Unser Zuhause ist das Zelt

"Wow, ihr müsst stark sein!“ Das hören Johanna und Tanja immer wieder, wenn sie mit ihren vollgepackten Fahrrädern – eines gelb, das andere grün – in einem afrikanischen Dorf ankommen. Die beiden 35-jährigen Frauen befinden sich derzeit auf dem längsten Heimweg ihres bisherigen Lebens. Sie radeln von Kapstadt nach Wien.

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20.000 km auf dem Fahrrad, um den Weg nach Hause und zu sich finden. ©roamningpedals

20.000 Kilometer, drei Klimazonen, 20 Länder – ein Jahr haben Johanna und Tanja (wie auf ihrem Blog werden beide auch hier nur beim Vornamen genannt) für ihre Radreise Zeit. Johanna ist von Beruf Lehrerin für Sport und Spanisch, Tanja ist Fahrradmechanikerin, in ihrem Sabbatical wollen sie sich einen ganzen Kontinent erradeln. Seit September 2022 sind sie bereits unterwegs, sie radeln ohne Strom und schlafen – wenn möglich – im Zelt. Verfolgen kann man ihre Reise via soziale Medien auch aus der Ferne. Bereits vor der Reise befüllten sie ihren Instagram-Account mit Fotos ihrer Ausrüstung, diskutierten über möglichst leichtes Equipment und erklärten ihre Reisepläne. Ein wesentliches Element der Reise sind die Begriffe Heimat und Zuhause. Johanna und Tanja haben sich vorgenommen, auf die Frage „Wohin fahrt ihr?“ stets mit „Home“ zu antworten.

Ob auf einem Boot, in einer Schule in Malawi, oder auf einem Uferweg: Die beiden Bloggerinnen lassen an ihrer faszinierenden Reise teilhaben. ©roamningpedals

In den vergangenen vier Monaten wurde ihnen diese Frage hundertfach gestellt, erzählen die beiden Frauen via Sprachnachricht aus einem Dorf in Malawi, sie sitzen dabei wohl in einer Art Bar, im Hintergrund sind Gespräche in der Landessprache zu hören. Oft entsteht aus der Frage nach dem Wohin ein Gespräch, die Menschen zeigen sich ob der Strecke beeindruckt, in vielen afrikanischen Sprachen gibt es charakteristische Laute, die Bewunderung ausdrücken. Zwei Frauen auf bunten Fahrrädern, das sorgt für Aufmerksamkeit. Das Reiseziel, also Österreich beziehungsweise Wien, ist für die meisten viel zu weit weg und damit eher zweitranging. Die beiden mussten sogar schon einmal erklären, dass es Österreich-Ungarn in dieser Form heute nicht mehr gibt, oft kommt es auch zur Verwechslung mit Australien. Einmal seien sie für Missionarinnen gehalten worden, ein andermal fragte jemand, warum man sich so eine Tortur antue, ein Grenzbeamter lachte, das Ganze sei der Witz des Tages.

Johanna und Tanja kann man online folgen: Auf Instagram unter
roaming_pedals oder auf roamingpedals.wordpress.com.
Hier erzählen die beiden auf überaus unterhaltsame Art von Begegnungen, Hoppalas und Abenteuern.

 

Doch was bedeuten für die beiden Radlerinnen die Begriffe Heimat und Zuhause? Vor allem unter dem Aspekt, gerade so unglaublich weit entfernt zu sein. Für Johanna, die in Oberösterreich geboren wurde, ist Heimat ganz eindeutig der Ort, an dem sie aufgewachsen ist und wo ihre Familie lebt, das Zuhause hingegen könne sich verändern, meint sie. Und es gibt auch eine sprachliche – und damit emotionale – Abgrenzung, denn wenn sie nach Oberösterreich zu ihrer Familie fahre, dann verwende sie dazu den Mundartausdruck „hoam“. Wenn sie in Wien gefragt werde, dann antworte sie: „Nach Haus.“ Vielleicht habe sie sich doch noch nicht ganz von ihrem Elternhaus losgelöst, lacht Johanna.

