Zerrissene Herzen

Hertha Paulis Autobiografie Der Riss der Zeit geht durch mein Herz ist zum 50. Todestag der Exilautorin neu aufgelegt worden. Ihr Lebensmensch Karl Frucht, der ewige Dritte in ihren Beziehungen, hatte sich um sie und ihr Werk verdient gemacht. Eine Erinnerung.

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Hertha Paulis Lebenserinnerungen wurden zum 50. Todestag noch einmal aufgelegt. © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com; Wikimedia

Es muss Ende der 1980er-Jahre gewesen sein, als ein eleganter älterer Herr mein Büro in der Kurier-Kulturredaktion betrat und mir zur Begrüßung die Hand küsste. Dr. Karl Frucht war ein Gentleman der alten Schule. Ich erinnere noch an seine schmale Figur, seine sympathische Erscheinung und an einige Dinge, die er mir damals fast flüsternd erzählte, gleichsam anvertraute. Wir hatten einen Interviewtermin vereinbart im Vorfeld einer Gedächtnisausstellung für Hertha Pauli in der Österreichische Nationalbibliothek 1990. Der Name dieser österreichischen Exilschriftstellerin war mir aus meiner Zeit als Lektorin im Zsolnay Verlag vertraut, der 1970 ihre Autobiografie Der Riss der Zeit geht durch mein Herz herausgebracht hatte. Nun ist dieser Band zu Hertha Paulis 50. Todestag dort neu aufgelegt worden.

Schicksalsgenossen. Dass Karl Frucht so etwas wie Paulis Lebensmensch gewesen war, erschloss sich mir im Gespräch recht bald. An sie zu erinnern, ihr in der Geschichte der österreichischen Exilliteratur einen würdigen Platz zu verschaffen, hatte sich der alte Mann zur Mission seiner letzten Lebensjahre gemacht. Nachdem die Österreichische Nationalbibliothek Paulis Nachlass 1987 erworben hatte, ging Frucht daran, die Fülle an Manuskripten, Dokumenten, Korrespondenzen, Fotos etc. zu sichten und zu ordnen. Er war dafür der einzig Richtige. 1933 hatte der studierte Jurist mit der wenige Jahre älteren Autorin und Journalistin die Literaturagentur „Österreichische Korrespondenz“ in Wien gegründet, die vor allem die Schriften damals in Deutschland bereits geächteter Autoren publizieren wollte. Und von da an bis zu Herthas Tod 1973 in Long Island war „Carli“, wie sie ihn nannte, die Konstante ihres abenteuerlichen Lebens, an vielen Schauplätzen, bei wechselnden  Partnern und in lebensgefährlichen Situationen.

Hertha Pauli: Der Riss der Zeit geht durch mein Herz. Erinnerungen. Zsolnay 2023, 256 S., € 25,70

„Lesend kann man nicht anders, als diese Frau lieb zu gewinnen“
(Karl-Markus Gauß)

 

Hertha Pauli war in einer großbürgerlichen, akademisch geprägten Familie im Wiener Cottage aufgewachsen. Ihr jüdischer Großvater war als Redakteur der Neuen Freien Presse ein Kollege Theodor Herzls gewesen, ihr Vater Arzt und Universitätsprofessor. Ihre Mutter, eine Journalistin, Feministin und Pazifistin, beging mit 49 Jahren Selbstmord. Wolfgang Pauli, ihr älterer Bruder, lehrte als Nachfolger Albert Einsteins in Zürich und erhielt 1945 den Nobelpreis für Physik. Von ihrem familiären Hintergrund erfährt man aber in ihrer Autobiografie so gut wie nichts. Nachdem Hertha als junge Schauspielerin nach Deutschland gegangen war, sie spielte bei Max Reinhardt in Berlin, kehrte sie 1933 nach Wien zurück. Ihr Roman aus dieser Zeit, Nur eine Frau. Bertha von Suttner, ihrer toten Mutter gewidmet, wurde bald von den Nationalsozialisten verboten. Die attraktive rothaarige junge Intellektuelle, die sich gern als „Halbchristin“ bezeichnete, war in der literarischen Wiener Kaffeehausszene zu Hause, gemeinsam mit ihren ständigen Begleitern Karl Frucht und dem deutsch-jüdischen Schriftsteller Walter Mehring. Es dürfte wohl eine Ménage-à-trois gewesen sein, jedenfalls blieb es auch eine ganz enge Schicksalsgemeinschaft in den Jahren der Flucht und des Exils.

