Apfelstrudel versus Raketen

Gedanken eines Studienanfängers im Bunker während eines Raketenangriffs in Tel Aviv.

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Meine erste persönliche Erfahrung eines Raketeneinschlags in Tel Aviv kann durchaus als Sinnbild für die israelische Gesellschaft verwendet werden.
Seit Neuestem hat meine talentierte Schwester begonnen, als Nebeneinkommen hausgemachte Apfelstrudel an neugierige Israelis zu verkaufen.
Ich saß neben ihr im Wohnzimmer und lauschte der drohenden Gefahr aus Gaza, als sie gerade dabei war, fünf Strudel, die an diesem Tag bestellt worden waren, zu backen. Der Duft der frisch gebackenen Apfelstrudel zog sich durch die ganze Wohnung und wartete nur auf die Kunden, die sie planmäßig um 21 Uhr abholen sollten.
Doch die Hamas hatte uns eine andere Tagesordnung vorbereitet. Um 20.45 Uhr wurde Tel Aviv mit Raketen beschossen, und nur kurze Zeit später fanden wir uns mit unseren Nachbarn im Hausbunker wieder: einige von ihnen im Handtuch aus der Dusche, andere mit Baby auf dem Arm. Zugegeben, wir fühlten uns alle ein bisschen unwohl. Dennoch war die Atmosphäre den Umständen entsprechend ziemlich gut. Wir waren sicher.
Doch zurück zu den Apfelstrudeln: Gegen neun Uhr stoppte die erste Raketenwelle. Fünf Minuten später, und ich scherze nicht, rief der erste Kunde meine Schwester an. Er war hier, um seinen Strudel abzuholen. Ganz ehrlich: Hätte ich nur zehn Prozent vom Engagement des Kunden in Sachen Strudel und würde sie in meine gesunde Ernährung investieren, wäre mein Leben heute definitiv besser.
Plötzlich wurden meine Gedanken über die „verrückten Israelis“ von einer anderen aufmunternden Idee übertrumpft. In Anbetracht der Tatsache, dass in einer normalen Welt das eigene Leben Vorzug über einen Apfelstrudel hat, konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass alle fünf Kunden kommen würden, um die bestellten Mehlspeisen abzuholen. Ich meine, verdammt noch mal, Raketen fliegen über uns! Das würde dann aber auch heißen, dass ein Strudel für mich übrigbleiben würde, welchen ich genüsslich zum Kaffee essen könnte. (Zwar hatte meine Schwester mir ohnehin angeboten, einen eigenen Strudel zu backen, allerdings hatte ich das Angebot abgeschlagen, eben aufgrund der gesunden Ernähhhh…, wuascht).

Wir sind hier, um zu bleiben, haben keine Angst
und geben unseren Apfelstrudel schon gar nicht her!


Doch ich hatte mich geirrt: Um 22 Uhr, also nur eine Stunde, nachdem die letzte Rakete auf Tel Aviv abgeschossen wurde, waren alle Strudel abgeholt. Richtig gelesen: nur eine einzige Stunde! Ein Ereignis, das sich so in keiner meiner vorherigen Lebenszentren, wie etwa Wien oder Berlin, abspielen würde. Menschen in Israel haben einfach einen anderen Lebensrhythmus. Der/die durchschnittliche 18-Jährige in Europa fragt sich, welcher Studiengang ideal sei oder ob die U-Bahn pünktlich oder zwei Minuten zu spät kommt. Der/die durchschnittliche 18-Jährige in Israel fragt sich, in welche Einheit man einrücken soll, um das Heimatland vor Terrororganisationen zu schützen, die uns, nun ja, nicht so wirklich mögen. Erst vor Kurzem setzte sich auch meine kleine Schwester mit dieser Frage auseinander.
Fakt ist, dass die Geschwindigkeit und die Realität hier andere sind, und das spiegelt sich auch im Alltag der Menschen wider. Wenn jemand einen „Strudelabend“ mit Freunden organisiert hat, dann hat der auch genau so stattzufinden. Und zwar unabhängig von der aktuellen Lage! Dies gilt auch für den Staat Israel: Wir sind hier, um zu bleiben, haben keine Angst und geben unseren Apfelstrudel schon gar nicht her! 

Am Israel Chaj!

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