„WO IST DIE VERSTECKTE KAMERA?“

Produzentin Iris Singer berichtet über Sprechchöre in der Bahn, einen jährlichen Geburtstagswunsch und den inspirierenden Marko Feingold.

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© Privat

Das letzte Mal,

dass ich einen filmreifen Moment hatte, war, …
… vor einigen Wochen in der Straßenbahn, als eine etwas verwirrt wirkende Frau sich weigerte, eine Maske aufzusetzen, und darüber lautstark philosophiert hat, dass wir alle Habsburger sind. Andere Fahrgäste haben die Dame (in urwienerischem Dialekt) gebeten, Sie möge bitte eine Maske aufsetzen oder einfach aussteigen. Nach einigen Minuten Diskussion hat sich ein Sprechchor gebildet, der „Aussteigen! Aussteigen!“ rief. Das war an Skurrilität kaum zu überbieten. In dem Moment habe ich mich gefragt: „Wo ist die versteckte Kamera?“

Das letzte Mal, dass ich etwas mit Marko Feingold erlebt habe, das unbedingt noch eine Fortsetzung gebraucht hätte, war …
Jedes Treffen mit Marko war ein Erlebnis, das ich gerne wiederholt hätte. Er war über zehn Jahre Zeitzeuge bei den MoRaH-Reisen, und jede Reise mit ihm war anders, aber immer inspirierend und prägend. Als ich die Nachricht von seinem Tod erhalten habe, war ich gerade bei Starbucks, um die Zeit zwischen zwei Terminen zu überbrücken. Ich bin keine Person, die in der Öffentlichkeit so schnell zu weinen beginnt, aber in dem Moment, in dem ich über den Tod eines der für mich prägendsten Menschen erfahren habe, liefen die Tränen mitten im Café. Jedes Gespräch mit Marko hätte eine Fortsetzung gebraucht. Sein Charme, sein Humor, seine Liebe zum Leben waren große Inspirationen, an die ich immer gerne zurückdenken werde.

Das letzte Mal, dass ich glücklich aus dem Kino kam, war …
Vielleicht nicht unbedingt glücklich, aber sehr berührt und beeindruckt hat mich Fuchs im Bau. Der Film zeigt, wie wichtig Verständnis, Geduld und ein einfühlsamer Umgang mit Jugendlichen sind, dass man neue Wege gehen kann und für seine Ideale kämpfen muss.

Das letzte Mal, dass ich eine brillante Idee für einen tollen Film gehabt habe, war …
Vorgestern, als ich mit meinen Kollegen ein Meeting hatte. Da sprudelt es immer vor Ideen und Euphorie. Aktuell arbeiten wir an Kurzfilmprojekten mit Jugendlichen zum Thema Zivilcourage. Das ist auch Teil des MoRaH-Programms.

Das letzte Mal, dass ich gerne etwas Zeit zurückgespult hätte, war …
Immer an meinem Geburtstag, wenn man realisiert, dass man wieder ein Jahr älter ist 🙂 Spaß! Ich habe vor Kurzem mit meiner Schwester darüber geredet, was man im Leben gerne anders gemacht hätte oder wo wir gerne die Zeit zurückspulen würden. Fazit: Es ist gut so, wie es ist, denn ich wäre heute nicht die, die ich bin, wenn ich nicht gute, nicht ganz so gute, prägende, lustige und traurige Situationen in meinem Leben gehabt hätte.


Iris Singer hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert und arbeitet seit 2008 im Medien- und Eventbereich. Sie ist Geschäftsführerin und Produzentin bei Licht und Linsen Film und Medienproduktion, freie Moderatorin und Sprecherin. Als stellvertretende Obfrau
von MoRaH hat die gebürtige Wienerin über Jahre gemeinsam mit dem Holocaust-Überlebenden Marko Feingold an der Gedenkveranstaltung March of the Living im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau teilgenommen. Für den im Oktober anlaufenden Film Marko Feingold – ein jüdisches Leben betreut sie die Zielgruppenarbeit.
stadtkinowien.at, morah.at

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