Editorial

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Adolf Ephraim Fischhof kämpfte für jene Freiheit der Presse, die 170 Jahre später wieder „Schmisse“ verpasst bekommt. © Wellcome Collection/wellcomecollection.org

Am 13. März 1848 hielt der junge jüdische Sekundararzt Adolf Ephraim Fischhof eine flammende Rede in der Herrengasse und forderte unter anderem Gleichberechtigung im habsburgischen Vielvölkerstaat und Pressefreiheit. Was folgten, waren noch am selben Tag die ersten Toten der Revolution, später ein gemeinsames Begräbnis der ersten Gefallenen und Rabbiner Isaak Mannheimers berühmte Worte: „Ihr, meine christlichen Brüder, habt gewollt, dass die toten Juden da mit Euch ruhen in einer Erde. Vergönnt nun aber auch denen, die den gleichen Kampf gekämpft und den schwereren, dass sie mit Euch leben auf einer Erde, frei und unbekümmert wie Ihr!” Was damit begann, war der steinige Weg zur Gleichberechtigung, die schließlich im Dezember 1867 mit der neuen Verfassung besiegelt wurde. Alle Völker, so auch Juden, wurden damit auf dem Gebiet des Habsburgerreichs gleichgestellt. Eine Zeit des Aufschwungs, der Euphorie, der Salons, der Kultur, des jüdischen (Groß-)Bürgertums begann. Knapp drei Generationen durften glauben, dass es endlich gut werden würde.

Gleichzeitig kamen Neid, Missgunst und immer stärker werdender Antisemitismus auf. Phänomene, die Karl Lueger, Georg von Schönerer und Carl Hermann Wolf – allesamt radikale Antisemiten – geschickt zu nutzen wussten und weiterbefeuerten. Damit wurden sie unter anderen zu Wegbereitern des 13. März 1938 und seiner bestialischen Folgen: Entrechtung, Enteignung, Verfolgung und der unvorstellbare Massenmord.

Dass „zuerst der Mensch, der Bürger, kommt und dann erst der Jude. Niemandem soll Gelegenheit gegeben werden, uns vorzuwerfen, dass wir immer zuerst an uns selbst denken.”
Rabbiner Isaak Noah Mannheimer

Von der März-Revolution bis zum „Anschluss” vergingen 90 Jahre – einige kurze Kapitel im Geschichtsbuch jedes österreichischen Schülers.

Nun schreiben wir März 2018. Wir leben seit über 70 Jahren in Frieden und immer mehr in Wohlstand. Seit 70 Jahren existiert ein Staat, den Juden aus aller Welt als ihre zweite Heimat, als ihre Fluchtstätte bezeichnen.

Es geht uns gut! Nicht allen. Vielen nicht. Nein, nie wieder wird das Unbegreifliche geschehen!

Und doch: Abgeordnete und Regierungsmitglieder, die in Buden sozialisiert wurden, in denen Schönerers Ungeist noch immer weht, oder die mit antisemitischen Liederbüchern zumindest in Verbindung gebracht werden können, entscheiden nun viel in Österreich. Über soziale Belange, über Bildung, über förderungswürdige (und damit auch „unwürdige”) Kunst und über eine Asylpolitik, die tatsächlich Menschenleben kosten kann. Und sie glauben, darüber entscheiden zu können, wie Journalistinnen und Journalisten zu berichten haben: „Wenn aber die Einzelwünsche in der Presse zusammenfließen, dann werden sie allgemach zum mächtigen unwiderstehlichen Strome der öffentlichen Meinung.”*

Was uns also bleibt: das Gedenken an all die März-Ereignisse. Und die Hoffnung, dass die lieder-lichen Einflüsse auf unsere Gesellschaft bald leiser werden und dann verstummen.

* Aus der Rede Adolf E. Fischhofs am 13. März 1848.

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