WAS VILLEN ERZÄHLEN

Vor wenigen Wochen wurde die aktuelle Schau im Kaiserhaus Baden, Sehnsucht nach Baden. Jüdische Häuser erzählen Geschichte(n), eröffnet. Die von Marie-Theres Arnbom kuratierte Ausstellung liefert dokumenten- und facettenreich vielfach bislang unbekannte Einblicke in die zum Teil bis heute noch bestehenden, zum Teil auch zerstörten und aus dem Stadtbild verschwundenen Villen der einst jüdischen Bewohner:innen. WINA hat die Ausstellung besucht und im Vorfeld mit der Kuratorin gesprochen.

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Villa Epstein. 1867 von Gustav Epstein in Auftrag gegeben und vom damals 25-jährigen Otto Wagner geplant, erzählt Kuratorin Marie-Theres Arnbom. © Cedrick Kollerics;

Kuratorin Marie-Theres Arnbom, seit diesem Jahr neue wissenschaftliche Direktorin des Wiener Theatermuseums, arbeitet aktuell auch an einem Begleitband ihrer erfolgreichen Reihe Häuser mit Geschichte(n), in dem sie eine weit größere Zahl an Badener Villen und Lebensgeschichten vorstellen wird. Für die vor wenigen Wochen eröffnete Ausstellung hat sich die renommierte Theater- und Musikhistorikerin auf zehn Villen konzentriert, jene der Familien Epstein (Rainerweg 1), Heller (Marchetgasse 76), Benbassat (Christalniggasse 7), Jellinek-Mercedes (Wienerstraße 41-45), Gallia (Weilburgstraße 20), Gutmann (Helenenstraße 72), Klinger (Schlossgasse 31), Hahn (Weilburgstraße 81-85) sowie der befreundeten Familien Bienenfeld (Radetzkystraße 4) und Rothberger (Radetzkystraße 10).

Viele der Villen sind bis heute erhalten, manche auch gänzlich zerstört worden. Sie erzählen von ihren Besitzer:innen und Erbauer:innen, von Aufstieg und Verfolgung, von gewachsenen Imperien, die weit über die niederösterreichische Kaiserstadt hinausführten, Emigration und das oft dramatische Ende schillernder Dynastien. „Mir ist immer wichtig zu erzählen, was die Menschen geleistet haben, was sie auch beigetragen haben für eine Stadt, für die Gesellschaft“, betont Arnbom dabei ihren Ansatz, immer wieder auch anekdotenreich über ihre Forschungen zu erzählen, auch wenn sie hinzufügt: „Das schreckliche Ende muss man sehr wohl auch erzählen, aber ich will diese Familien nicht darauf reduzieren, sondern zeigen, was wir ihnen verdanken.“

Villa Gutmann. Bleistiftzeichnung von Gustav Schwartz von Mohrenstern, um 1885. © Rollettmuseum Baden

Dokumentenbasiertes Konzept. Anhand des vorhandenen Materials hat Arnbom eine zwischen Originalen und Reproduktionen fein dosierte Schau gestaltet. Im ersten Raum wird etwa die stadträumliche Aufteilung der vorgestellten Villen mit einem schlichten Plan vorgestellt, während auf den geschlossenen Fenstern aller Ausstellungsräume des Badener Kaiserhauses Videostills zur aktuellen Situation der Orte zu sehen sind. Die Ausstellung fokussiert auf die einstigen Bewohner der jeweiligen Villen, die in kurzen Biografien vorgestellt werden. Gezeigt werden Familienporträts, Pläne und Fotografien, die versammelten Originale weisen eine große Bandbreite auf und reichen von einem verzierten Bösendorfer-Klavier, das sich einst in Besitz der Familie Gutmann befand, bis zu historischen Zuckerl-Prospekten und -dosen der Familie Heller.

Die älteste Villa, die in der Schau vorgestellt wird, wird 1867 von Gustav Epstein in Auftrag gegeben und vom damals 25-jährigen Otto Wagner geplant. Bereits 1873 verliert der Wiener Bankier im Zuge des Börsenkrachs sein Vermögen und muss seine Villa an Erzherzog Rainer verkaufen. Wilhelm Gutmann, der als „KohlenGutmann“ ein Vertriebssystem in Wien aufbaut, das, erzählt Arnbom, „den Energiemarkt revolutioniert“, gehört gemeinsam mit seinem Bruder David neben Epstein zu den wichtigsten Industriellen und Mäzenen im Wien der Gründerzeit. Die Brüder Gutmann lassen die Poliklinik erbauen sowie Häuser für Arbeiter:innen und Angestellte und unterstützen jüdische Wohlfahrtseinrichtungen. 1882– 1884 lässt Wilhelm für seine Frau Ida in Baden eine Villa vom prominenten Architekten Alexander Wielemans planen. Bald darauf kauft auch David eine – heute ebenfalls nicht mehr erhaltene – Villa in der Nähe seines Bruders.

