Editorial

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“ Albert Schweitzer

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Wann immer ich mich hinsetze, um diese Zeilen zu schreiben, versuche ich, die aktuellen Ereignisse so gut es geht objektiv zu reflektieren. Das ist freilich nur ein Wunschtraum, eine Erwartung an mich selbst, die zu erfüllen kaum möglich ist. Gestern Abend habe ich einen langen Spaziergang durch den benachbarten Wald gemacht. Es war still, regnerisch und dunkel. Was gibt es Schöneres, als ein paar Stunden für sich selbst zu haben und in der regengetränkten Natur spazieren zu gehen.

Doch statt die Situation zu genießen, fing mein Kopfkino an auszustrahlen. Einige Stunden zuvor hatte ich das Bild einer Tätowierung auf dem Unterarm einer der aus Gaza befreiten Geiseln entdeckt. Mia Shem, die am 7. Oktober vom Nova-Festival verschleppt wurde, ließ sich „We will dance again“ eintätowieren.

In diesem Bild entfalten sich unzählige Ebenen: Am Tag des Massakers tauchten die ersten Postings mit dem Satz „Der Tag, an dem die Musik starb“ auf. Und obwohl diese Zeile auf ein völlig anderes Ereignis verweist, sprang meine Assoziationskette sofort weiter und erinnerte an Theodor W. Adornos Postulat, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei. Und dann tauchte das Bild in mir vom Überleben auf, von Resilienz und von jenem Lied, das Leyb Rozental 1943 im Wilnaer Ghetto niederschrieb und das zur Hymne des Überlebenswillens wurde: „Mir lebn ejbig! Ess brenta Welt!“ Rozental wurde von Wilna nach Estland in das KZ-Außenlager Klooga deportiert und vermutlich vor Kriegsende mit vielen anderen in der Ostsee ertränkt. Doch seine Zeilen überlebten und wurden zum Imperativ jüdischer Vergangenheit und israelischer Gegenwart.

Die Erinnerung an den Holocaust ist ein ewiges Zeugnis für die anhaltenden Auswirkungen eines kollektiven Traumas – und für die Notwendigkeit, die persönliche und kollektive Heilung und Widerstandskraft zu fördern. Das Echo dieses Infernos verweist auf die ungeheuren Folgen gesellschaftlicher Traumata und mahnt uns, eines der jüdischen Grundkonzepte zu verwirklichen: Tikkun Olam, die „Reparatur der Welt“, was auch ein Versuch sein kann, die Brüche in unseren Gemeinschaften und in der Welt als Ganzes zu heilen.

„Es gibt Momente, in denen ich glaube, dass Sprache doch etwas bewirken kann. Es ist der Versuch, den anderen zu erreichen und ihm zu sagen, dass man trotz allem nicht allein ist.“, sagte Elie Wiesel.

Musik ist Sprache. Tanzen ebenso. Und so bleibt die Hoffnung, dass wir alle unsere Sprache wiederfinden werden, um einander zu erreichen und in der Gemeinschaft unsere Wunden zu heilen. Denn aus der Traumaforschung wissen wir, dass sich Traumata so lange wiederholen, bis sie überwunden werden können, wie ein Drehbuch, das nach dem richtigen Ende sucht. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen und der Lehren aus der Geschichte und Gegenwart sollten wir sehr bald ein neues Ende für das autoritäre Drehbuch finden, das immer mehr Raum um uns herum einnimmt – damit wir wieder tanzen können!

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