©roamningpedals

Für Tanja, die immer in Wien gelebt hat, gibt es diese Unterscheidung eigentlich nicht. Und das, obwohl sie deutsche Wurzeln hat und zuhause stets hochdeutsch gesprochen wurde. Sie habe sich in Wien nie weniger heimisch gefühlt als zum Beispiel ihre österreichischen Mitschülerinnen und Mitschüler. Zuhause sei für sie ein variabler Begriff, das sei ein Ort, an den man sich zurückziehen könne und geborgen fühle, wo eine Umarmung möglich sei. Das könne überall sein, sagt Tanja. Mit dem Begriff Heimat habe sie sich vor dieser Reise eigentlich gar nicht wirklich auseinandergesetzt, doch dann seien ihr in den Bergen Malawis „Heimatgefühle eingefahren“, die kalte Luft, der Geruch der Tannennadeln, ein Fels, ein Fluss. Das sei intensiv und sehr emotional gewesen, erzählt Tanja, ihr seien die Tränen gekommen, das Herz habe geklopft. Sie habe nicht gedacht, dass sie so intensiv spüren würde, wo sie herkommt. Heimat, das sind auch die Erinnerungen an Eindrücke oder an Gerüche.

Beim Reisen, vor allem beim langsamen Reisen per Fahrrad, bleibt viel Zeit, um sich Gedanken über das Leben zu machen. Der Begriff Zuhause wird von Johanna und Tanja ständig hinterfragt, neu definiert, mit weiteren Attributen versehen. Wenn sie in einem Ort mit (zu) vielen Menschen sind, wollen sie sich zurückziehen, wenn sie in der Wildnis campen, sehen sie sich doch irgendwann wieder nach ihren Freundinnen und Freunden. „Unser Zelt ist unser Rückzugsort, unser safe space, den wir immer dabeihaben“, erzählt Tanja. Die beiden Frauen haben schon viele gemeinsame Reisen hinter sich, lieben die – so schreiben sie auf ihrem Blog – „tägliche Portion Bewegung, die ultimative Freiheit, die heute so lebenswichtige Entschleunigung“. Und dazu gehört wild campen.

 

„Weit weg von allem – wo du die Sterne sehen
kannst, wo du die Nacht erlebst.“
Johanna

 

Dunkle Sicherheit. Auf vielen Fotos sind ihre Schlafplätze zu sehen, fernab jeder Siedlung schlagen sie ihr Zelt auf, filtern Trink- und Kochwasser, entfachen ein Lagerfeuer. „Weit weg von allem – wo du die Sterne sehen kannst, wo du die Nacht erlebst“, sagt Johanna, und Tanja ergänzt: „Wir haben uns oft am sichersten gefühlt, wenn die Nacht über uns hereingebrochen ist, wenn wir sehr abgelegen gecampt haben, da wurden wir unsichtbar und haben Ruhe gefunden.“ Denn wenn die Sonne untergeht, endet für die Menschen in dieser Region zumeist der Arbeitstag, kaum jemand hält sich in der Dunkelheit draußen auf. Und so liegen die beiden dann in ihren Schlafsäcken, hören nur noch die Geräusche der Tiere, die sie umschleichen. Es ist aber nicht nur die Liebe zur Natur, warum sich die beiden Frauen von Siedlungen fernhalten. Gerade in Südafrika wurde ihnen aus Sicherheitsgründen nahegelegt, versteckte Schlafplätze zu suchen, etwa unter Brücken oder in verlassenen Gebäuden. Da geht es den beiden zwar auch um ihre eigene Sicherheit, das Worst-Case-Szenario wäre jedoch, wenn ihre Fahrräder gestohlen würden.

Was beide in den vergangenen Wochen lernen mussten, war, Angebote anzunehmen. In Namibia, Botswana und Zimbabwe hätten sie einfach gefragt, ob sie ihr Zelt im Garten eines Hauses oder in Wirtschaftsgebäuden aufschlagen könnten. Und so waren Johanna und Tanja bereits auf einer Schaffarm zu Gast, haben im Palmengarten eines Krokodilfarmers genächtigt oder schliefen in ihrem Zelt mitten in einem Klassenzimmer. Doch oft wurden sie eingeladen, im Haus zu übernachten, lernten die privatesten Räume kennen und durften am Leben dieser Familien teilhaben. Besonders wohl fühlten sie sich bei einem jungen Tierarztpaar, und zu Weihnachten waren sie bei einem üppigen Mahl mit drei Generationen einer Familie zu Gast.

