Die Kraft des Erzählens

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„Tränen sind etwas Heiliges. Sie sind nicht das Zeichen von Schwäche, sondern von Kraft. Sie sprechen beredter als zehntausend Zungen. Sie sind die Botschafter überwältigender Trauer, tiefer Zerknirschung und unsagbarer Liebe.“ Elie Wiesel

In der Menschheitsgeschichte erwies sich die Kunst des Geschichtenerzählens als ein dauerhaftes Zeugnis des menschlichen Geistes. Von den alten Traditionen mündlicher Überlieferungen über literarische und volkstümliche Erzählungen bis zu Shorts, Reels und Computer-Spielen dient das Geschichtenerzählen als zeitlose Methode, um Identität zu schaffen. Moses erkannte die Kraft, die dem Storytelling innewohnt, und rief den befreiten Sklaven in der Wüste zu: „Erinnert euch euer Leben lang daran und erzählt es euren Kindern und Enkeln!“ Gemeint hat er damit nicht die traurige Geschichte ihrer Versklavung, sondern die Geschichte ihrer Befreiung. Er hatte damit einen bemerkenswerten Erfolg: Keine andere Zeremonie hat in ihrer authentischen Form so lange überlebt, kaum eine andere Geschichte konnte in jeder Gesellschaft, die sie erreicht hat, und zu allen Zeiten derart stark beeinflussen, indem sie die Werte der menschlichen Würde, der Freiheit und die Suche nach einem größeren Sinn, nach einem gemeinsamen „Big Picture“, propagierte.

So versammelten sich zu Pessach Juden und Jüdinnen, Familien und Freunde zu allen Zeiten (!), um ihre Geschichte der Befreiung, ihre Geschichte von Resilienz, Hoffnung und Mut zu erzählen. Jahr für Jahr – immer und immer wieder. So auch in diesem Jahr: nach dem 7. Oktober 2023, nach über einem halben Jahr Krieg, nach über sechs Monaten des Hoffens auf die Befreiung aller Geiseln, nach dem historischen, da erstmalig direkten Angriff des iranischen Regimes auf Israel und nach über sechs Monaten, in denen wir wieder gespürt haben, wie tief verwurzelt und präsent der Antisemitismus auch in den jüdisch-christlich geprägten, demokratischen Gesellschaften immer noch ist. Daran konnte auch das Inferno der Shoah nichts ändern.

Wenn Albert Einstein schreibt, dass die „Vorstellungskraft wichtiger ist als Wissen. Denn das Wissen ist begrenzt, während die Vorstellungskraft die ganze Welt umfasst, den Fortschritt anregt und unendliche Möglichkeiten eröffnet“, verweist er auf die transformative Kraft von Geschichten. Sie können eine Quelle der Inspiration, des Trostes und der Stärke sein. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht allein sind, und bestärken die Zuhörerinnen und Zuhörer auch in den dunkelsten Zeiten, indem sie beim Erzählen und Zuhören Teil einer Gemeinschaft werden und dabei mit den Erfahrungen von Mut und Resilienz aus dem kollektiven Gedächtnisschatz dieser Gemeinschaft beschenkt werden.

Der im indischen Exil lebende Dalai Lama schrieb nach seiner Teilnahme an einem Pessach-Seder: „In unserem Dialog mit Rabbinern und jüdischen Gelehrten hat das tibetische Volk die Geheimnisse des jüdischen spirituellen Überlebens im Exil kennengelernt: Ein Geheimnis dabei ist der Pessach-Seder. Durch ihn erinnert sich das jüdische Volk seit 2.000 Jahren, auch in sehr schwierigen Zeiten, an seine Befreiung aus der Sklaverei in die Freiheit, und das hat ihnen in schwierigen Zeiten Hoffnung gebracht.“

Wir tragen die Idee der Freiheit und der Resilienz also tief in unserer Identität. Ein Geschenk, das uns aber auch dazu verpflichtet, uns für diese universellen Ideen zu allen Zeiten und an jedem Ort einzusetzen und unsere Geschichten allen zu erzählen, die wir erreichen können.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Chag Pessach sameach, friedliche Feiertage und vor allem Kraft, um die Hoffnung auf die Befreiung nicht zu verlieren.

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