Durch die Hölle gegangen

Die dramatischen Tage der Rückkehr eines Teils der Geiseln, die über eineinhalb Monate von der Hamas gefangen gehalten wurden, ließen wohl kaum jemanden im Land unberührt. Ärzte und Therapeuten der zuständigen Teams in den Spitälern, der ersten Station dieser Menschen in der wiedererlangten Freiheit, sprechen über ihre Vorbereitung auf diese beispiellose Herausforderung und über die ersten Stunden mit den Freigelassenen.

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Freiheit nach Wochen der Qual und Ungewissenheit: Yocheved Lifshitz (85) mit anderen Demonstant:innen vor dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv. Ihr Mann ist immer noch in Gefangenschaft. © OREN ZIV / AFP / picturedesk.com

Die Bilder der Heimkehrenden in den weißen Vans, die mageren, blassen Gesichter der Kinder, das Mädchen mit dem Hündchen im Arm, der kleine Bub mit den Brillen, der auf seinen Vater zuläuft, die sichtlich gezeichnete junge Frau, die auf Krücken zum Eingang des Spitals hinkt, und ihre wütenden Gesten gegen ihre Peiniger – sie sind wohl tief in das Gedächtnis der Nation eingebrannt. „Das waren die aufwühlendsten Wochen meines gesamten privaten und beruflichen Lebens, als Arzt und als Mensch“, sagt Prof. Itay Pessach. Mit schwarzen Ringen unter den Augen sitzt der Leiter der Kinderabteilung des Tel-HaShomer-Krankenhauses im TV-Studio von Kanal 12. Für dieses Interview hat er zum ersten Mal seit der Ankunft der ersten Geiseln vor über einer Woche das Spital verlassen. Ihre Erlebnisse und Erzählungen scheinen ihm ins Gesicht geschrieben. „Wir haben alle nicht geschlafen, niemand aus dem anwesenden Team hat es übers Herz gebracht, nach Hause zu gehen. Wir alle, das ganze Land, versuchen nur, diese Menschen zu pflegen und zu umhegen. Sie sind durch die Hölle gegangen. Das lässt niemanden unbeteiligt.“

„Die Behandlung von Kindern, die aus der Gefangenschaft zurückkehren, steht nicht im Lehrbuch“, sagt die Psychologin Dr. Jael Bezalel. „Sie muss erst geschrieben werden. Nach Auschwitz wurde allen gesagt: ‚Vergesst, was war.‘ Aber die moderne Welt verhält sich anders.“ Im TelHaShomer-Krankenhaus bereitete man sich daher wochenlang auf diese unbekannte Situation vor. Neue medizinische und therapeutische Arbeitsprotokolle wurden geschrieben, und die zu erwartenden Szenen wurden den Therapeuten und Schwestern mit Hilfe von Schauspielern vorgespielt.

Denn allen war klar: Das waren nicht die freigelassenen Soldaten aus dem Jom-Kippur-Krieg oder aus anderen militärischen Operationen. Zurück kamen Menschen im Alter von zwei bis 84 Jahren, Zivilisten, die aus ihren Häusern entführt worden waren und in diesen 50 und mehr Tagen die Hölle durchgemacht hatten. Und die meisten von ihnen kehren in eine schwere Realität zurück. Sie kommen in ihr Land, von dem sie nicht beschützt wurden, in ein Land, das sich noch immer im Krieg befindet. Sie haben kein Zuhause mehr, es wurde alles niedergebrannt. Und viele erfahren erst jetzt, wer aus ihrer Familie den 7. Oktober nicht überlebt hat.

Wie lange sie alle brauchen werden,
um von diesen Traumata zu genesen,
und ob sie es überhaupt schaffen,
ist […] von Mensch zu Mensch verschieden […].

 

Am schlimmsten ist es laut Prof. Pessach für die Kinder, die entgegen der Abmachung mit der Hamas ohne ihre Mütter zurückkamen. Und allen ist gemeinsam, dass für sie die Zeit seit jenem schwarzen Samstag wie eingefroren ist. Sie wissen nichts darüber, was sich seit ihrer Gefangennahme in Israel ereignet hat, wie groß das Ausmaß des Massakers war, wie viele Menschen verschleppt wurden und wie ihre Angehörigen und das ganze Land um ihre Freilassung gekämpft haben. Zum Psychoterror der Hamas gehörte es, dass sie den Gefangenen erzählte, man kümmere sich in Israel nicht um ihr Verbleiben. Der 17-jährige Itay Engel kann es nicht fassen, dass die Poster mit seinem Foto gemeinsam mit den Bildern der anderen 238 Geiseln um die Welt gingen und als riesige Leuchtreklame auf Gebäude in New York und in europäischen Hauptstädten projiziert wurden. Maya Regev, die junge Frau mit den Krücken, kämpft mit den Tränen, als sie die vielen Menschen sieht, die auf ihrem Weg zum Spital Spalier stehen, ihr mit israelischen Fahnen zuwinken, singen und klatschen.