Emigrantenszene. Eine dramatische Liebesbeziehung verband Hertha in ihrer Wiener Zeit auch mit Ödön von Horváth, dessentwegen sie sogar einen Selbstmordversuch verübte, als er ihr seine Heiratsplänen mit einer ungarischen Sängerin offenbarte. In ihren Erinnerungen nehmen allerdings der schicksalhafte Tod Horváths, der an einem Frühsommertag 1938 auf den Champs Élysées von einem herabfallenden Ast erschlagen wurde, und dessen Begräbnis einen weit größeren Raum ein. Hertha hatte den Freund unmittelbar davor getroffen, Carli musste mit ihr den Toten identifizieren, der keinerlei Papiere, sondern nur einen Brief Herthas bei sich getragen hatte. Als wäre es gestern gewesen, berichtete mir Karl Frucht von diesen Ereignissen und gleichsam brühwarm von der damals bereits längst vergangenen Affäre zwischen Hertha und Horváth. Ob er da auch der Dritte im Bunde gewesen war? Jedenfalls wurde er Paulis Lebensretter, als er die hoch fiebernde Freundin 1940 auf einem Schmugglerpfad über die Pyrenäen nach Lissabon schleppte und dort an Bord eines Schiffes, das sie letztlich nach New York brachte. Carli winkte zum Abschied und blieb zurück, um als Bergführer noch anderen zur Flucht zu verhelfen. Ein amerikanischer Konsulatsbeamte, Varian Fry, hatte die in der „Mausefalle“ von Marseille Gestrandeten, unter ihnen Franz und Alma Werfel, Heinrich und Golo Mann und Herthas Freund Mehring mit Hilfe des amerikanischen Rescue Committee mit US-Visa ausgestattet. Seinem mutigen Einsatz verdankten insgesamt 2.000 Flüchtlinge ihr Leben. „Manche starben unterwegs“, stellt Hertha Pauli im „Ausklang“ ihrer Erinnerungen fest, die sie erst 30 Jahre danach zu Papier bringen konnte.

Hertha Pauli in ihrer Küche. Die private Aufnahme widmete die Autorin Franz Theodor Csokor. © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com; Wikimedia

Von ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Gilbert, einem höchst attraktiven französischen Tischler im kleinen Städtchen Clairac, erzählte sie schon davor in ihrem Dossier d’Amour. Gilbert, der auch Widerstandskämpfer war, hatte l’Autrichienne 1939 sogar heiraten wollen.

„Erlebnisbuch“. Längst haben einige Emigranten aus Österreich und Deutschland über ihre Zeit im französischen Exil geschrieben. Auch Karl Frucht hat seine Version der Geschichte unter dem Titel Verlustanzeige. Ein Überlebensbericht festgehalten, die erst 1992, nach seinem Tod, erschienen ist. Hertha Paulis „Erlebnisbuch“, überschrieben mit dem HeineZitat „Der Riss der Zeit geht durch mein Herz“, fängt diese Jahre der vielfachen Ängste, der Entbehrungen, der Verluste, der täglichen Lebensgefahren, des Chaos, der enttäuschten Hoffnungen, der schmuddeligen Verstecke und des Verrats, aber auch der Freundschaften, Netzwerke und des Widerstands in höchst anschaulichen Rückblicken und Episoden ein. Joseph Roths tragischem Ende ist ein Kapitel gewidmet, aber auch weniger bekannte Protagonisten dieser ganz besonderen Emigrantenszene werden in ihrem sehr persönlichen Zeitdokument der Jahre 1938 bis 1941 wieder lebendig.

„Lesend kann man nicht anders, als diese Frau lieb zu gewinnen“, resümiert Karl-Markus Gauß in seinem Nachwort. Obwohl Pauli bei ihrer Ankunft kaum Englisch konnte, hat sie 23 Bücher auf Englisch publiziert und blieb in Amerika, wo sie mit dem deutschen Übersetzer Ernst Basch, der sich E. B. Ashton nannte, verheiratet war. Erst nach ihrem Tod 1973 ist sie nach Wien zurückgekehrt, auf den Döblinger Friedhof ins Grab ihrer Mutter. Dass dort neben der Asche ihres Ehemanns viel später als Dritter auch ihr umtriebiger Lebensmensch „Carli“ zur letzten Ruhe kam, erscheint, wenn man ihn kennenlernen durfte, fast selbstverständlich

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