©roamningpedals

„Wir haben immer gedacht, wir können nichts zurückgeben, aber es war den Menschen genug, dass wir mit unserer Geschichte bei ihnen waren und sie an unserem Projekt teilhaben ließen“, meint Tanja, und ja, natürlich würden sie sich über eine Dusche freuen, natürlich würden sie es genießen, bekocht zu werden. Trotzdem waren die beiden immer sehr glücklich, wieder in ihr Zuhause, ihr Zelt zurückzukehren. Denn es habe auch, erzählt Tanja, Aufenthalte bei Menschen gegeben, die zwar lehrreich, aber vor allem anstrengend waren. „Es hat sich im Gespräch einfach gezeigt, ob diese Menschen unsere Zuhause-Kriterien abdecken können, ob wir auf einer Wellenlänge sind“, erklärt Tanja. Oft sei auch die Sprache eine Barriere, da komme es eben zu Missverständnissen.

Eigentlich hatten Johanna und Tanja unter dem Titel framing home eine Art intuitives Projekt geplant, um zu zeigen, wie Menschen in Afrika leben, wie sie ihr Zuhause gestalten, welches Wort es in ihrer Sprache dafür gibt. Immer wieder führten sie Gespräche zu diesem Thema, fragten nach Definitionen und Strukturen. Dabei erkannten sie, dass, obwohl es im Englischen nur ein Wort für Zuhause und Heimat gibt, nämlich home, die Menschen dennoch eine ähnliche Unterscheidung dieser beiden Orte machen. „Here is where I work, but I’m from where my family lives“, bekamen sie oft zur Antwort. Die Sache mit dem Wort für Heimat in den afrikanischen Sprachen haben Johanna und Tanja recht bald wieder aufgegeben, es gebe einfach viel zu viele Stämme und Kulturen mit ihren jeweiligen Dialekten.

Leidenschaftliche Radlerinnen steht auf den Schildern der beiden Weltreisenden auf der Suche nach Antworten auf die Frage, was Heimat, was Zuhause ist. ©roamningpedals

„[…] aber ich fühle mich meinen Familienangehörigen,
meiner Familiengeschichte näher.
Tanja

 

In den ersten Wochen des Jahres 2023 bekam die Reise vor allem für Tanja noch einen weiteren spannenden Aspekt. Denn in der malawischen Stadt Zomba nahe der mosambikanischen Grenze lebten in den 1960er- und 1970er-Jahren Tanjas Urgroßeltern, Tanjas Mutter verbrachte hier einen Teil ihrer Kindheit. Mit Fotografien aus der Zeit und einigen wenigen Hinweisen machten sich Tanja und Johanna auf die Suche nach dem ehemaligen Haus der Urgroßeltern. Es brauchte zwar mehrere Anläufe, doch schließlich war das heute als Pension geführte Haus gefunden. Drei Tage verbrachten die beiden anschließend bei den italienischen Besitzern. Für Tanja war die Suche zunächst eine Aufgabe, die sie sich zu erfüllen vorgenommen hatte, sie wollte vor allem ihrer Mutter eine Freude damit machen. „Ich fühle mich den Orten der Vergangenheit nicht näher, aber ich fühle mich meinen Familienangehörigen, meiner Familiengeschichte näher. Sogar meiner Mama fühle ich mich ein Stück näher, weil ich gesehen habe, wo sie als Kind aufgewachsen ist“, erzählt Tanja. Und sie fügt hinzu, dass es für sie besonders schön gewesen sei, dieses Stück Zuhause mit ihrer Partnerin Johanna zu erforschen.

Als dieser Artikel entstand, waren Johanna und Tanja gerade in Tansania. Wo genau die Reise die beiden Radlerinnen hinführt, wird sich weisen. Auf ihrem Blog formulieren sie es so: „Wir machen es wie Beppo Straßenkehrer aus Michael Endes Roman Momo und denken immer nur an den nächsten Schritt, den nächsten Besenstrich – oder in unserem Fall wohl eher an die nächste Pedalumdrehung.“

 

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