Jüdischer Ungar oder ungarischer Jude

Zum Tod des Schriftstellers György Konrád

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Einen doppelten Whiskey bestellte sich der freundliche alte Herr im Café, und dann begann er zu reden, in diesem einzigartigen ungarisch-altösterreichischen Deutsch, das nach dem Tod von Imre Kertész und Ágnes Heller mit ihm nun wohl endgültig verschwinden wird.
Sein Buch Über Juden war 2012 der Anlass unseres Gesprächs gewesen, ein Thema, das György Konrád lebenslang begleitete. Geboren 1933 kurz nach Hitlers Machtergreifung als Sohn eines Eisenwarenhändlers, flüchtete der Elfjährige allein mit seiner Schwester aus Berettyóújfalu zu Verwandten nach Budapest. Tags darauf wurden alle Juden des Ortes nach Auschwitz deportiert. Seine Eltern waren bereits davor zur Zwangsarbeit weggeführt worden und überlebten. Im Roman Glück beschreibt er diese trotz des vergleichsweise gütigen Schicksals doch sehr traumatische Vergangenheit, die ihn nie wirklich glücklich werden ließ.
„Geschichte bedeutet, dass man uns töten kann“, schreibt er im Roman Geisterfest.
Die Zeitumstände machten es dem klugen und kritischen Intellektuellen auch nach dem Krieg nicht gerade leicht. „Mit der Sprache verheiratet“, wie er sagte, mochte er Ungarn nicht verlassen und erduldete als Dissident zuerst den Kommunismus und als Regimekritiker in den letzten Jahren auch noch die Orbánisierung seiner Heimat. Lange in Ungarn mit Publikationsverbot belegt, reüssierte er jedoch als Autor in Deutschland und wurde in Berlin sogar zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt.

»Geschichte bedeutet, dass man uns töten kann.«
György Konrád

Doppelte Identität. „Ich bin ein jüdischer Ungar oder ein ungarischer Jude, und es gibt natürlich Perioden oder Stimmungen, wo das wechselt.“ Seine so definierte doppelte Identität, die an sich schon ein sehr jüdisches Symptom zu sein scheint, wird auch für seine Romane, größtenteils autobiografische Erinnerungsliteratur, fruchtbar. Darüber hinaus umkreisen seine scharfsichtigen Essays unter anderem politische Fragen, Standortbestimmungen als Zeitgenosse und Citoyen, seine Existenz als Schreibender und sein Verhältnis als Diaspora-Jude zu Israel, ein Problem, das er gesprächsweise druckreif erklärte:

György Konrád: Gästebuch. Nachsinnen über die Freiheit. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Suhrkamp,
288 S., € 23,80

„Es gibt drei Strategien für die Juden in der Welt. Eine ist die orthodoxe Gemeinde, die zweite ist Israel, also Religion oder Nationalismus, die dritte Möglichkeit, die ich lebe, ist der weltliche säkulare Individualismus innerhalb des europäischen Humanismus, in dem wir unsere verschiedenen Identitäten akzeptieren und sie nicht verstecken. In Israel hätte ich vielleicht ein Problem mit meiner europäischen Identität. Ich bin kein Kandidat für irgendwelche Nationalismen.“
Fünf Kinder aus zwei Ehen und mehrere Enkelkinder sieht er heranwachsen, macht sich Sorgen um ihre Zukunft, wie Väter und Großväter es eben tun, und zieht sich, obwohl als urbaner Kosmopolit eher in Budapest zu Hause, immer mehr in die Idylle seines geräumigen Landhauses in Hegymagas zurück, „den Lehren und Religionen entglitten“, wie er im Gästebuch schreibt, einem altersweisen Kompendium von fabulierend-reflektierenden Texten, Aphorismen, Gedanken über die Freiheit und über Gott und die Welt im wörtlichen und weiteren Sinn. Es ist ein wunderbar leichtes und tiefsinniges Buch, in dem man sich gerne verliert. Darin zog der damals 80-Jährige als „jüdisch gottgläubiger Heide“ eine letztlich positive Bilanz: „Tagtäglich empfinde ich mein Leben als abgeschlossen. Schlecht war es nicht.“
Am 13. September ist György Konrád nach langer Krankheit 86-jährig in Budapest gestorben.

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