Was Essen wirklich kostet

Yael Loutati, Gastronomin und vierfache Mutter, startete mit einem Experiment ins Jahr 2023: Nachdem sie seit einigen Monaten den Eindruck hatte, sie muss immer sparsamer einkaufen, um ihrer Familie dennoch täglich ausreichend Essen auf den Tisch stellen zu können, machte sie im Jänner die Probe aufs Exempel. Penibel dokumentierte sie die Ausgaben für Einkäufe, wog jede Zutat vor dem Kochen ab, tat alles, um keine Lebensmittel wegwerfen zu müssen. Auf Social Media ließ sie andere an ihrem Experiment teilhaben.

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Einkaufen als Sport. Wer heute leistbar einkaufen muss, ist lange unterwegs. ©Daniel Shaked

Wie viel sie wohl in einem Monat für Lebensmittel für sich, ihren Mann und die gemeinsamen Kinder zwischen fast zwei und zehn Jahren ausgeben würde, fragte Loutati Anfang Jänner. Und wie viel andere meinen, dass sie fürs (koschere) Essen ausgeben würde. Einige der Antworten erschienen ihr zu tief gegriffen: 500 Euro für eine mehrköpfige Familie etwa. Oder auch 800 Euro. Sie sollte am Ende Recht behalten: 959,82 Euro gab sie schließlich im Jänner für alle Mahlzeiten in dem Sechs-Personen-Haushalt aus – und das bei konsequent sparsamem Einkaufsverhalten und dem selbst Zubereiten von nahezu allem. Nicht einmal Brot kauft Yael Loutati inzwischen fertig, zu Schabbes bäckt sie selbst Challot, und unter der Woche gibt es Gebäck aus ihrem Brotbackautomaten.

Jeden Tag postete Loutati im Jänner das Familienmenü (das SchabbatMenü wurde im Voraus berechnet oder nachgereicht): Von Pasta Bolognese über Shakshouka, Grießbrei oder Langos mit Marmelade bis zu Schnitzel mit Kartoffelpüree und Salat sowie Hühnerfaschiertem mit Tomaten und Reis reichte dabei die kulinarische Vielfalt. Am Schabbes gab es Speisen wie Tshulent und Kigel, Rindsschulter mit Kürbisauflauf und Reis oder Bachsch, dazu jeweils jede Menge Salate und Fisch als Vorspeise sowie danach Desserts wie Kiwimousse oder Schokoladekuchen. Ein Mal wurden zu Schabbat auch Gäste verköstigt.

„Ich habe dieses Experiment auch gestartet,
um vielleicht noch da oder dort ein Sparpotenzial zu
erkennen.
Und habe gesehen: Da gibt es keine Möglichkeit mehr einzusparen.“

Yael Loutati

 

All diese Menüs schlugen mit 563,57 Euro zu Buche – Lebensmittel wie die Milchnahrung für ihren Jüngsten, Frühstücks-Cerealien oder Jausen für die Kinder trug sie in einer „Nebenliste“ ein, diese summierte sich schließlich auf 396,25 Euro. Nicht mit einrechnen konnte Loutati die Kosten für jene Mahlzeiten, die die drei älteren Kinder in der Schule zu sich nehmen.

Was die Gastronomin und Mutter am Ende frustrierte? „Ich habe dieses Experiment auch gestartet, um vielleicht noch da oder dort ein Sparpotenzial zu erkennen. Und habe gesehen: Da gibt es keine Möglichkeit mehr einzusparen.“ Für jene, die den Berichten ihres Selbstversuches folgten, führte sie allerdings vor, wie sehr gutes Haushalten die Kosten drücken kann. Einerseits schaut Loutati immer, wo welche Grundnahrungsmittel von Mehl bis Gemüse am günstigsten sind, andererseits kauft sie Großpackungen wie etwa fünf Kilo Kartoffel.

Andererseits kocht sie alles selbst und achtet auch darauf, nichts wegzuwerfen. Altes Brot wird dann in Brösel oder Croutons für Salate oder Suppen weiterverarbeitet („Suppenmandeln sind ziemlich teuer, das ist eine preiswerte Alternative“), übrig gebliebenes Kartoffelpüree kann zu Kartoffelpuffern weiterverarbeitet werden, Gemüse und Obst wird, bevor es schlecht wird, eingekocht, und Haltbarkeitsdaten sind für sie nicht sakrosankt. „Das heißt ja nicht, kaputt ab … – ich verlasse mich da auf meine Sinne. Ich rieche, ich schmecke. Und meistens sind die Dinge noch gut. Hummus zum Beispiel hält sich sehr lange, auch wenn es laut auf der Packung aufgedrucktem Datum schon abgelaufen ist.“

Kochen für die ganze Familie: Das ist heute nicht mehr so wie früher möglich, will man sich nicht in Schulden stürzen. ©Daniel Shaked

Ist das alles noch zumutbar? Worin sie ihr Experiment auch bestätigte: Die Inflation wirkt sich im Alltag stärker aus, als die offizielle Inflationsrate es vermuten lassen würde. „Ich habe früher zu Schabbes als Nachspeise zum Beispiel manchmal zwei Liter Eis von Veganista gekauft oder auch Challot in der Bäckerei. Das geht sich jetzt nicht mehr aus.“ Denn Lebensmittel seienteils drastisch teurer geworden. Für Kartoffeln habe sie etwa im Jänner um 18,5 Prozent mehr bezahlt als noch im Dezember des Vorjahres. Zehn Eier hätten unter zwei Euro gekostet, nun liege der Preis bei 2,70 Euro. Bio einzukaufen sei sowieso nicht möglich.

Was Loutati auch zu denken gibt: Sie steht – neben ihrem Vollzeitjob – viele Stunden in der Woche in der Küche, um eben alles selbst zu kochen. „Ich frage mich schon, ob das eigentlich zumutbar ist.“

Und es sei auch zeitaufwändig herauszufinden, in welchem Supermarkt gerade Nudeln im Angebot seien oder wo man Mehl am günstigsten bekomme. Gemüse und Obst kauft sie vorwiegend saisonal und kocht dann eben ein – auch das koste Zeit. Und noch etwas beschäftigt die Mutter: Ihre Familie verfüge über eine gutes Nettoeinkommen. Sie fragt sich, wie andere überhaupt nur ansatzweise mit dem Geld auskommen könnten. „Wir sind sicher kein Fall für die Sozialkommission. Aber wenn ich mir unsere Ausgaben für Wohnen und Essen anschaue, sind wir es bald. Ich kaufe schon die billigsten Produkte und komme fast nicht mehr aus.“ Butter sei ihr zum Beispiel mit fast fünf Euro pro Packung inzwischen zu teuer. Auch für milchige Speisen verwendet sie daher Margarine.

Wichtig fände sie es daher, bei der Zuerkennung von Zuschüssen und anderen sozialen Unterstützungsleistungen das aktuelle Preisniveau wirklich zu berücksichtigen. Beispiel Familienbeihilfe: Der Betrag, den sie nun trotz Inflationsanpassung für ihre Kinder bekomme, decke nicht einmal das selbst gekochte Essen für diese.

facebook.com/yael.loutati

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