Der kleine Tal Almog-Goldstein am Tag seiner Befreiung im Bus nachhause. © MENAHEM KAHANA / AFP / picturedesk.com

Wie mit den multiplen Traumata umgehen. „Viele der Kinder haben vorerst nur geflüstert, weil sie in Gefangenschaft nicht laut sprechen durften“, erzählt eine andere Psychologin. Die kleine Abigail, die ihren vierten Geburtstag in Gefangenschaft verbrachte, sprach vorerst gar nicht. Sie hat gesehen, wie ihre Eltern ermordet wurden, und ist allein nach Gaza verschleppt worden. Aber die meisten anderen waren froh, wieder im Kreis ihrer Familie zu sein, und hörten gar nicht auf zu sprechen. Und dann kam – ziemlich bald – der Moment, in dem ihnen bewusst wurde, wer nicht im Zimmer anwesend war, wer nicht gekommen ist, um sie zu empfangen. Nach und nach beginnen sie die Größe der Tragödie zu verstehen, sie hören von der Mutter oder von den Eltern, die ermordet wurden, oder vom Vater, der noch immer in Gaza festgehalten wird. „Es gab die Anweisung, nicht ungefragt Informationen weiterzugeben und nicht zu fragen“, erklärt Bezalel. „Aber die meisten erzählen – zuerst von banalen Dingen, davon, was es zu essen gab und wie die sanitären Bedingungen waren, und dann nach und nach von den psychischen und körperlichen Foltern und Manipulationen. Die Nachrichten vom Tod der Angehörigen oder des geliebten Hundes werden, wenn möglich, von der Familie überbracht.“

Einige haben viel Gewicht verloren, vor allem die Mütter, die einen Teil ihrer spärlichen Verpflegung an die Kinder abgaben. Andere, wie Maya Regev, mussten Operationen ertragen, teilweise ohne Anästhesie. Ihr wurde bei ihrer Gefangennahme beim Nova-Festival in die Beine geschossen, in der Geiselhaft wurde sie dann falsch und ohne Betäubung operiert. Zwei Jugendlichen wurden die Waden mit Auspuffrohren verbrannt, um sie zu kennzeichnen, falls es ihnen gelingen sollte zu flüchten. Noch schlimmer sind die psychischen Verletzungen. Sie alle haben bei ihrer Gefangennahme und Verschleppung sehr vieles gesehen, was Kinder nicht sehen sollen. Und sie wurden von ihren Peinigern systematisch gequält. Der neunjährige Ohad musste, wie viele andere Kinder, in Einzelhaft das schreckliche Video von den bestialischen Brutalitäten der Hamas immer wieder ansehen. Wer weinte, wurde geschlagen. Wie lange sie alle brauchen werden, um von diesen Traumata zu genesen, und ob sie es überhaupt schaffen, ist laut Professor Pessach von Mensch zu Mensch verschieden und hängt auch von den Bedingungen ihrer Gefangenschaft ab, ob sie mit Familie oder anderen Israelis zusammen waren, ob sie Sonnenlicht und genug zu essen hatten. „Sie sind körperlich schwach, aber seelisch unheimlich stark“, meint er anerkennend. Was ihnen sonst noch angetan wurde, die noch nicht öffentlich bekannten Misshandlungen und Qualen, die sie erfahren haben, gibt der Arzt nicht weiter. Sie haben wohl alle noch einen langen Weg der Genesung vor sich, und sie werden ihre Geschichten selbst erzählen, wenn und wann es ihnen richtig erscheint.

Insgesamt 105 Menschen, weniger als die Hälfte aller Geiseln, erlangten in den acht Tagen ab dem 26. November ihre Freiheit. Der bei seiner Entführung neun Monate alte Kfir Bibas, sein vierjähriger Bruder und seine Eltern waren nicht dabei. Und auch von den anderen fehlt weiter jede Spur. Doch jetzt weiß man, dass die Verhältnisse unerträglich sind und dass jeder weitere Tag in Gaza ihre Chance, lebend aus dieser Hölle herauszukommen, zunichtemachen kann.

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