Editorial

„Es gibt zwei Arten das Leben zu sehen: Entweder man glaubt nicht, dass es Wunder gäbe, oder man glaubt, dass alles ein Wunder sei.“ Albert Einstein

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Anfang November erinnerten wir uns zum 83. Mal an die Gräuel, die Österreicherinnen und Österreichern, Jüdinnen und Juden in der Nacht von 9. auf 10. November 1938 angetan wurden. Jedes Zeugnis davon, jede Überlebensgeschichte klingt wie ein Wunder und war auch ein Wunder.
Auch Ende November erinnern wir uns an ein Wunder: an das Wunder von Chanukka. Die Lichter der Chanukkia zeugen vom Triumph des Lichts über die Dunkelheit, der Hoffnung über die Hoffnungslosigkeit. Wenn wir die erste Kerze anzünden und das Chanukka-Fest beginnt, danken wir dafür, dass wir in diesem Moment angekommen sind, so wie wir das bei allen Festen tun, die immer auch ein Wunder markieren.
Ich freue mich jedes Jahr aufs Neue auf die Kerzen, die auf unsere Fensterbrett brennen, und auf jene, die ich in der Nachbarschaft entdecke, und auf die Abende, an denen wir nicht nur viel und gut essen, Freunde und Familie sehen und Geschenke auspacken, sondern auch auf den Brauch, uns an jedem Chanukka-Abend einem anderen Wunder zu widmen, für das wir uns beim Entzünden der Kerzen bedanken.

Dankbarkeit ist wohl ein zentrales Imperativ, um feiern zu können. Und das gilt, denke ich, für unsere spirituellen Ereignisse ebenso wie für unser Leben selbst. Denn eigentlich sind sie auch nicht voneinander zu trennen.
Viel zu oft haben wir unseren Fokus auf den Mangel gerichtet. Den meisten von uns fällt es leichter, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir im Leben bemängeln, die nicht wunschgemäß verlaufen. Wir vergessen dabei so vieles, das wir haben und als selbstverständlich betrachten: unsere Gesundheit, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, den weitgehenden Frieden, der uns umgibt, und so viele andere Dinge.
Und so sind heuer dies meine Favoriten – ohne Anspruch auf Vollständigkeit: besonders (und immer) dankbar bin ich dafür, dass mein Kind mich jeden Morgen mit großen blauen Augen anlächelt. Dass ich mir die Fähigkeit behalten habe, das Gute zu suchen, und dass mein Interesse an der Welt und an den Menschen ungebrochen ist. Dass mich im Beruf wie privat Menschen umgeben, die mir Verständnis, Geduld und Unterstützung entgegenbringen. Dankbar dafür, dass ich bin, obwohl alles versucht wurde, um unsere Familien, unser Volk zu vernichten, und dafür, dass ich damit die Aufgabe geerbt und hoffentlich auch das richtige Sensorium entwickelt habe, gefährliche politische und ideologische Entwicklungen früh genug zu erkennen und zu bekämpfen. Dass ich in einer Tradition aufgewachsen bin, in der wir Chanukka-Kerzen entzünden, um so die Wunder zu feiern, die unser Volk durch die Geschichte erfahren hat. Dass wir die Natur noch so um uns erleben dürfen und dabei auch jeder von uns noch die Möglichkeit hat, et-was gegen ihre völlige Zerstörung zu unternehmen. Dass wir trotz einer weltweiten Pandemie – und der Tatsache, dass dieses „Wir“ nur eine Minderheit der Weltbevölkerung ist – gesund und in Wohlstand leben dürfen.
Und dankbar macht mich auch, dass wir seit zehn Jahren ein Magazin produzieren dürfen, das so vielen ans Herz gewachsen ist und dankbar macht mich auch, dass auch Sie es gerade in der Hand halten.

Und so wünsche ich Ihnen einen November voller Wunder, die Sie in Ruhe und Dankbarkeit erleben mögen.

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