 1958 und aufgewachsen in Stinatz/Burgenland, nach der Matura Jusstudium an der
Universität Wien. Nach dem Gerichtsjahr Wechsel ins Unterrichtsministerium, wo sie bis heute tätig ist. Dazwischen liegt ein Politikerinnenleben und ihr Einsatz für Migration, Minderheiten- und Menschenrechte. Von 1990 bis 2007 saß sie für die Grünen im Nationalrat und war von 1992 bis 1996 auch Mitglied des Bundesvorstands der Partei. Ab 2000 war sie Mitglied des Kuratoriums des Nationalfonds. Seit Ende 2019 ist sie Vorstandsvorsitzende des Wiener Wiesenthals Instituts für Holocaust-Studien (VWI).

 

WINA: Was macht für Sie das Besondere des VWI aus?
Terezija Stoisits: Das Besondere ist, dass es einen einzigartigen Auftrag hat in Österreich, nämlich das Gedächtnis an Simon Wiesenthal zu erhalten. Das Gedächtnis an ihn als herausragende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts und vor allem an sein Lebenswerk, an das, was er getan hat.

Wie würden Sie sein Lebenswerk umreißen?
I Das Lebenswerk besteht für mich aus zwei Teilen. Es ist sein Leben, das so explizit für das 20. Jahrhundert steht, weil es mit dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte so eng verknüpft ist. Und dann kommt das, was er nach seiner Befreiung aus dem KZ geleistet hat, wo er sich der Verfolgung der Täter gewidmet hat, aber nicht nur. Für mich ist einer der wesentlichsten Punkte der Arbeit Simon Wiesenthals, dass er sich nicht auf die Ausforschung von Tätern beschränkt hat, sondern immer auch die Opfer im Blick hatte.

Und er war auch daran interessiert, über den Holocaust aufzuklären.
I Ja, aber nicht zum Selbstzweck, sondern um daraus für die Menschheit Lehren zu ziehen. Das war dann in seinem letzten Lebensdrittel seine Hauptaufgabe, zu mahnen und den Finger auf Versäumnisse zu legen, als Mensch, der vieles davon am eigenen Leib erlebt hat. Er hat ja ein langes und volles Leben gehabt, so hatten viele Menschen die Möglichkeit, ihn als Person, aber vor allem auch seine Arbeit kennenzulernen. Ich habe ihn auch kennengelernt, aber erst in den 1990er-Jahren. Er war eine Ausnahmepersönlichkeit, durchaus widersprüchlich, durchaus mit Ecken und Kanten, das aber immer für die Sache, für die er sich eingesetzt hat, nutzend.

Inwiefern wird heute im VWI das umgesetzt, was Wiesenthals Lebenswerk entspricht?
I Wir trachten danach, genau das zu tun, was ihm wichtig war, und das ist vor allem, den Holocaust als Ganzes zu betrachten. Manche glauben, er hat sich nur der Täterforschung gewidmet. Das stimmt aber nicht. Am VWI forschen und vermitteln wir, und wir halten das Gedächtnis an Simon Wiesenthal aufrecht. Wir beschränken uns dabei nicht ausschließlich auf Holocaust-bezogene Recherche, sondern betreiben auch Antisemitismusforschung und Jewish Studies. Wir sind jetzt schon in den Zwanzigerjahren des 21. Jahrhunderts, und der Abstand zum Ende des Zweiten Weltkriegs und zum Ende des Holocaust wird immer länger. Manche Forschungsarbeiten sind heute überhaupt erst möglich, weil Archive zugänglich sind, weil sich Lebensgeschichten weiterentwickelt haben. Und es geht auch darum, Ergebnisse der Forschung und das, womit wir uns beschäftigen, an die Menschen zu bringen und hier Aufklärungs- und Vermittlungsarbeit zu leisten. Nichtsdestotrotz ist das Institut ein Institut für Advanced Studies von Nachwuchswissenschaftern und -wissenschafterinnen bis Senior Fellows. Niemand kann hier studieren und dann einen akademischen Grad erwerben, sondern es ist ein Institut, das Forschung auf höchstem Niveau betreibt und Forschungsergebnisse vor allem auch vermittelt in dem Sinne, in dem genetzwerkt wird. Eine wesentli- che Säule des Instituts ist das Fellowship-Programm, das eine Erfolgsgeschichte ist. Die Fellows kommen aus allen Kontinenten, und es ist wirklich unglaublich, welche Position sich das VWI in der letzten Dekade international erarbeitet hat.

