Wilna forever

In der Hochblüte jiddischer Literatur der Zwischenkriegszeit gehören beide dem Dichterkreis „Jung Wilna“ an: Chaim Grade und Avrom Sutzkever. Zwei Neuerscheinungen aus ihren Werken eröffnen nun Einblicke in deren untergegangene Lebenswelt.

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Die Autoren: Avrom Sutzkever (2. von li.) und Chaim Grade (re.). © Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig

„Ich bin der Dichter, der in der Erinnerung lebt“

Er sei „vielleicht sogar der größte“ jiddische Romancier, schrieb Elie Wiesel über Chaim Grade (19101982). Mit dem schönen Band Von Frauen und Rabbinern kann man diesen wunderbaren Erzähler, stimmig übersetzt, nun erstmals im deutschen Sprachraum entdecken.

Als Isaac Bashevis Singer 1978 den Literaturnobelpreis erhielt, hatte es die jiddische Literatur endgültig in die Weltliteratur geschafft. Für den etwas jüngeren Chaim Grade war jedoch gerade Singer, der den „vulgären Geschmack seiner amerikanischen Leser“ bediente, kein Vorbild. Grade war in den USA nur in vergleichsweise engen jiddischen Zirkeln bekannt, Publicity in englischer Sprache suchte er nie und zog kleine, schöne Ausgaben seiner Bücher billigeren Großauflagen vor. Ganz in seinem Sinne liegt nun mit dem in der erlesenen Edition Die Andere Bibliothek erschienenen Spätwerk ein edles Buch vor, das Grades stilistischer Eleganz durch eine einfühlsame Übersetzung gerecht wird.
Susanne Klingensteins kenntnisreiche Übertragung zweier Erzählungen Chaim Grades aus dem Jiddischen ist aber noch viel mehr. Als Schlüssel zu diesem nahezu vergessenen Autor eröffnet sie den Blick in eine gewaltsam vernichtete Welt, die unvorstellbar arme, gleichzeitig aber so reiche ostjüdische Welt der Zwischenkriegszeit.

Autobiografisch. 1910 ist Chaim Grade in Wilna in diese Welt hineingeboren worden, und sie hat ihn nie wieder verlassen. Ikh bin der dikhter vos lebt in zikorn/Ich bin der Dichter, der in der Erinnerung lebt. Wie sehr sich sein Werk gänzlich aus der Vergangenheit speist, erfährt man aus dem als Nachwort angefügten biografischen Essay.
In einem fensterlosen, dunklen Hinterzimmer, nur durch einen Vorhang von einer schmutzigen, lauten Schmiede abgetrennt, wächst der Bub nach dem Tod des Vaters allein mit seiner Mutter auf, dorthin kehrt er auch als junger Mann wieder zurück, nach Jahren in einer „Musar-Jeschiwa“, die strengste Askese, Kasteiung und Selbsterniedrigung verlangt. Er schreibt erste Gedichte und schließt sich der Gruppe „Jung Wilna“ um Avrom Sutzkever an. Der Konflikt zwischen der fanatisch-radikalen Orthodoxie und den vergleichsweise freidenkerischen zionistisch orientierten jungen Juden wird sich auch in Grades Erzählungen niederschlagen.

Chaim Grade: Von Frauen und Rabbinern. Zwei Erzählungen.
Aus dem Jiddischen von Susanne Klingenstein. Die Andere Bibliothek, 360 S., € 45,30

Die Schoah überlebt er in der Sowjetunion, seine Mutter und die erste Ehefrau kommen im Inferno von Wilna um. Nach dem Krieg sucht er die entleerte Heimatstadt wieder auf, bevor er in Moskau nochmals heiratet und mit seiner viel jüngeren Frau Inna nach einiger Zeit in Paris schließlich nach New York auswandert. Als Grade dort 1982 stirbt, begräbt sie ihn ganz allein, hält seine Todesmeldung zurück und seinen Nachlass bis zu ihrem Tod 2010 unter Verschluss. Mit ihrer kinderlosen spannungsreichen Ehe und ihrem offenbar widersprüchlichen Charakter erinnert Inna an einige Figuren im Band Von Frauen und Rabbinern, der im Englischen den passenderen Titel Rabbis and Wives trägt.

