Von Oheim Herschel, Onkel Béla, Onkel Poldl und anderen Untoten

Elfriede Jelineks Lebens- und Finanzbilanz Angabe der Person gräbt tief in die jüdische Familiengeschichte.

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© SCHROEWIG / dpa / picturedesk.com

Einblicke auf Leben, Laufbahn, Erfolge und Verletzungen der Literaturnobelpreisträgerin gewähren zurzeit gleich drei verschiedene Medien.

Claudia Müllers dokumentarisches Filmporträt Die Sprache von der Leine lassen blendet zurück bis auf das von der dominanten Mutter gequälte Kind, lässt die künstlerischen, charakterlichen und ideologischen Entwicklungsphasen der 76-Jährigen Revue passieren und sie dabei selbst oft zu Wort kommen. Der frühe Tod des jüdischstämmigen Vaters in der Psychiatrie ist dabei als eine bis heute offene Wunde zu erfahren.

Das Trauma einer schikanösen Finanzprüfung auf Grund des Doppelsteuerabkommens zwischen Österreich und Deutschland, wo sie ihren Zweitwohnsitz hat, verquickt Jelinek in unnachahmlich furioser Manier in ihrem autobiografischen Band Angabe der Person nun gerade mit den bis dato unverarbeiteten Traumata aus der Verfolgungsgeschichte ihrer väterlichen Verwandten im Holocaust. Der Theatermann Jossi Wieler, mit dem sie seit Jahrzehnten zusammenarbeitet, hat die Textfläche höchst erfolgreich am Deutschen Theater in Berlin für die Bühne adaptiert.

Elfriede Jelinek: Angabe der Person. Rowohlt 2022, 192 S., € 27,40

Familie habe sie ja nicht, heißt es eingangs. „Ausnahme: ein Stück Mann“, welcher sie eben „in die falsche Stadt“ geführt habe. Also nach München, wo Steuerfahnder wie auch in ihrem Hütteldorfer Haus in ihren Papieren gewühlt, Kartons und Festplatten mitgenommen und das Unterste zuoberst gekehrt hatten. Tragischerweise ist vor Erscheinen des Bandes ihr Mann Gottfried Hüngsberg, mit dem sie seit 1974 verheiratet war, im September verstorben. Mit den Worten „Ich bin am Boden“ gab Elfriede Jelinek seinen Tod bekannt. Als Informatiker betreute er überaus professionell ihre Website, auf der sie schon seit vielen Jahren mehr publizierte als in gedruckter Form. Sie selbst könne ja nicht einmal die „elektronischen Überweisungen tätigen“, gesteht sie im Buch.

Totenbuch. Gleich auf der zweiten Textseite klärt die von rüden Finanzbeamten Heimgesuchte die Begriffe und damit die unvergleichlichen Schicksale. „Ich beklage mich ständig, aber nein, verfolgt wurde ich nicht. Verfolgt wurden andre. […] Mein Opa war ein Jammerer, unaufhörliches Geseire, hierhin wollte er nicht, dorthin wollte er nicht, in ein sicheres Drittland wollte er nicht, es hat sich ihm auch keins angeboten, ins KZ wollte er nicht, er war halt wählerisch, nirgendwohin wollte er, nur bleiben wo er war.“

Der nie gekannte Opa, vor dem sogar ihre furchtlose Mutter gezittert haben soll, bekommt wie die anderen ungekannten Verwandten seine Zeilen und Seiten, gleichsam um zu erinnern. „Mich können Sie vergessen, meinen Onkel Adalbert, Béla genannt, nicht. Das erlaube ich nicht. Den merken Sie sich jetzt ungefähr zwanzig Sekunden lang, und dann können Sie ihn vergessen.“

„Verfolgt wurde ich nicht. Verfolgt wurden andre.“
Elfriede Jelinek

 

 Dieser Onkel, ein bekannter Journalist in Wien und Freund Theodor Herzls, ist mit dem „Prominententransport“ nach Dachau gekommen, einer der wenigen Verwandten zum „Angeben“, wie „Ur-Oheim Herschel Jellinek“, der wegen seiner Schriften anlässlich der Revolution 1848 in Wien hingerichtet wurde.

Weniger prominent habe „Onkel Poldl“, Leopold Jelinek, schlicht versucht, andere Familienmitglieder zu beschützen, was ihm nicht gelungen sei. Und so ist dieser Text nicht zuletzt auch ein Totenbuch, das Buch einer Nachgeborenen, der zugleich Jüngsten, Ältesten und Letzten ihrer Familie. Aber natürlich ist es das nicht nur. Vom Hundertsten ins Tausendste kommend, vom Trivialsten zum Grundsätzlichsten, vom Banalsten zum Philosophischen mäandern Jelineks Sprachkaskaden von der unrühmlichen Geschichte zur auch nicht rühmlichen Gegenwart.

 

Jelinek führt die scheinbar disparaten Themen Geld
und Holocaust immer wieder virtuos zusammen.

 

Das Kapital. Ausgehend von der eigenen leidvollen Finanzerfahrung fährt sie in ihrer kapitalismuskritischen Hochschaubahn Steueroasen und Sümpfe, „Kickbacks“, Off-Shore-Firmen, Wirecard & Co. wild auf und ab. Als Protagonisten treten unter vielen anderen ehemalige Finanzminister „im Nadelstreif-Strampelanzug“, Tennis- und Fußballprofis namenlos vor den Vorhang. Die „Seuche“ und die „Flüchtlingskrise“ werden abgescannt. „Hätten wir gewußt, daß immer neue Menschen herbeiströmen, hätten wir die alten doch nie vertrieben oder umgebracht, oder?“ Ja, da ist es wieder, das Thema, das Jelinek mehr als alles andere unter den Nägeln brennt, zur Sprache drängt. Die nicht vergangene Vergangenheit. Beispielhaft abgehandelt an Baldur von Schirach, dem ehemaligen „Gauleiter von Wien“, dessen Ehefrau Henny, die „Oma Schirach“, nach dem Krieg das Familienanwesen in Bayern wohlfeil zurückerlangte und es mit Gewinn wieder losschlug, während NS-Opfer und deren Nachfahren in Restitutionsfällen oft leer ausgingen. So führt Elfriede Jelinek die scheinbar disparaten Themen Geld und Holocaust immer wieder virtuos zusammen, verschlingt sie unentflechtbar.

Aber es wäre nicht die Jelinek, würde sie in ihrem wütenden fast 200-Seiten-Monolog nicht auch sich selbst verschlingen, sich verschonen. „Ich verdiene wirklich alles, was mir passiert. Und mehr. Immer mehr.“ Selbstanklagend analysiert sie ihre Schwächen, selbstironisch ätzend bespiegelt sie sich und ihre Sprache, die ihr zuweilen entgleitet, sich verselbstständigt, in Kalauern abrutscht. „Aua, Kalau! Schon wieder.“ Andere Sätze, und das sind viele, könnte man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen. „Wir gehen jetzt alle einmal weg aus Deutschland, damit andre reinkönnen, kommen Sie mit?, weshalb?, weil wir nicht müssen!“ Also.

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