„Wir wollen dort Schwerpunkte setzen, wo es sie bisher noch nicht genügend gab“, erzählt die Vorstandsvorsitzende des VWI im WINA-Gespräch. ©Daniel Shaked

Wie hat sich denn das VWI innerhalb der österreichischen Forschungslandschaft seit der Gründung 2009 positioniert?
I Sehr gut. Nicht zuletzt zeigt der Umstand, dass das Wissenschaftsministerium das VWI als jene Organisation ausgewählt hat, die das Österreich-Konsortium bilden soll für EHRI, die European Holocaust Research Infrastructure. Das ist für mich der Beweis, dass wir hier eine führende Position in der Holocaust-Forschung haben.

 

„Das Einbeziehenvon Kunst ist auch
eine gute Möglichkeit, das Thema
unter die Menschen zu bringen.“
Terezija Stoisits

 

Sie haben vorhin die Vernetzung durch die Fellows angesprochen. Wie hat sich das VWI inzwischen international positioniert?
I Das eine hat mit dem anderen zu tun. Das FellowsProgramm läuft jetzt schon seit elf Jahren. Da gibt es Leute, die waren hier als Junior Fellows, also Stu- dierende, und kommen jetzt zurück als Simon Wiesenthal Lecturer oder Keynote-Speaker an einer VWI-Tagung, also als namhafte Wissenschafter. Sie initiieren auch regelmäßig Workshops an unserem Haus. Diese Fellows werden sorgfältigst durch das Advisory Board und die stellvertretende Direktorin nach Themen und Schwerpunkten ausgewählt. Ich bin selbst zwar keine Historikerin, aber voller Respekt, in welch kurzer Zeit es gelungen ist, sich hier eben auch international einen Namen zu machen.

Wie viele Fellow-Stellen gibt es pro Jahr, und wie viele Personen bewerben sich dafür?
I Wir haben je nachdem acht bis zwölf Fellowships zu vergeben, bei insgesamt durchschnittlich 70 Bewerbungen pro Jahr – die Plätze sind also sehr gefragt. 2022 hat uns die Stadt Wien außerdem extra Mittel für ukrainische Fellows zur Verfügung gestellt. Das finde ich ganz großartig. Aktuell arbeiten fünf ukrainische Wissenschafter und Wissenschafterinnen bei uns.

Forschungsergebnisse wirken ja für viele Menschen oft sperrig. Die NS-Zeit ist allerdings ein Thema, für das es grundsätzlich schon eine Bereitschaft gibt, sich damit auseinanderzusetzen. Es ist nicht etwas wie Quantenphysik, wo man gleich sagt, da habe ich ja gar keine Ahnung. Welche Herausforderungen gibt es trotzdem in der konkreten Vermittlungsarbeit?
I Wir haben dieses Problem genauso. Akademische Forschungsarbeit hat ein spezifisches Muster. Aber unsere Aufgabe ist, das auf ein Niveau hinunterzubrechen, damit wissenschaftliche Ergebnisse allgemein verständlich sind. Es geht also um eine Übersetzung, nicht in eine andere Sprache, sondern in eine verständliche Form. Wir wollen daher die Vermittlungsarbeit in der nächsten Zeit forcieren, damit das, was hier geforscht wird, an so viele Menschen wie möglich kommt. Ich bin da vollkommen illusionsfrei und weiß, dass das kein Thema ist, wo man die Massen packt, aber es wäre schön, jene zu erreichen, die Interesse haben. Was natürlich nicht passieren darf, ist, dass man alles so tief herunterbricht, dass quasi nichts mehr übrig bleibt. Aber es gibt ja Transportmittel, die man nutzen kann, wie soziale und moderne Medien. Wenn man aus einem Forschungsthema einen Podcast produziert, ist das keine Vereinfachung, sondern Aussagen können einfach klarer dargelegt werden. Man kann dann auch einen Teaser gestalten, der ein bisschen provokant wirkt. Eine Dissertation wird kaum jemand lesen. Aber einen Podcast hören sich viele gerne an. Interventionen im öffentlichen Raum erfüllen diese Aufgabe ebenfalls sehr erfolgreich.