„Die Rebbezin“. Perele, Tochter aus rabbinischem Adel, wird nach ihrer Heirat mit Raw Königsberg die „Rebbezin“ der gleichnamigen Erzählung. Doch davor erlebt sie ein Trauma, das sie im Geheimen lebenslang peinigen wird. Ihr erster Bräutigam, Mosche Eisenstadt, ein weithin verehrter Talmud-Gelehrter, löst die Verlobung mit seinem Urteil „Du bist klug, aber nicht gut“, das sich letztlich bestätigen soll. Die Kränkung über diesen Affront lässt Perele zur ewig unzufriedenen, mäkelnden Ehefrau und Mutter werden, die ein Netz strategisch angelegter Intrigen spinnt und ihren gutmütigen Mann überfordert und quält, bis er in das Rabbinat von Horodno gelangt, wo ihr erster Bräutigam als Stadtrabbiner Hof hält.
Mit feiner psychologischer Klinge seziert Grade nicht nur diese jüdische Lady Macbeth, sondern zeichnet ebenso treffend das reiche Figurenpanorama des ansehnlichen Schtetls, von den Honoratioren der verschiedenen Synagogen angefangen bis zu den kleinen Krämern, Marktfrauen und Bettlern in absteigender Hierarchie, deren sich die Gesellschaft wohl bewusst ist. Pereles ungewollte Gegenspielerin ist Eisenstadts Ehefrau, die kränkliche Rebbezin Sara-Rivka. Doch auch sie dominiert mit ihrer untröstlichen Trauer um den Tod des einzigen Kindes ihren Mann. Im Hause der Rabbiner haben die Frauen das Sagen und werden mehr oder minder insgeheim um Rat gefragt. Als die Leute das mitbekamen, gingen sie gleich zu ihr. „Was meint die Rebbezin?“
Die Ehrfurcht vor der Lehre, dem nie endenden „Lernen“ der Schriften, der daraus resultierenden Weisheit und dem geschliffenen Intellekt und der Respekt vor den Gelehrten stehen hoch über allen materiellen Werten. Da mögen die Söhne als Kaufleute noch so erfolgreich sein, für die Mutter sind sie Versager, verbringen sie doch ihre Tage im Geschäft statt im Lehrhaus. Auch Grades Mutter, die in kalten Torbögen gefrorene Äpfel feilbot, war enttäuscht gewesen, als ihr Chaim die Jeschiwa verließ und kein Talmudist werden wollte.

„Lejbe Lejsers Hof“. Noch dichter an der eigenen Lebenswelt, dem für seine Gelehrsamkeit berühmten „Jerusalem des Nordens“, ist Grade in seiner Milieustudie Lejbe Lejsers Hof. In diesem authentischen Wilnaer Wohnhof, einem jüdischen Mikrokosmos, menschelt es gewaltig und der Tratsch blüht. Handwerker, Fuhrleute, Händler, Hausierer gehen ein und aus. Man kennt jeden, man hört und riecht einander oder kann sich nicht riechen.
Als sich der Ärmste der Armen, der nach den Heringfässern stinkt, die er reinigen muss, einmal aus dem Vorhof des Betraums näher in das Innere wagt, wird er wegen seines Gestanks rüde vertrieben. Einen Armen zu verschämen, das sei verboten, rügt Raw Joel auf das Schärfste. Weil er als Rabbiner zu milde war und nicht immerzu nur verbieten wollte, hat er seine kleine Gemeinde verlassen, um sich in Wilna ganz dem Lernen zu widmen. Seine Frau, die ehemalige Rebbezin Hindele, muss mit dem Verkauf von Eiern den kargen Lebensunterhalt bestreiten.

Bei uns Juden ist es so:
Entweder man muss
oder man darf nicht.

„Bei uns Juden ist es so: Entweder man muss oder man darf nicht“, weiß der Schlosser Heskia, ein sturer, unbeugsamer Fanatiker, der mit religiöser Verstocktheit und Härte seine drei Töchter unglücklich macht. Als die attraktive Jüngste mit einem verheirateten Womanizer ein Techtelmechtel beginnt, zerbricht Heskia daran, nur eines in der Reihe der Dramen und Hiob-Schicksale, die im Hof widerhallen. Einem Kohlhaas gleich prozessiert sich da einer mit seinen Brüdern bis aufs Blut, seine Frau verfällt dabei dem Wahnsinn. Es ist die Conditio humana in ihrer jüdischen Variante, die Grade da mit viel Mitgefühl für diese besondere, ihm so wohlbekannte Spezies souverän vorführt.
Das Zeitkolorit der Zwanzigerjahre spielt auch in die unbesonnten Höfe, deren einziges Grün der Schimmel an den Wänden ist, mit hinein. Die Jungen drängen hinaus an den Fluss und in die Wälder, und viele von ihnen wollen sogar noch vor der Ankunft des Messias Eretz Israel aufbauen!
Wenige Jahre danach wird das alles unwiederbringlich Vergangenheit gewesen sein, und für die Bewohner des Hofes, ob jung oder alt, ob fromm oder nicht, wird wohl niemand das Totengebet gesagt haben. Aus diesem bitteren Wissen schreibt Chaim Grade als Dichter der Erinnerung von New York aus den Kaddisch auf diese, seine Welt. Berührend, herzzerreißend und herzerwärmend zugleich.
Wie viel sogar in der besten „Verdeutschung“ an jiddischem „Tam“ verloren gehen muss, zeigen die kundigen Anmerkungen Susanne Klingensteins auf, in denen unter anderem viele Anspielungen auf talmudische Zitate, auf Gebräuche und Sprüche nicht nur erklärt, sondern auch im Original angeführt werden. Auch sie bieten köstliche Entdeckungen.

