Vom Überleben zur Globalisierung

Der Aufstieg der israelischen Wirtschaft von einem Drittweltland zu einer modernen Hightechökonomie erfolgte nicht geradlinig, sondern wurde von mehreren dramatischen Krisen unterbrochen.

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Intel Fabrik in Kiryat Gat.

Die Stunde Null des Staates im Jahr 1948 war natürlich nicht die Stunde Null der lokalen Wirtschaft. Denn ähnlich wie beim Übergang der im Untergrund agierenden militärischen Formationen von Hagana und Irgun, die in ein offizielles Militär übergeführt wurden, hatten die Juden in Palästina längst ökonomische Strukturen geschaffen, die vom alten ottomanisch-arabischen Lebensstil abgewichen waren.

Es begann noch vor dem Ersten Weltkrieg mit einer Mischung aus Sozialismus und Pioniergeist. Im Jahr 1910 gründeten im Süden des Sees Genezareth unweit des arabischen Dorfs Umm Juni zehn Männer und acht Frauen aus Osteuropa eine kleine landwirtschaftliche Gemeinde, den ersten Kibbuz, Degania Alef. Über der harten, durch Krankheiten noch verschärften Plackerei stand ein idealistischer Gedanke: Alles sollte allen gemeinsam gehören, jeder dasselbe bekommen, welche Arbeit er oder sie auch verrichtete. Wirtschaftliche Entscheidungen würden stets in einer Versammlung aller Mitglieder fallen, nach ausführlichen Diskussionen.

Über die nächsten Jahrzehnte vermehrten sich die Kibbuzim – und auch die etwas anders strukturierten Moshavim – recht schnell. Sie hatten ja auch neben der Urbarmachung des Landes und ihrem Beitrag zur Versorgung mit Lebensmitteln einen Sicherheitsaspekt, eigentlich waren sie Wehrdörfer. Diese Siedlungsform wurde ein Erfolg. 1948 lebten beinahe acht Prozent der Bevölkerung in den landwirtschaftlichen demokratischen Gemeinschaften.

Wachstum und Exporte. Landwirtschaftliche Erzeugnisse, industriell gefertigte Güter, Textilien oder Chemikalien. Bild: Textilfabrik Ata

Doch das Palästina vor der Staatsgründung hing nicht ausschließlich von der Landwirtschaft ab, es war bereits – wenn auch einigermaßen primitiv – industrialisiert. Die britischen Behörden bremsten den Ankauf von arabischem Land durch jüdische Organisationen mit bürokratischen Mitteln. Als Folge mussten sich Einwanderer andere Betätigungsfelder suchen, von den Städten ausgehend. Und manche hatten Geld zum Investieren mitgebracht.

In den 20er- und 30er-Jahren kam es zu einer Reihe industrieller Gründungen durch europäische Juden, von der Palestine Electric Company, dem Vorläufer der IEC, bis zur Palestine Potash Ltd., den späteren Dead Sea Works. Andere Unternehmen, die in diesen Jahren entstanden, waren etwa die Shemen Oil Company, die Societé des Grand Moulins, die Palestine Silicate Company und die Palestine Salt Company. Einen ersten Branchencluster gab es im Bereich Textil, 1937 zählte man bereits 86 Spinnereien und Webereien mit insgesamt rund 1.500 Beschäftigten. Ata in Kiryat Ata wurde zu so etwas wie einem Leitbetrieb. Immerhin ein Viertel des Regionalprodukts wurde in den Fabriken erwirtschaftet, so Professor Nadav Halevi von der Hebrew University. Ein Großteil dieser – eher kleineren – Fabriken arbeitete dann während des Zweiten Weltkriegs als Lieferanten für die britische Armee, das ermöglichte ihnen kurzzeitig erhebliches Wachstum.

Die Kibbuzim hatten neben der Urbarmachung des Landes und ihrem Beitrag zu Versorgung mit Lebensmitteln auch einen Sicherheitsaspekt als Wehrdörfer.