Sehnsucht nach Baden – Jüdische Häuser erzählen Geschichte(n) bis 6. November 2022
Kaiserhaus Baden, Hauptplatz 17, 2500 Baden
Di.–So. u. an Feiertagen, 10–18 Uhr
kaiserhaus-baden.at

Wilhelms „Villa Ida“, einer der spektakulärsten späthistoristischen Bauten der Stadt, ist eine weitläufige Anlage, zu der ein zeittypisches „Salettl“, aber auch eine Kegelbahn gehören. Wilhelm stirbt 1895, Ida 1924 und hinterlässt die Villa ihrem Enkel Rudolf. Dieser kann zwar vor der Verfolgung durch das NS-Regime fliehen, das Gebäude wird jedoch von der „Gauselbstverwaltung des Reichsgaus Niederdonau“ „arisiert“. 1948 erhält Rudolf das Haus zurück, wie viele andere Überlebende verkauft aber auch er den Besitz Mitte der 1950er-Jahre. In der Ausstellung ist ein Gemälde zu sehen, das durch Zufall bei einer internationalen Versteigerung entdeckt wurde und nun wieder zurück nach Baden gefunden hat. Und auch das wiedergefundene Klavier, das zuletzt in einem Wiener Wintergarten nahezu vergessen wurde, gehört zu ihren wunderbaren Funden, freut sich die Historikerin: „Es hat gerufen, bitte nimm mich mit und bring mich dahin, wo ich hingehöre.“

Villa Gutmann um 1885 (unbekannter Künstler). ©Rollettmuseum Baden/ Thomas Magyar

Zu den weiteren Entdeckungen gehört ein Versteigerungskatalog aus dem Jahr 1937, dessen umfangreiches Fotomaterial Einblicke in das damalige Interieur der Villa der Familie Benbassat bietet. Im Falle dieser Villa zeigt die Schau auch Grund- und Aufrisse sowie Familienfotos, die ein Nachkomme der Familie erstmals zur Verfügung stellt.

Letzte Spuren. 1884 kauft Heinrich Klinger (1832–1905), damals einflussreicher Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, gemeinsam mit seiner Frau Charlotte eine bereits bestehende ältere Villa in Baden, die die Familie auch über den Tod Heinrichs hinaus für die Sommerfrische nutzt. Heinrichs Sohn Norbert, der die Schwester des Komponisten Oscar Straus’, Seraphine, heiratet, stirbt 1941 in jenem Wiener israelitischen Spital, das sein Vater einst wesentlich unterstützt hat, Seraphine 1943 im KZ Theresienstadt. Heute finden sich an der Stelle der einstigen Badener Villa Garagen. „Ich bin unzählige Male hierhergekommen und habe die Villa gesucht“, verrät Arnbom, bis sie endlich an den „völlig verschandelten“ Resten des ehemaligen Gebäudes, die in den Bau der Garagen intergiert wurden, dessen Spuren erkennen konnte. Die Geschichte des Hauses konnte erst in den letzten zwei Jahren sowohl von der Stadt Baden selbst wie nun mit wichtigen neuen Erkenntnissen von Arnbom aufgearbeitet und dokumentiert werden. „Diese Villa ist ein gutes Beispiel, wie unterschiedliche Forschungsvorhaben produktiv zusammengeführt werden können“, freut sich Arnbom über das nun zusammengetragene Material zur Geschichte dieses aus dem Stadtbild verschwundenen Hauses.

