Von Familie, Öl und Europa

Die Kahans aus Baku: Verena Dohrn erzählt eine ausgreifende Familiengeschichte – und damit die jüdische Historie Europas.

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Verena Dohrn: Die Kahans aus Baku. Eine Familienbiographie. Wallstein Verlag 2018, 520 S., € 30,80

Es klingt wie eine globalisierte Kette von Ortsnamen. Orlja an der Orljanka. Baku. Brest-Litowsk. Berlin und Wilna und Warschau. Charkow, Bonn, Frankfurt am Main und Antwerpen. Bad Harzburg, Petrograd, Moskau, Kiew und Ekaterinoslav. London, Hamburg, Kopenhagen, Riga, Amsterdam, Paris und Lissabon. Am Ende Tel Aviv und New York. Eine Familiengeschichte. Eine Flucht-, Aufstiegs-, Vertreibungs- und Rettungsgeschichte. Eine Geschichte von Aufstieg und Öl und Überleben.
Die Geschichte der Kahans aus Baku ist eine Familiengeschichte über 150 Jahre hinweg. Dabei nahm alles seinen Ausgang im Schtetl Orla zwischen den Flüssen Bug und Memel, heute rund eine Autofahrtstunde südlich von Bialystok gelegen. Seine Geburtsstadt, erinnerte sich einst Chaim Weizmann aus Motal, gelegen im selben Gouvernement Grodno, „lag und liegt vielleicht immer noch an den Ufern eines kleinen Flusses in einem großen Sumpfgebiet, das weite Teile der Provinz […] und der umliegenden Provinzen in Weißrussland einnahm; ein flaches, offenes Land, schwermütig und monoton, doch mit seinen Flüssen, Wäldern und Seen nicht gänzlich ohne Charme.“ Jeden Frühling und jeden Herbst habe sich die Gegend in ein schlammiges Meer verwandelt, im Winter sei alles von Schnee und Eis überzogen gewesen, sommers seien Dunstschleier über dem Landstrich gelegen.
Die gleichen Worte hätte Chaim Kahan verwenden können, um 1850 herum in Orlja zur Welt gekommen und gleich nach der Bar Mitzwa, um so dem Militärdienst zu entgehen, 1864 mit Malka Basch aus Brest verheiratet. Sie war nicht nur drei Jahre älter als Kahan, sie war auch größer. Das blutjunge Paar zog nach Brest zu den Schwiegereltern, Chaim lernte im Lehrhaus und der Jeschiwa. Mit 16 fing er an, den Lebensunterhalt zu verdienen. 30 Jahre später, 1898, stand auf dem Briefpapier, mit dem Chaims in Warschau lebender Enkeltochter Miriam zur Geburt einer Tochter gratuliert wurde, der Briefkopf „Kaspische Schwarzmeer Ölindustrie- und Handelsgesellschaft, Vertretung Brest“. Fast wichtiger noch war Baku, seit dem späten 19. Jahrhundert eine emsige, multikulturelle, ökonomisch aufblühende Stadt.

In den 1980er-Jahren gab es 110 Nachkommen der Familie. Eli Rosenberg war es, der in den späten Neunzigerjahren vor der Küste Israels auf Gasfelder stieß.

Chaim Kahan hätte sich zwar für eine Gelehrtenlaufbahn entscheiden können, entschied sich aber für den Einstieg in den Handel. Erst mit Salzheringen, damals Grundnahrungsmittel, die er und Malka in Fässern aus Holland importierten und en gros weiterverkauften. Bald sattelte er auf ein Produkt um, das neu war und einen Boom erlebte – Petroleum, Lichtöl. Er war ein geschickter, fleißiger Selfmademan, sehr häufig unterwegs, in vielen Städten im Lauf seines Lebens ansässig, zwischen Brest und Charkow bis nach Antwerpen und Berlin. Es war ein Aufstieg, eine durchaus exemplarische Geschichte aus Mittelost- und Zentraleuropa zwischen 1860 und 1914. Der Erste Weltkrieg fügte dem, vorläufig, einen Rückschlag bei. Da lebte die Familie Kahan schon seit einem Jahr in Berlin-Charlottenburg in der noblen Schlüterstraße in einer Zehn-Zimmer-Wohnung mit dunklen Holzvertäfelungen und dekorativen Stuckaturen an den Decken. Mit Kriegsausbruch galten die Kahans mit ihren russischen Pässen als „feindliche Ausländer“. Eine Klassifizierung, die ihnen im nächsten Vierteljahrhundert immer wieder widerfahren sollte. Das Familienunternehmen, in dem nun auch angeheiratete Verwandte tätig waren und das sich über Europa erstreckte, überlebte auch dies.
Die promovierte Slawistin und Historikerin Verena Dohrn, die ein instruktives Buch über Galizien veröffentlichte, ein weiteres, gleichermaßen lesenswertes über das Baltikum, die am Simon-Dubnow-Institut in Leipzig mitarbeitete und lange an Universitäten in Berlin, Göttingen und Hannover – hier forschte sie von 2012 bis 2015 über die Familie Kahan, Nukleus des nun vorliegenden Buches –, legt ein ausgreifendes, archivalisch beeindruckend recherchiertes, gut lesbares Buch vor. Viel Zeit nimmt sie, die auch mit lebenden Nachfahren sprach, sich für teils etwas überdetailliert ausgepinselte Schilderungen. Zugleich ist dies eine instruktive, aufschlussreiche Geschichte der Industrialisierung Europas und des internationalen Handels. Wer würde die Verflechtung von Öl und Petroleum zu Banken, Infrastruktur und den Spuren jüdischen Lebens von der Südgrenze des Russischen Reiches bis nach West- und Nordeuropa und Israel so komplex erwarten!?
In den 1930er-Jahren erfolgten gleich drei Vertreibungen und die Flucht aus Europa. In den 1980er-Jahren gab es 110 Nachkommen der Familie. 13 lebten in New York, die übrigen in Israel. Alle im Ölgeschäft tätig. Eli Rosenberg, ein promovierter Geologe, war ein Jahrzehnt später dann der Letzte der Familie, der sich noch im Energieversorgersektor tummelte. Er war es, der in den späten Neunzigerjahren vor der Küste Israels auf Gasfelder stieß. Das erste nannte er „Noa“, nach seiner Tochter. Nach mehreren Jahren Vorbereitung der Exploration gelangt seit dem 25. Dezember 2004 Gas nach Israel „und erleuchtet seitdem Israel“ (Verena Dohrn).

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