Können Sie mir hier ein Beispiel beschreiben?
I Vergangenes Jahr haben wir gemeinsam mit der Misrachi am Judenplatz eine Veranstaltung organisiert, bei der die Namen von Menschen, die in der NS-Zeit Selbstmord begangen haben, verlesen wurden. Wir wollen aber auch weiterhin und gerne noch stärker mit den Kunstuniversitäten zusammenarbeiten. Und mir schwebt wieder ein Fellowship für einen Artist in Residence vor, wie wir es schon hatten, dazu müssen wir uns aber noch um Drittmitteln kümmern. Dieses Hinausgehen war durch die Covid-Pandemie etwas erschwert, aber das Einbeziehen von Kunst ist auch eine gute Möglichkeit, das Thema unter die Menschen zu bringen.

Mit Jochen Böhler hat das VWI nun einen neuen Direktor (siehe auch das Porträt in diesem Heft). Welche Erwartung hat der Vorstand an ihn?
I Wir wollen gemeinsam Kontinuitäten dort wahren, wo wir erfolgreich sind. Und wir wollen dort Schwerpunkte setzen, wo es sie bisher noch nicht genügend gab.

Können Sie das näher erörtern?
I Das Fellowship-Programm und die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, sollen auf jeden Fall weiterbestehen. Ein zweiter Punkt ist für mich das SimonWiesenthal-Archiv, das weiter digitalisiert werden soll, damit man mit den Schätzen, die dieses Archiv enthält, noch proaktiver arbeiten kann. Das VWI ist ja überhaupt nur entstanden, weil Wiesenthal dieses Archiv hinterlassen hat. Der dritte Punkt ist für mich die noch stärkere Zusammenarbeit mit anderen Institutionen im Bereich der Antisemitismusforschung, der Holocaust und Jewish Studies. Wir sehen jetzt schon, wie befruchtend ein so kleines Institut wie das VWI auch für große Einrichtungen wie die Central European University sein kann. Und dann ist da noch der Punkt Lehre. Ich bin fest davon überzeugt, dass alle angehenden Lehrer und Lehrerinnen ein inhaltliches Rüstzeug brauchen, wenn es um den Holocaust geht. Je länger entfernt das Kriegsende ist und je weniger Zeitzeugen und Zeitzeuginnen es mit eigenen Wahrnehmungen gibt, umso wesentlicher werden Archive und Institutionen, die sich mit der NS-Zeit beschäftigen.

Haben Sie hier alle Pädagogen vor Augen oder nur jene, die Geschichte unterrichten?
I Zeitgeschichte wird im Fach Geschichte vermittelt. Aber das, womit wir uns hier beschäftigen, geht ja weit darüber hinaus. Es geht nicht nur um eine reine Information über historische Abläufe, sondern darum, die Lehren daraus zu ziehen, damit sich solche Dinge nicht wiederholen. Damit kann man sich auch in anderen Unterrichtsfächern beschäftigen.

Es gibt aber sehr viele Lehrer und Lehrerinnen. Kann das das kleine VWI überhaupt leisten?
I Natürlich nicht. Es gibt ja andere Institutionen, die dazu eingerichtet wurden, wie _erinnern.at_. Aber wir können hier etwas beitragen. Wir haben im Erdgeschoss unserer Räume am Rabensteig auch ein Museum. Und ich glaube, jeder Wiener Schüler und jede Wiener Schülerin, die einmal in unserem Museum waren, wird Simon Wiesenthal nicht mehr vergessen. Man darf ja nicht glauben, dass heute 13-Jährige automatisch mit dem Namen Simon Wiesenthal etwas verbinden. Unsere Aufgabe ist es, mit den Möglichkeiten, die wir haben, einen Beitrag zu leisten. Und Wiesenthal war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, mit der man Zeitgeschichte in die Gegenwart bringen kann.

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