Unsichere Ruhe vor dem Sturm: Die Bedrohung aus dem Norden

Die Gefahr eines größeren Konflikts im Nahen Osten, der sich weit über die Grenzen Gazas ausdehnen könnte, wächst kontinuierlich. Ein Krieg zwischen Israel und der Hisbollah wäre jedoch für alle Seiten verheerend.

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Israelische Soldaten patrouillieren die Gegend rund um die grenznahe Siedlung Kfar Blum, nachdem die Hamas hier vermehrte Angriffe angedroht hatte. © JALAA MAREY / AFP / picturedesk.com

Das Hulatal ist die nördlichste Ebene Israels, unweit der libanesischen Grenze. Die zu Obergaliläa gehörende Region ist bekannt als wichtiger Rast- und Ruheort vieler Zugvögel, die das Mittelmeer an dessen Ostufern umfliegen. In diesem Naturschutzgebiet finden die Tiere auf ihrem Weg ungestörte Ruheplätze und ausreichend Nahrung. Doch während die aktuelle Jahreszeit im Norden des Landes viele Sonnentage und angenehme Winde mit sich bringt, fliegen derzeit weniger Kraniche, Störche und Flamingos am Himmel, sondern hauptsächlich Kampfjets und Drohnen zwischen Israel und dem Libanon. Auch ist der Verkehr auf der Nationalstraße 90 in Richtung Kirjat Schmona aufgrund der angespannten Situation nur spärlich. Die Landschaft rund um die nördliche Autobahn ist unter Tarnnetzen verborgen; auf den Straßen, die zu den zahlreichen Kibbuzim führen, und in den Städten fahren Hunderte von Schützenpanzern und weitere Kampffahrzeuge.

Gleich nach dem Angriff der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf Südisrael am 7. Oktober und dem Massaker an den Besuchern eines Tanzfestivals sowie den Bewohnern der Ortschaften unweit des Gazastreifens wurden zehntausende Menschen aus den Grenzgebieten zum Libanon evakuiert. Durch die Bedrohung der radikalislamischen Hisbollah, die schon seit Jahren ähnliche Überfälle und Pogrome auf Israel ankündigt, wurde die gesamte Region von den israelischen Streitkräften (IDF) für unbestimmte Zeit zur Militärzone ausgerufen.

„Fast alle Orte sind zu Geisterstädten geworden“, erzählt Rachel Dayan vom Blooma Café in der Siedlung Kfar Blum, die nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt liegt. „Wir sind geblieben und bewirten die Soldaten, die uns besuchen. Wir sind so etwas wie das letzte Café vor der Front.“ Zusammen mit ihrem Mann Oded betreibt sie ihr Kaffeehaus, das auch als Kunstgalerie dient. Neben den hervorragenden selbstgemachten Backwaren werden Holzarbeiten, Bilder, Lampen, Puppen, Musikinstrumente sowie Schmuck von Kunsthandwerkern aus Galiläa zum Verkauf angeboten; bei Veranstaltungen treten auch Musiker auf. „In diesen schwierigen Zeiten nehmen die IDF-Kämpfer hier so etwas wie eine kurze Auszeit“, erzählt Rachel. „Bei uns bekommen die Gäste nicht nur heißen Kaffee und Frühstück. Wir bieten auch eine nette Atmosphäre, und das kann man nicht verkaufen.“

Zwar ist die Motivation der Soldaten und ihr Wille, den jüdischen Staat zu verteidigen, groß, doch die Grenze zum Libanon ist eine der angespanntesten im Nahen Osten. Seit dem letzten Krieg im Sommer 2006 beobachten sowohl die IDF wie auch die Hisbollah den nächsten Schritt der jeweils anderen. Es kommt zwar zu täglichen Feuergefechten, doch noch reicht es für einen umfassenden Waffengang nicht aus. Israelische Artilleriegeschütze, die dort Stellung bezogen haben, reagieren sofort auf jede Rakete des iranischen Proxy. Eine Eskalation im Norden würde sich rasch zu einem noch tödlicheren regionalen Konflikt ausweiten als der anhaltende militärische Konflikt mit der Hamas.

„Wir wissen genau, auf wen oder was zu feuern ist,
damit die Situation nicht eskaliert.
Und wir legen großen Wert darauf, nur die Positionen
zu treffen, von denen aus wir beschossen wurden.“
Dotan Razili

„Wir haben sehr klare und einfache Kampfregeln“, erklärt Oberstleutnant Dotan Razili, Kommandeur der Heimatfrontabteilung der 300. Regionalbrigade. „Wir wissen genau, auf wen oder was zu feuern ist, damit die Situation nicht eskaliert. Und wir legen großen Wert darauf, nur die Positionen zu treffen, von denen aus wir beschossen wurden.“

