„Wir Juden geraten unter die Räder“

Beim Interview-Termin mit WINA gibt sich Jonathan Kalmanovich, besser bekannt als Ben Salomo, kämpferisch. Es ist Zeit, sich zu wehren, meint der in Berlin lebende „Israeli mit Integrationshintergrund“, so seine Selbstbezeichnung. Als Rapper und Veranstalter wurde Ben Salomo bekannt, 2019 veröffentlichte der 44-Jährige seine Autobiografie, in der er sich unter anderem mit dem Antisemitismus im Deutsch-Rap auseinandersetzt. Doch Antisemitismus ist ein Übel, das sich nicht nur im Deutsch-Rap in den vergangenen Jahren breit machte. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, dem sich Ben Salomo als Aktivist, zum Beispiel mit Vorträgen an Schulen, entgegenstellt. Ein Gespräch über politische Enttäuschungen, verfehlte Bildungspolitik und die Willkür der Mehrheitsgesellschaft.

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© Daniel Shaked

WINA: Im vergangenen Jahr ist die Anzahl antisemitischer Straftaten in Deutschland abermals angestiegen. Was läuft in Deutschland gegenwärtig falsch?
Ben Salomo: Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale. Das gesellschaftliche Klima für Juden in Deutschland wird zusehends schwieriger. Die Corona-Krise hat ganz bestimmte Merkmale von Antisemitismus nach oben gespült – vor allem die verschwörungsideologischen Aspekte, bei denen Juden als die Drahtzieher hinter einer Pandemie ausgemacht werden. Es gab in den vergangenen Jahren unfassbare Tabubrüche, die im Zuge der Corona-Pandemie in breiten Teilen der Gesellschaft zum Ausdruck gebracht wurden. Dazu gehören Demos, bei denen Rechtsradikale gemeinsam mit Esoterikern, die sich Blumen in ihrer Haare flechten und meinen, sie seien für Frieden, marschieren. Das sind Leute, die gleichzeitig Plakate hochhalten, auf denen Bill Gates und die Rothschilds der Versklavung der Menschheit bezichtigt werden. Die Corona-Pandemie wird als absoluter Brandbeschleuniger, was den Antisemitismus anbelangt, in die Geschichte eingehen.

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?
I Nicht nur im Stich gelassen. Die Politik verstärkt in Teilen dieses Problem noch. Wie passt das zusammen, wenn deutsche Außenminister sagen, man müsse den Antisemitismus überall bekämpfen – egal, woher er kommt –, aber dann, wenn sie Europa verlassen, offen antisemitische Regime umschmeicheln und mit denen kuscheln? Man kann nicht gleichzeitig meinen, man sei ein Freund der Juden, möchte Antisemitismus bekämpfen und Israels Sicherheit sei einen wichtig, wenn man hinter den Kulissen mit Antisemiten zusammenarbeitet. Zudem ist Deutschland bei den Vereinten Nationen immer mit von der Partie, wenn es um das einseitige Israel-Bashing geht. Das schürt natürlich den israelbezogenen Antisemitismus in der Gesellschaft. Bei solchen Freunden frag ich mich, braucht man da noch Feinde? Ich glaube, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit vielen dieser Vorgänge nicht einverstanden ist. Aber es gibt zu wenig Widerstand dem gegenüber.

„Das wäre so, als würde man Indianern Kolonialisierung
vorwerfen, wenn sie
im Bundesstaat Indiana ein Tipi aufbauen. Es ist
eine Dekolonialisierung,
dass es Israel gibt.“
Ben Salomo

Bei ihrem letzten Israel-Besuch bezeichnete Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel die Sicherheit Israels als Teil der deutschen Staatsräson.
I Das ist mehr als heuchlerisch, wenn man bedenkt, dass Deutschland durch sehr intransparente Kanäle Organisationen in der Region um Israel und in den palästinensischen Gebieten finanziert; Organisationen, die Israels Sicherheit mehr untergraben als stabilisieren. Das Thema betrifft gerade auch das linke politische Spektrum. In Teilen der Linken gibt es eine sehr seltsame Vorstellung dessen, was Israel ist. Israel etwa als Kolonialstaat zu bezeichnen, ist komplett hirnrissig. Schließlich stammen Juden aus dem Nahen Osten, das Gebiet hieß eben einmal Judäa. Das wäre so, als würde man Indianern Kolonialisierung vorwerfen wenn sie im Bundesstaat Indiana ein Tipi aufbauen. Es ist eine Dekolonialisierung, dass es Israel gibt.

