Ein Purimfest wie keines je zuvor

Sollte man feiern oder nicht? Und wenn ja, wie sollten, wie konnten die diesjährigen AdeloyadaPurimfeierlichkeiten in einem Land aussehen, in dem nichts mehr „normal“ ist.

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Familienangehörige von immer noch gefangenen Israelis marschierten am 25. März durch Jerusalem, wo die Purimparade trotz allem abgehalten wurde (unten.). © Flash 90

Es gab kleine Piratinnen und Piraten, Harry Potter-Protagonisten, Blumenköniginnen und Astronauten. Aber auffallend viele Kinder hatten sich dieses Jahr als Polizisten und Soldaten verkleidet. Die klassischen Superhelden waren out. Kein Purim wie sonst.

Wer eine Erinnerung brauchte, dass nichts normal ist, konnte die Raketen zählen, die an diesem Tag von der Hisbollah auf den Norden des Landes abgefeuert wurden und – nach einer Pause von mehreren Wochen – von der Hamas in Gaza auf den Süden des Landes.

Fast ein halbes Jahr herrscht nun schon Krieg. Die Verhandlungen in Katar über die Freilassung der israelischen Geiseln schleppen sich weiter dahin. Die Nerven liegen blank. Nicht nur die Nerven der Angehörigen von Verschleppten und von Soldaten. Ob das Purimfest dieses Mal überhaupt gefeiert werden sollte, stand zur Debatte. Und auch unter denen, die das bejahten – im Namen der Aufrechterhaltung von Normalität soweit wie möglich –, stellte sich die Fragen nach dem wie. Dass im Kindergarten und in der Schule gefeiert werden sollte, stand außer Frage, wenn es auch die klare Ansage gab, nicht mit furchterregenden Kostümen zu erscheinen. Das könne Angst mache, und gerade das brauche man zurzeit nicht. In einer Tel Aviver Grundschule gab es genaue Anweisung für die Eltern. Sie sollten alles vermeiden, was erschreckt, ebenso Gegenstände, die aus einer Schachtel springen.

Bis zum Unabhängigkeitstag im Mai ist es noch eine Weile hin. Fest steht allerdings schon jetzt, dass es diesmal kein traditionelles Feuerwerk geben wird.

Ein besonderes Augenmerk galt dem Einfluss von Halloween, der sich seit einiger Zeit auch in Israel immer mehr bemerkbar machte. Zu den verbotenen Kostümen zählte „alles, was Blut oder Wunden darstellt, Monster, Masken, die das Gesicht verdecken, Geister, Dämonen, Skelette und Totenschädel“. Hexenkostüme, die es inzwischen auch hier gibt, waren okay.

Vielerorts wurde die Purimparade annulliert. Auch Holon verzichtete dieses Mal auf die berühmte Adeloyada. Normalerweise reisen dazu tausende Israelis aus dem ganzen Land an, sie stehen dann eng gedrängt am Straßenrand, um einen Blick auf die bunt dekorierten Wägen, die Akrobaten, Tänzerinnen und Schauspieltruppen zu erhaschen.

© Flash 90

Die Stadtverwaltung entschied sich stattdessen für kleinere Veranstaltungen in verschiedenen Gemeindezentren, ähnlich hielten es Tel Aviv und Herzlia. In Javne forderten Plakate und Zeitungsanzeigen Eltern auf, keine knallenden Spielzeuge zu kaufen. Der Lärm könnte erneut Traumata auslösen – bei der Bevölkerung und den Soldaten, die aus Gaza zurück sind, „manche verwundet und in Rehabilitation“. Alle Bewohner wurden deshalb auch gebeten, keinerlei Feuerwerkskörper einzusetzen.

Jerusalem ging einen umgekehrten Weg. Dort fand zum ersten Mal seit 1982 wieder eine Adeloyada statt. Dass dieses Ereignis nach so vielen Jahren wieder stattfinden sollte, war schon vor dem 7. Oktober beschlossen worden. Das sei aber noch kein Grund, sich unverrückbar daran zu halten, fanden nicht wenige, darunter vor allem Angehörige von Geiseln. Sie hatten den Bürgermeister in einer Petition dazu angehalten, die Parade zu annullieren. Sich dafür zu entscheiden, hieß es, wäre ein „Mangel an Empfindsamkeit und Solidarität“. In Absprache mit ihren Bürgern und auch vielen Evakuierten, die weiterhin in Jerusalemer Hotels ausharren und auch an den Paradewägen mitgearbeitet hatten, zog die Stadtverwaltung die Veranstaltung dann aber trotzdem durch.

Am Ende kamen nur ein paar Tausend Schaulustige zur Parade. Weitaus weniger als die Zehntausenden, die erwartet worden waren. Die Veranstalter hatten versucht, sich anzupassen.

Wer eine Erinnerung brauchte, dass nichts
normal ist, konnte die Raketen zählen, die
an diesem Tag von der Hisbollah auf den
Norden des Landes abgefeuert wurden.

Angehörige von Geiseln und Vermissten liefen an der Spitze mit, andere organisierten eine kleine Protestaktion in der Nähe der Route. Zu ihnen gehörte Nir Argov. Es sei unmöglich, jetzt fröhlich zu sein, sagte er, eine gesamte Nation befinde sich im Trauma. Die Kinder sollen ruhig feiern dürfen, aber es sei nicht angebracht, jetzt auf der Straße zu tanzen.

Wenige Tage vor Purim hatten Angehörige von Geiseln in der Knesset Mishloach Manot zu verteilen versucht: Teller mit einer Viertelpita und drei Oliven, in durchsichtige Folie verpackt. Es sollte der Tagesration entsprechen, die die 134 Geiseln in Gaza bekommen, sofern sie noch am Leben sind. Keiner der Abgeordneten wollte die „Purimgabe“ annehmen. Jedenfalls nicht vor laufender Kamera.

Nichts ist also normal. Womöglich aber hatten in diesem Jahr ohnehin manche ihr Kostüm nicht rechtzeitig bekommen. Denn wer es günstig bei AliExpress in China bestellte, musste länger als sonst auf die Ware warten. Was sich auf dem Weg abspielen könnte, zeigte eine Szene in der Satiresendung Eretz Nehederet. Dort sieht man, wie die Houtis ein Frachtschiff kapern und sich keinen Reim auf die Ware machen können. Sie probieren alles an, was sie in den Kisten finden, bis eine resolute Israelin in Uniform auftaucht und das Kommando übernimmt.

Bis zum Unabhängigkeitstag im Mai ist es noch eine Weile hin. Fest steht allerdings schon jetzt, dass es diesmal kein traditionelles Feuerwerk geben wird. Das hat die verantwortliche Ministerin schon angekündigt. Damit aber hat schon die nächste Debatte begonnen – wie in diesem Jahr der 76. Geburtstag des Staates Israel „gefeiert“ werden soll.

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