„Wir wollen die Menschen überzeugen, die uns hassen“

„Dieser Krieg ist ein Game Changer, was die Welt der Medien betrifft“, stellte Frank Melloul bei der WIZO-Gala im Wiener Rathaus fest. Eingeladen wurde der Gründer und Chef des israelischen Nachrichtenkanals i24News bereits vor der Terrorattacke auf Israel. Seither ist das Interesse an dem englisch-, französisch- und arabischsprachigen Satellitensender um das Fünffache gestiegen. Tragischerweise erschien daher das Timing für Mellouls Vortrag über die Medienlandschaft im Mittleren Osten geradezu perfekt.

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© Gideon Markowicz

WINA: Sehr bald nach dem 7. Oktober war nicht nur Medienleuten wie Ihnen klar, dass dieser Krieg auch eine PR-Schlacht, ein Kampf der Kommunikation und der Bilder werden würde. Wie konnte Israel diesen Kampf weltweit so schnell verlieren?
I Frank Melloul: Weil auf der Welt nicht allen bewusst war, dass dies nicht nur ein Konflikt zwischen Israel und der Hamas ist, sondern ein existentieller Krieg, ein Krieg gegen die Zivilisation. Es geht um Humanität gegen Unmenschlichkeit. In den ersten 72 Stunden waren die Medien pro Israel, denn die große Überschrift lautete: Israel gegen Terror. Aber als Israel danach den Krieg und den Plan, die Hamas zu zerstören, verkündete, änderte sich die Überschrift in: Gaza wird bombardiert. Seither sind die internationalen Medien weltweit auf die Situation in Gaza fokussiert und weniger auf das, was davor geschah. Es ist nur eine Frage, wie Geschichten erzählt werden.

Glauben Sie nicht, dass Israel sich generell zu wenig um die Weltmeinung kümmert, den Propaganda-Krieg verliert Israel ja so gut wie immer.
I Erstens gibt es viele arabische Länder, die Propaganda für die arabische Sache machen können, und es gibt nur einen Staat Israel, der seine eigene proisraelische Propaganda machen kann. Wir sehen zwar, dass die IDF sehr proaktiv mit mehrsprachigen Sprechern auch in den Social Media ist, aber Menschen, die Israel nicht mögen, werden sagen, das ist das Militär und daher Propaganda und nicht die Realität. Das Problem jetzt ist komplexer, weil wie wir entdeckt haben, dass es Korrespondenten großer Networks innerhalb Gazas gab, die Teil der Terrorattacke vom 7. Oktober waren. Wie siegt man also im Kampf der Kommunikation, wenn man weiß, dass Mainstream-Medien nicht Journalisten in Gaza, sondern militante Kräfte der Hamas oder des Djihad heranziehen.

„Das Ziel von i24 ist es, der Sender aller Narrative zu sein.“

 

Als Sie den Sender i24 vor zehn Jahren starteten, sollte er für das arabische Publikum auch so etwas wie ein zweites Al Jazeera sein. Wie hat der Krieg dieses Konzept beeinflusst?
I Wir wollten kein zweites, sondern vielmehr die Alternative zu Al Jazeera sein, denn wir stellten fest, dass die meisten Journalisten weltweit reflexhaft Al Jazeera öffnen und copy and paste machen, wenn etwas im Nahen Osten passiert. Eine der größten Errungenschaften von i24 nach zehn Jahren ist es, mittlerweile diese alternative Informationsquelle zu sein, nicht für die Juden und die proisraelisch Gesinnten in der Welt, sondern für die Araber selbst. Und die Tatsache, dass i24 von den arabischen Ländern als Plattform für die Abraham Accords gewählt wurde, bestätigt diesen Erfolg. Denn nun konsumiert man dort nicht mehr nur Al Jazeera, sondern auch i24. Und gerade jetzt beobachten wir, dass auch Menschen, die Israel nicht mögen, i24 nützen, weil es ein globales Bild bietet. Man kann natürlich auf unserem arabischen Sender Leute aus Gaza hören, aber genauso Menschen aus Gaza, die etwa mit ehemaligen israelischen Offizieren diskutieren, das ist einzigartig, denn es bietet Informationen sowohl von palästinensischer wie auch von israelischer Seite.

Frank Melloul „Ausgeglichen zu berichten heißt, die Wahrheit über Israel zu erzählen.“ © Yuri Skvirski

Wie gestaltet sich jetzt das Verhältnis zu ihren arabischen Mitarbeitern innerhalb der Redaktionen von i24?
I Ich muss gestehen, das ist zur Zeit nicht leicht. Nicht weil da Juden und Muslime einander bekämpfen, das ist überhaupt nicht der Fall. Das Problem ist, dass unsere Journalisten des arabischen Kanals Drohungen erhalten, von Ramallah, von der Hamas. Manche haben daher aufgegeben, manche sind nach Gesprächen mit uns trotzdem geblieben, aber wir müssen jetzt mit verschiedenen Emotionen umgehen. Einige haben vielleicht Freunde in der israelischen Armee, die in Gaza ihr Leben riskieren, andererseits vielleicht Familie in Gaza, die von Israel bombardiert wird oder von der Hamas, die die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilder benützt.