In der SPD ist die Haltung zu Israel im Nahostkonflikt ein kontrovers diskutiertes Thema.
I Ich könnte die SPD anhand ihrer Entwicklungen in den vergangenen Jahren niemals wählen. Ich erinnere an die ehemalige Parteivorsitzende Andrea Nahles, die 2012 sagte, dass die SPD und die Fatah gemeinsame politische Werte und strategische Ziele verbinden. Also Demokratie kann dieser politische Wert schon einmal nicht sein, und was die strategischen Ziele anbelangt – auf dem Logo der Fatah wird Israel eliminiert. Die JuSos haben Nahles Aussage vor Kurzem sogar wiederholt und die Fatah zur Schwesterorganisation erklärt. Der ehemalige Vizekanzler Sigmar Gabriel hat einst in Hebron Israel als Apartheidsregime bezeichnet – und dabei nicht erwähnt, dass 97 Prozent von Hebron Juden nicht betreten dürfen. Das sind Halbwahrheiten, die herausposaunt werden. Und dann gibt es Außenminister Heiko Maas, der behauptet, dass er wegen Auschwitz in die Politik gegangen sei – gleichzeitig aber kein bisschen abrückt vom Israel-Bashing in den Vereinten Nationen. Dass es einen Shift der jüdischen Bevölkerung weg von den Sozialdemokratien und was links davon ist hin zu den Liberalen oder sogar zur CDU gibt, kann ich daher gut nachvollziehen.

Hat der Kampf gegen Antisemitismus die modernen Mechanismen verschlafen?
I Unsere eigenen Organisationen haben verschlafen, den Nachwuchs politisch zu schulen und aufzuklären. Alles, was ich über diese Region weiß, musste ich mir selbst erarbeiten. Ich habe in keinem jüdischen Jugendzentrum die Geschichte Israels oder die jüdische Geschichte ausreichend gelernt – also dass wir im Ursprung eine orientalische Kultur sind, die durch Vertreibung und Verschleppung in der Diaspora landete. Dieses Unwissen schwächt uns nach innen. Deswegen haben wir so viele antizionistische Juden, die mit Selbsthass herumlaufen, weil sie gar nicht ihre eigene Geschichte kennen. Gleichzeitig ist es in Deutschland ein wunderbares Geschäftsmodell, „israelkritisch“ zu sein. Wir Juden sind weltweit gesehen als Bevölkerung so wenige, wenn wir es nicht schaffen, Verbündete an unsere Seite zu holen, die diesem Geschichtsrevisionismus widersprechen, dann haben wir einen ganz, ganz schweren Stand. Aber wie sollen sie das tun, wenn wir in unseren eigenen Kreisen diesen Geschichtsrevisionismus zugelassen haben? Wir müssen jetzt eine Generation aufbauen von jüdischen Leuten, die die Historie kennt, die begreift, dass Zionismus unser Selbstbestimmungsrecht ist – und dass wir Zionisten es sind, die diesen Begriff definieren. Genau wie Frauen Feminismus definieren und eben nicht Antifeministen. So gehört der Begriff wieder zurück in unsere Hand.

„Wir müssen laut sein, wir müssen unsere Rechte einfordern. Auch wenn wir wenige sind.“

Fehlt der deutschen Gesellschaft eine Null-Toleranz- Politik, was Antisemitismus anbelangt?
I
Es reicht in Deutschland heutzutage aus, Juden mit Zionisten auszutauschen und sich dann zu entschuldigen. Die, die nicht davon betroffen sind, sind damit zufrieden und arbeiten mit diesen Leute problemlos weiter. Dem Islamismus und dem muslimischen Antisemitismus wird größtmögliche Toleranz entgegengebracht. Angenommen, irgendein TV-Moderator wäre bei den Corona-Leugnern mitgelaufen, hätte ihm das jemand verziehen? Das glaube ich nicht. Aber etwa bei den Al-Kuds-Demos mitzulaufen, wo teilweise Schals von Terrororganisationen getragen oder Fahnen von Terrororganisationen geschwungen werden, ist kein großes Problem. Bei den Corona-Demos oder Demos von Rechten würde man niemals diese Toleranz zeigen. Vollkommen zu Recht. Wenn es um diese Form des Antisemitismus geht, passiert es. Aber was erwarten wir denn? Wir sehen es von unseren Politikern genauso. Es gibt keine wirkliche Abgrenzung vom Antisemitismus. Wir Juden geraten unter die Räder.

Wie kann man sich als Community dagegen wehren?
I Die Mentalität der Juden in der Diaspora zeigt sich in der russischen Aussage „Jude schweig, und du wirst weiterleben“. Die Mentalität, die uns jahrhundertelang in der Diaspora das Überleben gebracht hat, ist heute eine Mentalität, die uns wieder zum Verlust der Selbstbestimmung bringt. Wir müssen heute genau das Gegenteil tun. Wir müssen laut sein, wir müssen unsere Rechte einfordern. Auch wenn wir wenige sind. Wobei ich glaube, dass wir viele Verbündete haben, aber wir müssen diese Verbündete empowern. Das bedeutet, wir müssen selbst empowern, wir müssen cool werden. Unsere Selbstbestimmung, die wir zu verteidigen haben, muss als etwas Cooles, etwas Gutes verstanden werden.

