Im Mai wurde vieler wichtiger Momente jüdischer Geschichte gedacht. Es waren Erinnerungen an Leiden und an historische Momente des Triumphs, und bald werden wir auch mit Schawuot näher an unsere spirituelle Tradition erinnert: Am 16. Mai 1943 war die Sprengung der Großen Synagoge das Ende des Aufstands im Warschauer Ghetto. Tausende Jüdinnen und Juden wurden während und unmittelbar danach umgebracht – und mit den wenigen Überlebenden zum Symbol jüdischen Widerstands. Bei der Befreiung der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen am 5. Mai 1945 wurden für die wenigen Überlebenden endlich „die Pforten zur Hölle“ geöffnet, wie der Journalist John Berkeley es damals beschrieb. Drei Tage danach kapitulierte Deutschland, und die Hölle des Zweiten Weltkriegs ging zu Ende. Ein Nationalfeiertag an diesem Tag wäre ein glaubwürdiges Zeichen der Vergangenheitsbewältigung, das immer noch auf sich warten lässt.

Der Traum, den das jüdische Volk so lange geträumt hatte, wurde am 14. Mai 1948 zum Staat Israel. In der Unabhängigkeitserklärung, die David Ben-Gurion vorlas und die heute noch als Grundlage des Staatssystems gilt, steht: „Er [der Staat] wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen.“

„Der Frieden der Welt kann nicht ohne kreative Anstrengungen gesichert werden, die den Gefahren entsprechen, die ihn bedrohen“, sagte der französische Außenminister Robert Schuman. Im Mai 1950 präsentierte er den „Schuman-Plan“, der als Gründungsdokument des heutigen Europas gilt. Eines Europas, das immer noch Stabilität, Demokratie und Frieden auf unserem Kontinent garantiert.

Und mit dem Monat Mai sind es sechs lange Monate, in denen mehr als hundert Israelis nach ihrer brutalen Entführung noch immer in Gefangenschaft der Hamas-Terroristen sind und ihre Familien Leid und Angst ertragen müssen.

Der Frieden der Welt wird aktuell von so vielen Seiten bedroht. Wie labil dieses Friedenskonstrukt ist, zeigen nicht nur kriegerische Auseinandersetzungen, sondern auch gesellschaftliche Diskurse zu Israel, zum Antisemitismus, zu Terrororganisationen und vieles mehr, die jenseits bisheriger moralischer Imperative geführt werden. Störaktionen bei Gedenkfeiern in Auschwitz und Mauthausen, die Opfer-Täter-Umkehr in Zusammenhang mit dem brutalen Terroranschlag auf Israel, beschämende Szenen beim Eurovision Song Contest in Malmö, immer aggressivere „Protest“-Aktionen in und vor den Universitäten, Beschmierungen und Attacken gegen Jüdinnen und Juden. Der öffentliche Aufschrei gegen diese Tendenzen ist weltweit eher verhalten, und dieses Schweigen ist eine Unterstützung für das Geschehen. Und das macht nicht nur wütend, sondern auch besorgt. Denn die jüdische Erfahrung hat so oft gezeigt, dass Schweigen und Hinnehmen am Ende zur Hölle werden können und dass verbale Attacken und Tabubrüche immer nur der Anfang waren. Wir hätten alle aus der Geschichte lernen und wachsam bleiben sollen. Doch wir haben es versäumt, den Anfängen zu wehren.

Am kommenden Schawuot wird vor allem die Übergabe der Tora am Berg Sinai gefeiert, dabei soll der Genuss von Cheesecake und Topfenpalatschinken aber auch nicht zu kurz kommen.) Haben die Befreiung aus der Sklaverei und die folgende Flucht aus Ägypten das jüdische Volk zusammengeschweißt. So erhielt es mit der Tora eine Art „Gebrauchsanweisung“ für das Zusammenleben. Sie stellt seither eine allgemeingültige ethische Grundlage dar, bestimmt die jüdische Tradition und vermittelt ein tiefes Verständnis davon, welche Verantwortung wir alle als Individuen und als Gesellschaft für den Umgang miteinander und mit der Welt, in der wir leben, tragen. Die Konzeption von „Tikkun Olam“, der „Heilung der Welt“, ist ein grundlegender Bestandteil dieser Tradition und mahnt unter anderem unseren Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden ein. Dies gilt es zu fördern – aber auch einzufordern.

Ich wünsche uns allen ein Schawuot sameach, viel Hoffnung und Freude und den besten Cheesecake, den man sich wünschen kann.

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