Es ist also eine Konflikt der Loyalitäten?
I Teilweise, aber wir fokussieren uns auf unsere journalistische Arbeit, um den Nachrichten gegenüber loyal zu sein. Wenn man jedoch die professionelle journalistische Ebene verlässt und auf die persönliche wechselt, kann das Leben ein Albtraum werden. Für einige ist es gar nicht leicht, denn ihre Familien sind Israel gegenüber feindlich, aber sie sagen, okay, hier haben wir die Möglichkeit, über alles zu sprechen und ein globales Bild zu zeigen, was uns kein anderes arabisches Medium bietet.

Wie Sie gesagt haben, richtet sich der Sender nicht primär an ein jüdisches Publikum, aber gerade jetzt informieren sich viele Juden außerhalb Israels vermehrt mit i24.
I Natürlich brauchen wir die Juden der Diaspora zur Unterstützung Israels. Aber wir haben i24 nicht gegründet, um die Überzeugten zu überzeugen. Wir versuchen, die Menschen zu überzeugen, die uns hassen. Und durch den Krieg sind auch die Zuseherquoten dieser Leute enorm gestiegen. Wir selbst konsumieren Al Jazeera aus Neugierde, und die schauen i24 aus Neugierde. Aber mich freut, dass viele dabei bleiben, denn sie sehen, dass hier ganz andere Geschichten als bei Al Jazeera erzählt werden.

Also ist es im Wesentlichen ein Kampf der Narrative?
I Genau. Die meisten unserer Mitbewerber haben ein einziges Narrativ. Unser Ziel bei i24 ist es, der Sender aller Narrative zu sein.

Sie haben sich entschlossen, Videos der Massaker unzensuriert zu zeigen und auch die Gesichter der Opfer nicht zu pixeln.
I Ja, aber natürlich nur mit Einwilligung der betroffenen Familien. Doch die meisten Familien sagen jetzt, wir wollen diese Bilder der Welt zeigen. Unsere Entscheidung war, die Realität des 7. Oktobers zu zeigen, die Videos zu senden und eine Plattform zu bieten. Überlebende kommen zu uns und wollen eine Plattform für ihre Zeugenschaft. Wir wollen der Welt zeigen, was geschehen ist.

Haben Sie eigene embedded journalists im Kampfgebiet?
I Wir haben keine Korrespondenten in Gaza, aber Menschen, die dort mit uns sprechen. Kürzlich hatten wir allerdings einen embedded journalist dort, der als einer der Ersten den humanitären Korridor der nach Süden Flüchtenden gefilmt und gezeigt hat, dass dieser Korridor von der israelischen Armee und nicht von der Hamas geschützt wird. Auf Grund unserer mehrsprachigen Redaktionen haben wir Zugang zu verschiedenen Quellen und sind auf den unterschiedlichsten Whats App-Gruppen, von der israelischen Armee, dem Shin Bet, Shabak bis zu Hamas und Hisbollah. Wir müssen diese Quellen natürlich double checken.

Wie schätzen Sie als Europäer den Anstieg des Antisemitismus weltweit ein?
I Das ist eine Realität, zum Beispiel in Frankreich. Ich glaube aber, die Menschen sind nicht antisemitischer geworden, wir haben aber einen viel radikaleren Islam und extremere Linksaußenbewegungen, die in der muslimischen Community gegen die Juden zündeln. Wenn man nicht einsieht, dass dies ein existentieller Krieg ist, verleugnet man, was auch in deinem Land in der Zukunft passieren kann, denn es wird passieren. Wenn die Anführer der Welt jetzt nicht handeln und Israel unterstützen, schwächen sie ihre Länder und geben dem radikalen Islam mehr Raum.

Sie haben Ihren Sender als den „Iron Dome of Communication“ bezeichnet. Was genau meinen Sie damit?
I Das heißt, wenn man Raketen von allen Medien kommen sieht, versucht i24 dagegenzuhalten und die Welt mit der Wahrheit zu konfrontieren. Weil unsere Journalisten nicht ihre Meinungen senden, sondern Fakten. Die Wahrheit kommt aus den Fakten.

Wie ist die Beziehung zur israelischen Regierung? Sie sind ja kein Sprachrohr dieser Regierung.
I Wir haben gute Beziehungen zur Regierung, denn sie anerkennen unsere Arbeit. Sie mischen sich nicht in Inhalte, wir laden Sie zu uns ein.

Könnte man sagen, dass i24 „biased“, also parteiisch pro Israel, pro Jewish berichtet?
I Nein! We are not biased, we are balanced. Wir sind ausgeglichen, weil wir ein globales Bild vermitteln. Aber ich kann Ihnen sagen, ausgeglichen zu berichten, heißt, die Wahrheit über Israel zu erzählen.

 



FRANK MELLOUL
Geboren wurde der 50-jährige Medienmacher Frank Melloul in der Schweiz. Er studierte in Genf und Paris, bevor er als Diplomat und Kommunikationsberater in der französischen Regierung tätig war. Unter Präsident Sarkozy gründete er den französischen Auslandssender France 24 und wurde vom Telekommunikationsunternehmer Patrick Drahi aufgefordert, als Gegengewicht zur einseitigen Berichterstattung über den Nahen Osten etwas Ähnliches für Israel zu starten. Frank Melloul machte mit seiner Familie Alija und gründete 2013 unter der Leitung von Drahi den internationalen Nachrichtensender i24 News mit Sitz in Jaffa.

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