Sie halten Vorträge an Schulen zu Antisemitismus. Wenn Sie mit Schüler:innen arbeiten: Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Inhalte ankommen?
I Ich würde sagen: ja. Sicherlich nicht bei allen. Es gibt immer wieder Leute, die von zuhause aus eine sehr starke antisemitische Prägung haben. Aber bei den meisten glaube ich schon, dass es wirkt. Die Frage ist, wie nachhaltig das ist. Wenn ich da war, ist es vielleicht zwei Wochen im Kopf. Danach passiert aber in Israel irgendetwas, irgendwelche Bilder kursieren in den sozialen Netzwerken, irgendwelche Fakes, und dann ist das wieder vergessen. Gleichzeitig gibt es sehr erfolgreiche und reichweitenstarke Propagandakanäle wie Islam-Fakten, Generation Islam oder TRT Deutsch, die auf die Jugendlichen einwirken.

Braucht es an Schulen ein Fach wie Medienkompetenz, damit Jugendliche solche Propagandakanäle einordnen können?
I Sicherlich. Es gibt so viele erwachsene Personen, die vor drei Jahren noch vernünftig waren, aber seit der Corona-Pandemie sehr skurrile Theorien verbreiten, die durch Social Media genährt wurden. Was erwarten wir dann von Schüler:innen? In Deutschland ist es auch verabsäumt worden, die Verstrickung von Nationalsozialismus mit der arabischen Welt aufzuarbeiten. Und ich zeige das denen bei meinen Vorträgen. Das erfahren die Jugendlichen zum ersten Mal – und teilweise die Lehrer auch. Die Geschichtsvermittlung in Deutschland, die Leute, die hier Ministerien aufgebaut haben, Bildungsministerium, Außenministerium und so weiter, das waren ja keine lupenreine Demokraten. Dementsprechend haben sich da bestimmte Traditionen oder unliebsame Wahrheiten, die man lieber unter dem Teppich kehrt, erhalten. Deswegen sage ich immer, wenn behauptet wird, der Antisemitismus in Europa sei ein importierter: nein. Es ist ein recycelter Antisemitismus! Es ist schön, wenn man Dinge wie Dosen oder Papier recycelt. Aber Antisemitismus sollte nicht recycelt werden.

Man könnte auch sagen, dass die deutsche Bildungspolitik versagt hat, wenn vier von zehn Schüler:innen ab 14 nichts mit dem Begriff „Auschwitz“ anfangen können.
I Auschwitz sowieso, aber was den Schüler:innen auch nicht vermittelt wird, ist der Mechanismus, der zum Holocaust führte. Theodor Adorno sagte schon in den Fünfzigerjahren, Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden. Dass die Juden alle reich sind, ist ein Gerücht. Dass die Juden Brunnen vergiftet haben, ist ein Gerücht. Das kann man nicht belegen, beweisen, da gibt es keine Fakten. Das sind Gerüchte. Wenn den Leute nicht beigebracht wird, dass es mit Gerüchten beginnt, dann hat man das Fundament nie gelernt.

Wenn wir diese Macht der Gerüchte als Ausgang nehmen: Wie fällt Ihr Ausblick für die Zukunft aus?
I Sehr, sehr düster. Aber das Schlimme ist, dass man uns in Israel auch nicht in Ruhe lässt. Ein Freund von mir, der Alija gemacht hat, sagte: In Deutschland sind wir wie kleine Mäuschen, die Angst haben müssen, dass uns ein Geier oder eine Katze den Kopf abreißt. In Israel sind wir freilaufende Löwen, die aufpassen müssen, dass nicht manchmal ein Wilderer kommt und uns abknallt, aber in Israel sind wir wenigstens frei. Oder, wie meine Tante über Israel gesagt hat: „Wir leben hier auf einem Vulkan, aber es ist unsere Sache, ob wir gute Seismografen haben, die uns davor warnen, wann er ausbricht und wie wir uns davor schützen.“ Hier sind wir auf die Mehrheitsgesellschaft angewiesen, und das bedeutet auch, der Willkür ausgeliefert zu sein – auch heute wieder.

 


 

BEN SALOMO,
geboren als Jonathan Kalmanovich 1977 in Rechovot, Israel, gehört zu den außergewöhnlichsten Vertretern des Deutsch- Rap: er verarbeitet seine jüdische Identität offensiv in seinen Texten und ist damit eine Ausnahme in der deutschen Hip-Hop-Szene, die immer wieder durch rassistische, homophobe und frauenverachtende Aussagen auffällt. Mit seinem klaren Bekenntnis zum Judentum und Israel tritt Ben Salomo nicht nur antisemitischen Tendenzen im Deutsch- Rap entgegen, sondern macht auch auf den wachsenden Antisemitismus in der Gesellschaft aufmerksam. Ein Skandal um antisemitische Texte von Rapper- Kollegen bei der Echo-Preis-Verleihung 2018 bewegte ihn zum Ausstieg aus der Hip-Hop-Szene: „Hier gehöre ich nicht mehr hin. Deutsch-Rap ist genauso antisemitisch wie Rechtsrock“, wie er seinen Ausstieg damals begründete. 2019 erschien seine Autobiografie Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens. Für seinen Einsatz für den Frieden und gegen Rassismus erhielt Salomo unter anderem 2019 das Robert-Goldmann- Stipendium und 2020 den ersten Internationalen Pforzheimer Friedenspreis. Salomo rappte im Herbst 2021 beim prominent besetzten Großkonzert Von Generation zu Generation im Arkadenhof des Wiener Rathauses.

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