1948 bescherte dem jungen Staat gleich vom Start weg eine tiefe Wirtschaftskrise. Auf den Unabhängigkeitskrieg folgte eine Einwanderungswelle, die sich mit den knappen Mitteln nur schwer organisieren ließ. Doch mit viel Improvisationstalent machten sich die Planer rund um David Ben-Gurion an die Arbeit, und ihr wirtschaftspolitisches Modell ähnelte all jenen, mit deren Hilfe eine einfache Drittweltökonomie rasch modernisiert werden kann: Investitionen in die Infrastruktur bekamen oberste Priorität; der private Konsum sollte aufs notwendigste Minimum beschränkt bleiben; importiert wurden vor allem Maschinen, keine Luxusartikel; es herrschten Einfuhrbeschränkungen und eine strikte Devisenbewirtschaftung.

Quer durch das Land wurde betoniert und gehämmert. Es war ein Modernisierungsschub ungeahnten Ausmaßes, vom Straßenbau bis zu umfassenden Bewässerungssystemen, von Hafenerweiterungen bis zu neuen Kraftwerken, der Errichtung von Schulen, Wohnbauten, Fabrikshallen und Ställen. Dass diese umfangreichen Investitionen das Land nicht rasch in den Staatsruin trieben, wie das anderen Ländern in ähnlichen Situationen widerfahren war, hatte gute Gründe: Israel konnte sich in dieser Zeit auf mehrere solide Finanzierungsbeine verlassen.

Erst einmal flossen über mehr als zehn Jahre erhebliche Mittel aus Deutschland an den Staat Israel – als „Reparationen“ für die Beraubung und Ermordung europäischer Juden. Das machte drei Milliarden DM aus – es gibt Berechnungen, dass das nach heutigem Devisenkurs etwa 111 Mrd. Dollar entspreche. Dazu kamen Spenden wohlhabender amerikanischer Juden. Und schließlich ermöglichte die Einrichtung der Israel Bonds Menschen in der Diaspora, die weniger reich waren, ihren Beitrag in Form kleinerer Beträge zu leisten. Auch diese summierten sich. Zusätzlich nahm die israelische Regierung Kredite auf, die Verschuldung stieg, aber zunächst nicht dramatisch.

Regulierte Wirtschaft. Parallel zum Wachstum durch Investitionen begannen auch die Exporte zu laufen. Es waren erst die bekannten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, vor allem Zitrusfrüchte, aber ebenso einfachere industriell gefertigte Güter, Textilien oder Chemikalien. Und auch die Diamantenschleiferei brachte bereits dringend benötigte Devisen. Die Wirtschaft blieb aber weiterhin streng reguliert.

Kibbuz Degania Alef

Unter dem Dach des mächtigen Gewerkschaftsbundes Histadrut, der ebenfalls auf die Mandatszeit zurückging, bildete sich eine Art halbstaatlicher sozialistischer Konzern mit einem Anteil von 20 bis 25 Prozent an der israelischen Wirtschaft. In seiner Blütezeit zählte er 100 produzierende Unternehmen, 100 weitere im Handel und 50 im Finanzsektor. Wie schlecht ein Teil von diesen gemanagt war und wie hoch sie sich – mit Hilfe staatlicher Garantien – verschuldet hatten, sollte sich erst später herausstellen.

Von 1950 bis 1965 erzielte die israelische Wirtschaft durchschnittliche Wachstumsraten von elf Prozent pro Jahr. Eine erste Wirtschaftskrise braute sich Mitte der 60er-Jahre zusammen, die teilweise Integration der 1967 eroberten Gebiete entspannte die Lage wieder. Dennoch sollten die Beiträge der arabischen Arbeiter und Unternehmen aus den besetzten Gebieten – bis zu den heutigen Siedlungen – nicht überschätzt werden, ihre Auswirkungen auf das israelische BIP lagen stets bloß im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Pottaschenanlage der Dead Sea Works Ltd.