Wie die israelische Regierung, so hat auch die Hisbollah kein Interesse an einem großen Konflikt. Deren Angriffe dienen dazu, Jerusalem abzulenken und den Druck auf Gaza zu verringern, aber auch, die Entscheidung, den Krieg auszuweiten, zu untermauern. Doch selbst, wenn beide keinen Waffengang wollen, besteht bei diesem heißen Säbelrasseln das große Risiko einer Fehleinschätzung oder Fehlinterpretation. „Natürlich gibt es diese Gefahr“, erläutert Razili unter starkem Artilleriebeschuss. „Die falsche Sprache oder Rhetorik kann schon entscheidend sein. Aber auch wenn ein hochrangiges Hisbollah-Mitglied bei unserer Antwort getötet wird, kann die Situation aus den Fugen geraten.“

Laut IDF-Kommandeur ist seit dem 7. Oktober auch im Norden jeder Tag ein Tag des Kampfes. Die Situation in den israelischen Verteidigungslinien ist extrem angespannt; nur ein falsches Wimpernzucken könnte sich im Handumdrehen in einen kriegerischen Hurrikan verwandeln. „Die Hauptfront liegt momentan noch im Süden“, weiß Razili. „Ein weiterer Krieg im Libanon wäre ein ganz anderes Level. Sollte er ausbrechen, wird es nicht nur dort die Uhren dort um Jahrzehnte zurückdrehen, sondern wahrscheinlich auch dem Leben in Galiläa neue Grenzen setzen.“

Wie lange die unruhige Pattsituation andauern kann, ist unklar. Der Austausch von Panzerabwehrraketen, Mörsern, Luftangriffen und Maschinengewehrfeuer hat bereits ein Ausmaß erreicht, das zu anderen Zeiten vermutlich eine viel heftigere Reaktion auf beiden Seiten ausgelöst hätte. Die Region, in der die Berge des Zedernstaates zu sehen sind und sich auch der Hermon-Gipfel, das Auge Israels, über die Golanhöhen erstreckt und im Winter normalerweise viele einheimische Touristen anzieht, ist vollgepackt mit militärischer Ausrüstung in fast unvorstellbaren Mengen sowie unzähligen Soldaten verschiedener Einheiten.

„Die Region florierte, und der Wohlstand nahm zu“, erzählt Giora Salz aus Kirjat Schmona nahe der libanesischen Grenze und Leiter des Regionalrats von Obergaliläa. „Viele Kibbuzim expandierten zuletzt. Die Nachfrage war größer als das Angebot. Zahlreiche Familien aus Großstädten zogen hierher. Der zionistische Traum lebt.“ Mit weiteren verbliebenen Arbeitskollegen beaufsichtigt er bewaffnet in einem Kommandoraum die von der Armee erlaubte Gegend, in der Bauern tagsüber ihre Ernte bearbeiten. In seinen über 40 Jahren in Kirjat Schmona hat er schon viele Kriege und Terroranschläge erlebt, und obwohl er wie zahlreiche seiner Mitbürger vor einer unsicheren Zukunft stehen, kommt ein Wegziehen für ihn nicht infrage.

„Nach dem Pogrom vom 7. Oktober kann niemand den Bewohnern hier versichern, dass ihnen nicht das Gleiche passieren wird“, erklärt Salz. „Es gibt einige Kibbuzim, deren Zaun die Grenze des Staates Israel bildet. Wie werden die Menschen dort wieder leben können, wenn sie die Hisbollah vor ihrer Nase haben? Durch die brutalen Anschläge der Hamas haben die meisten Israelis auch kaum noch Vertrauen in die israelische Führung.“

Überhaupt sind viele Ortschaften verärgert über die aktuelle Politik des Landes. Vor allem die Kibbuzim wurden zuletzt von der rechtsradikalen Regierung des Öfteren als „Landdiebe“ diffamiert. Sie aber sehen sich als Pioniere, als echte Zionisten, die in der Grenzregion zum Gazastreifen, im Jordantal, auf den Golanhöhen sowie entlang der libanesischen Grenze leben und einen Pflug in der rechten Hand halten und eine Waffe in der linken.

„Premierminister Benjamin Netanjahu und seine Regierung haben dieses Desaster hauptsächlich zu verantworten“, ist Rachel Dayan überzeugt. „Zusammen mit weiteren Vorgesetzten aus dem Sicherheitsapparat müssen sie ihren Hut nehmen. Die wahren Helden sind die Bürger und Soldaten Israels.“

Tatsächlich gibt es eine große Solidarität unter den Menschen. Zivilisten organisieren Spendenaktionen, um die IDF-Kämpfer zu versorgen. Und auch in Kfar Blum gibt es Veranstaltungen, um anderen zu helfen, und das, obwohl die Bewohner der Nordgrenze Israels selbst nicht wissen, was mit ihren Häusern geschehen wird. „Wird der Feind besiegt werden?“, fragt Dayan, „und werden wir je wieder in ein ganz normales Leben zurückfinden, oder müssen wir uns ein neues Zuhause suchen? Wir sind nicht bereit, die zweite Option zu akzeptieren, denn es ist eine Frage unserer Existenz.“

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