Villen in der Marchetstraße (früher Bergstraße), um 1850. © Stadtarchiv Baden

Ebenfalls ab 1884 ist auch Emil Jellinek-Mercedes, der es als Handels- und Versicherungsvertreter in Algerien zu beachtlichem Wohlstand bringt, in seiner neuen Badener Villa zuhause, die er Jahr um Jahr vergrößert, bis sie zu einem Anwesen mit 50 Räumen angewachsen ist. Jellinek vertreibt in Österreich Daimler-Fahrzeuge und lässt später ein Fahrzeug konstruieren, das es nach seiner 1889 in Baden geborenen Tochter benennt: Mercedes. Emil ein Jahr älter als seine Schwester, nimmt sich Anfang 1939 nach einem Verhör durch die Gestapo in der Badener Familienvilla das Leben. 1945 geht diese beim Einmarsch der russischen Truppen „in Flammen auf“, schließt Arnbom die Geschichte zu einer der einst imposantesten Villen der Stadt. „Das Einzige, was erhalten ist, sowohl in Baden wie von der anderen Villa der Familie in Nizza, sind die Garagen – ein sonderbarer Zufall für eine Familie, die vor allem für ihre Nähe zur Autoindustrie in die Geschichte eingegangen ist.“ Eine weitere besondere Freude: Die umfangreiche Partiturensammlung Raouls, die vor Kurzem in Essen entdeckt wurde, kam im Zuge der Ausstellungsvorbereitung wieder zurück nach Österreich.

„Mir ist immer wichtig zu erzählen, was die Menschen
geleistet haben, was sie auch beigetragen
haben für eine Stadt, für die Gesellschaft.“
Marie-Theres Arnbom

 

Auch Adolf Gallia, einer der damals bekanntesten Patentanwälte Wiens, kauft um die Jahrhundertwende eine Villa in Baden, die er vom vor allem für seine Synagogenbauten bekannten Architekten Jakob Gartner gestalten lässt. Nach dem Tod Adolfs 1925 und wenige Jahre später seiner Frau wird das erbenlose Haus an den Weingroßhändler Hugo Glattauer und dessen Frau Elsa verkauft. Das Paar muss aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1938 fliehen, kann jedoch aus dem australischen Exil die Villa 1945 zurückerhalten. 1954 verkauft Glattauer seine Badener Villa – sie wird abgerissen und durch eine Wohnhausanlage ersetzt. Die Wiener und Badener Möbel der Familie hatten es jedoch auf schier unglaubliche Weise ebenfalls nach Australien geschafft. Andere Besitzer, wie das Ehepaar Weintraub, das 1927 die Villa Bienenfeld ersteht, werden 1944 in Buchenwald (Josef) und Ravensbrück (Jana Weintraub) ermordet; deren überlebende Tochter verkauft den Familiensitz Ende der Fünfzigerjahre. Auch Rudolf Bienenfelds enger Freund Moriz Rothberger verliert 1939 seine Badener Villa, er stirbt 1944 im jüdischen Altersheim in der Malzgasse; seine Erbin erhält den Familiensitz zwar nach Kriegsende zurück, verkauft ihn aber ebenfalls später. Die von Otto Wagner errichtete Badener Villa des Bankiers Samuel Ritter von Hahn kann 1938 hingegen von Hahns Tochter Margarethe vor der „Arisierung“ gerettet werden, indem sie das Anwesen ihrem nicht-jüdischen Mann Paul Aulegk überträgt. Nur Teile sind heute noch erhalten.

Villa Jellinek-Mercedes, Wienerstraße 41–43, nach 1945. © Rollettmuseum Baden

Arnbom gelingt es, anhand kurzer, informativer Familienporträts die Geschichten der vorgestellten Villen von ihrer Erbauung bis 1938 vorzustellen; in wenigen ausgewählten Fällen erzählt sie auch in einem abschließenden Raum die Nachgeschichten der Häuser bis in deren jüngste Vergangenheit. So kaufte 1938 der Komponist Heinrich Strecker den Familiensitz der Familie Heller. Der Vergleich, den es gegeben haben mag, ist heute ebenso verschwunden wie Teile des Arisierungsaktes, berichtet Arnbom. „Es wäre eine wichtige Aufgabe, diesen Fall zu dokumentieren“, ist sich die Kulturhistorikerin sicher.

Architektonisch führen die Villen von Gründerzeit und Historismus bis zu Jugendstil und frühe Moderne. Die dank akribischer Recherchen und vor allem des großen gewachsenen Netzwerks von Marie-Theres Arnbom zusammengestellten Daten und Objekte geben einen weiteren faszinierenden Einblick in die verschwundene jüdische Welt des Wiener Großbürgertums vor 1938.

1 KOMMENTAR

  1. Hochinteressanter Artikel über die jüdische Verbindung zu den Kurorten des späten 19. Jahrhunderts. Mein Großvater besaß ein solches Sanatorium in der Bukowina.

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