Die große Erschütterung würde noch kommen. In den 70er-Jahren, nach dem Jom-Kippur-Krieg und der folgenden globalen Öl- und Wirtschaftskrise steuerte auch Israel in massive Schwierigkeiten. Eine teilweise Liberalisierung der Devisen und eine lockere Schuldenpolitik der Regierung hatten gleichzeitig zu zwei enormen Problemen geführt: Die Inflation stieg rapide an – in die Gegend jenseits der 400 Prozent. Und der Staat kratzte an der Grenze des Bankrotts.

Die verantwortlichen Politiker erkannten die Gefahr und reagierten mit einer großen Koalition aus Arbeiterpartei und Likud unter der Führung von Schimon Peres und nach Rotation von Jitzchak Schamir. Diese Regierung zog innerhalb von Monaten ein drastisches Sparprogramm durch, Gewerkschaften und Arbeitgeber verständigten sich auf Lohn- und Preisstopps. Es gelang, die Inflation schrittweise zu senken, den Staat zu sanieren. Aber die Kosten waren hoch: Die Arbeitslosigkeit war nach oben geschossen, es gab deutlich weniger Geld für Sozialleistungen.

Das sozialistische Wirtschaftsmodell löste sich ebenso schrittweise auf. Das Firmenimperium des Gewerkschaftsbundes Histadrut mit seinen Schwergewichten Koor (Industrie, unter anderem Rüstung), Solel Boneh (Bau), Tnuva (Lebensmittel) oder der Bank Hapoalim zerbrach – Beteiligungsunternehmen wurden entweder privatisiert oder gleich ganz geschlossen. Die Verschuldung war auf 1,4 Mrd. US-Dollar angewachsen, von den einst 30.000 Beschäftigten der Gruppe verloren 40 Prozent ihren Job. Und die Gewerkschaft verlor auch massenhaft Mitglieder, nicht zuletzt durch die Überführung der Krankenversicherung Clalit aus ihrem Bereich in die staatlichen Hände. Mit über 20 Prozent organisierten Frauen und Männern steht die Gewerkschaft im internationalen Vergleich zwar weiterhin nicht so schlecht da, aber gegenüber den 60 Prozent im Jahr 1989 war es ein massiver Machtverlust.

Mirage/Kfir-Flugzeuge

Auch die internationale Arbeitsteilung veränderte die israelische Wirtschaft. Textilien wurden längst anderswo billiger hergestellt, und die israelischen Unternehmen lagerten ihre Fabriken in die umliegenden arabischen Länder oder gleich nach Asien aus. Dafür gewann der Rüstungssektor an Bedeutung. Dieser war ursprünglich nicht gezielt gefördert worden, doch ein überraschender französischer Boykott bei Flugzeugteilen hatte 1967 gezeigt, wie wichtig eine eigene starke Produktion von Militärgütern sein würde. Wegen der Enge des israelischen Marktes waren Exporte schnell logisch. Ähnliche Erfolge zeigten sich bei Entwicklung und Verkauf von Agrartechnologie, vor allem Bewässerungstechnik. Aus kleinen Kibbuzfabriken heraus entstanden Weltmarktführer.

Krise und Sanierung. Mitte der 90er-Jahre wiederholte sich beinahe die Krise im Staatshaushalt von 20 Jahren davor. Und wieder folgte ein drastisches Sanierungsprogramm, diesmal unter dem jungen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Die israelische Wirtschaft hatte nun schon mehr Ähnlichkeit mit liberal-kapitalistischen Systemen à la USA denn mit dem früheren gemischt-sozialistischen Modell. Aber auch die konservativ dominierten Regierungen gingen nicht den ganzen Weg Richtung Neoliberalismus. Die Ökonomin Ruth Klinov betont die Bedeutung der Unabhängigkeit der Nationalbank Bank of Israel. Deswegen blieb etwa die Bankenregulierung im internationalen Vergleich recht streng und bewahrte Israel auch vor den ärgsten Auswirkungen der Krise 2008.