Trauer, Wut und Rache „In Sodom“

Der jiddische Dichter Avrom Sutzkever (1913 – 2010) aus Wilna war Zeuge vor dem Nürnberger Prozess. Tagebuch, Tonbandprotokolle und lyrische Dokumente seiner Reise nach Deutschland vereint ein neuer Band.

Welches von ihnen ist stärker, das Gefühl der Trauer oder das Gefühl der Rache?“, fragt sich Avrom Sutzkever in seinem Tagebuch am 27. Februar 1946. Als erster jüdischer Zeuge hat der 32-Jährige gerade beim Nürnberger Prozess ausgesagt, 38 Minuten lang stehend, „als sagte ich das Kaddisch für die Toten“. Eigentlich wollte er Jiddisch sprechen, doch das war keine offizielle Prozesssprache, und so stand er auf Russisch, das er weniger gut beherrschte, dem sowjetischen Ankläger Rede und Antwort. Seine Verantwortung, im Angesicht der Weltöffentlichkeit als Überlebender der Hölle von Wilna für alle Opfer Zeugnis abzulegen, belastete ihn nahezu unerträglich.

Arndt Beck (Hg.): In Sodom. Avrom Sutzkever in Deutschland. Hentrich & Hentrich, 98 S., € 19,90

Pogrome. Wie Chaim Grade hatte sich auch Sutzkever nach einer Flucht in die Wälder auf abenteuerliche Weise nach Moskau retten können. Mit einer sowjetischen Delegation fuhr er schließlich 1946 zum Nürnberger Tribunal, nach Sodom, wie er Deutschland in seinem Gedichtzyklus nannte, der im Verlauf dieser Reise entstand.
In Sodom heißt nun der Band, der diese Gedichte im jiddischen Original und in deutscher Übertragung wiedergibt. Ergänzt durch die Tagebuchnotizen während der Reise und die Aufsehen erregende Wiedergabe von Sutzkevers Zeugenaussage, neu ediert nach der vollständigen Audioaufnahme in russischer Sprache.
Erschütternd authentisch berichtet er als Augenzeuge von den Pogromen in Wilna im Sommer 1941, als die Deutschen ihn und andere Juden zwangen, nackt um einen Scheiterhaufen aus brennenden Thorarollen zu tanzen und zu singen, von den perversen Sadismen der Schlächter von Wilna wie Franz Murer, vom Befehl, der jüdischen Frauen verbot, Kinder zu gebären, dem Sutzkevers Sohn zum Opfer fiel. Lachend ermordete ein Deutscher das Neugeborene vor den Augen seiner Mutter, „es war noch etwas warm“, als Sutzkever es sieht.
Die starken Emotionen während seiner Fahrt durch das zerstörte Deutschland, Wut, Rache und Verfolgungsgefühle, verarbeitet er in seinem Gedichtzyklus. Das Brandenburger Tor, ein geto-tor, dem er entflieht, […] vor mir sumpft im abendrot sodom/samt kirchturm, einem gotischen.

vor mir sumpft im abendrot sodom/samt kirchturm, einem gotischen

Inspiriert von Sutzkevers lyrischen Dokumenten hat der Übersetzer und Herausgeber Arndt Beck den Band mit eigenen Zeichnungen in einer auf Fotokopien basierenden Mischtechnik illustriert. Sie zeigen neben Familienmitgliedern des Autors die Dichter des Kreises „Jung Wilna“, dem auch Chaim Grade angehörte. Und so schließt sich jetzt mit deren zufällig fast gleichzeitiger Wiederentdeckung noch einmal dieser Kreis.

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