Da Israel kaum über nennenswerte Rohstoffe verfügte, setzte die Wirtschaftspolitik auf Intelligenz und Innovation. Entscheidend waren dabei hochqualifizierte Olim – Zuwanderer.

Richtungsweisend für die künftigen Erfolge des Wirtschaftsmodells Israel war aber vor allem die Hinwendung zur Hightech- und Start-up-Ökonomie. Da Israel – vor dem erst später beginnenden Gasboom – kaum über nennenswerte Rohstoffe verfügte, setzte die Wirtschaftspolitik vorrangig auf Intelligenz und Innovation. Hier half eine neue Einwandererwelle, vor allem aus der zerfallenden Sowjetunion. Entscheidend wurde dabei die rasche Einbindung der hoch qualifizierten Zuwanderer oder Rückwanderer. So fanden etwa viele russische Mathematiker oder Physiker in der israelischen Wirtschaft Jobs, noch ehe sie überhaupt korrekt Hebräisch sprachen. Einen entscheidenden Beitrag lieferten aber auch stets Israelis, die es im Ausland, vor allem in den USA, zu etwas gebracht hatten und die dann dafür sorgten, dass globale Konzerne wichtige Schlüsseltechnologien in Israel ansiedelten oder dort Software entwickeln ließen: neben Intel etwa Cisco, IBM, Microsoft oder Siemens.

Hightech. Intel investiert 5,8 Mrd. US-Dollar in sein Werk in Kiryat Gat. Die Drohne Super Heron HF (Bild) der Israel Aerospace Industries.

Diese Entwicklung kam aber nicht von selbst. Der Staat spielte dabei eine wichtige Rolle, und das rasante Wachstum des Hightechsektors wurde durch ein staatliches Förderprogramm noch einmal kräftig angekurbelt. Der Unternehmer und Investor Yehoshua Gleitman war in den 90er-Jahren fünf Jahre lang als „Chief Scientist“ der Regierung für diese Technologieförderung verantwortlich. Er erinnert sich: „Wir haben uns damals international umgesehen, und grob unterteilt gibt es zwei Modelle, jenes aus Deutschland und jenes von Silicon Valley. Wir haben uns für das zweitere entschieden.“ Am Höhepunkt des Förderprogramms – für Produkte, nicht für Unternehmen – gab es jährlich 1.500 bis 2.000 unterstützte Projekte.

Die Kombination von intelligenten, risikobereiten Köpfen und staatlichen sowie universitären Unterstützungsprogrammen zahlte sich aus. Die israelische Wirtschaft bildete einen international wettbewerbsfähigen Wachstumskern heraus, der mit den modernsten Regionen der Welt, etwa dem Silicon Valley, auf Augenhöhe arbeitet. Schwerpunkte sind dabei IT, Cyber Security, Medizintechnik, Robotik, Automatisierung und künstliche Intelligenz. Neue Custer haben sich gebildet, so finden sich etwa neben der Rüstungsindustrie mehr als 500 Unternehmen, die in einem Land ohne eigene Automobilfabriken an technischen Lösungen in Richtung autonomes Fahren arbeiten.

Dennoch ist auch ein Land mit einem derart starken Hightechsektor nicht frei von Problemen. Die Ungleichheit im Land ist groß, es gibt Armut und Jugendliche mit mangelhafter Ausbildung. Die schwierige Sicherheitslage lässt viele kluge junge Israelis lieber in Kalifornien oder Berlin arbeiten und ihre Kinder aufziehen. Und auch eine Konzentration von Unternehmen in den Händen einiger weniger Familiengruppen kritisieren nicht mehr nur linke Aktivisten, sondern auch namhafte Ökonomen. Dennoch hätte wohl keiner der Kibbuzbauern oder Unternehmensgründer im Palästina des britischen Mandats nur eine entfernte Ahnung entwickeln können von dem gewaltigen Aufstieg einer kleinen rückstündigen Wirtschaftsregion zwischen Meer, Bergen und Wüste.

© Government Press Office/Zoltan Kluger; picryl.com/Library of Congress

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