Ein Triumph, hier zu sein

Sie hatten hier die Schule besucht, in Parks gespielt und Familienfeste gefeiert – sie hatten hier gelebt. Bis dann der März 1938 alles verändert hat. Wir haben in Wien Kinder und Enkel zu jenen Häusern begleitet, aus denen ihre Familien nach der nationalsozialistischen Machtergreifung vertrieben wurden.

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Willi Tenner © Ronnie Niedermeyer

Familie Tenner
Margaretenplatz 5
Heute ziert ein Graffito den Eingang, auf dem Platz vor dem Haus plätschert in einem Brunnen das Wasser. Am Margaretenplatz hat Gerda Tenner, geborene Löwenthal, ihre Kindheit verbracht. Hier hatte die Familie nicht nur gewohnt, hier war auch das Geflügeldetailgeschäft beheimatet, das der Vater neben einem Geflügelgroßhandel betrieb. Die Familie konnte sich recht spät, erst Anfang 1939, retten.
Lange hatte der Vater, Karl Löwenthal, der auch ein Mandat im Kultusvorstand inne hatte, gezögert. Er hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und eine Tapferkeitsmedaille erhalten. Vor seiner Verhaftung am 10. November hatte ihn sogar ein Kriegskamerad gewarnt, erzählt sein Enkel, der Kinderpsychiater Willi Tenner. „Aber er hat es nicht geglaubt. Er hat gemeint, er hat ja nichts getan.“
1939 flüchtete die Familie zunächst nach Zagreb, dann weiter nach Subotica, das damals zu Ungarn gehörte und heute in Serbien liegt. Dort hat Gerda Tenner auch in der Schule Ungarisch gelernt. Schließlich landete die Familie allerdings in einem Transport nach Auschwitz: Bei einer Pause auf dem Gebiet des heutigen Österreich, wo Leute der Chewra Kadischa die Leichen jener, die während der Fahrt verstorben waren, aus den Waggons holten, suchten die Nazis auch nach „Arbeitsjuden“, und irgendwie gelang es Karl Löwenthal, die ganze Familie für einen Arbeitseinsatz aus dem Zug zu bekommen.

Er ist bis heute noch nie in dem Haus gewesen:
„Da kommen die Emotionen hoch. Aber vielleicht gehe ich eines Tages noch hinein.“

Willi Tenner

So gelangten die Löwenthals in ein Arbeitslager in Theimhof. Dort wurden sie schließlich von den Russen befreit – und machten sich danach sofort auf den Weg nach Wien. Wenn Willi Tenner heute von diesem Wunder der Rettung erzählt, sind auch ein paar Tränen im Spiel. Es sei unvorstellbar, was damals passiert ist und wie es doch immer wieder weiterging.
Im Nachkriegswien wurde der Familie der Geflügelhandel restituiert, den man dann auch weiterführte – privat machte die Familie aber einen weiten Bogen um den Margaretenplatz. Die Erzählungen seiner Mutter, wie es damals war, als an diesem Platz ein jüdisches Hut- und Schuhgeschäft beheimatet war oder der Juwelier Rosenberg, klingen fröhlich. „Meine Mutter hatte eine glückliche Kindheit hier.“
Nach 1945 lebte die Familie dann allerdings im 9. Bezirk. Die Mutter versuche die Geschehnisse von damals bis heute mit Humor zu nehmen. Hitler habe sie aus der Schule befreit, sage sie etwa. Aber das Viertel rund um den Margaretenplatz, das sei ein Ort, der für die ganze Familie bis heute so stark mit den Nazis, mit den Menschen verbunden sei, die damals die Juden aus den Häusern trieben, die Reibepartien veranstalteten, dass niemand hier hingehe.
Willi Tenner ist bis heute noch nie in dem Haus Margaretenplatz 5 gewesen. Und auch vor dem Haus fühlt er sich nicht besonders wohl. „Da kommen die Emotionen hoch. Aber vielleicht gehe ich eines Tages noch hinein.“ Dass er heute existiere, verdanke er einer Reihe von glücklichen Zufällen, an deren Ende die Rettung der Familie aus dem Zug nach Auschwitz stehe. Schon davor hätte sie aber mehrere Selektionen überlebt und sei – im Gegensatz zu anderen Familienmitgliedern, die ermordet wurden – rechtzeitig von Zagreb weitergeflüchtet. „Mein Großvater hat nie aufgegeben zu kämpfen.“

 

Peter Schwarz, Ruth Schwarz und Sonja Meron © Ronnie Niedermeyer

Familie Schwarz
Stubenring 16
Georg Schwarz hatte während seiner letzten Jahre in Wien, bevor der März 1938 alles veränderte, gemeinsam mit seinen Eltern Anna und Adolf Schwarz sowie seinen Geschwistern Gerty und Harry in einer Etage des Hauses Stubenring 16 gewohnt. Sein Vater betrieb damals eine Textilfabrik im 10. Bezirk, die Firma Eisenhammer & Co. in der Absberggasse. Das Stadtbüro befand sich am Schottenring, Ecke Neutorgasse.
Nachdem Hitler in Österreich einmarschiert war, ging auch für die Familie Schwarz alles Schlag auf Schlag. Der Besitzer des Hauses kündigte den Mietvertrag binnen Kurzem. Gerty stand kurz vor ihrer Hochzeit in Triest, die dann just in der Novemberpogromnacht stattfinden sollte. Die beiden Söhne und die Eltern waren nach und nach über die Tschechoslowakei, in der man Verwandte hatte, nach Palästina geflüchtet. Mit großer List hatte Adolf Schwarz es noch geschafft, den Nazis Stoffe seiner Firma, die rasch unter kommissarische Verwaltung gestellt worden war, abzuluchsen. Laut Familiengeschichte bildeten diese die Grundlage seines neuen Geschäftes auf der Allenby-Straße in Tel Aviv.
Georg Schwarz sollte am Ende der einzige sein, der wieder auf Dauer nach Wien zurückkehrte, wo auch seine Kinder – Peter Schwarz, Geschäftsführer von ESRA, die Psychologin und Cranio-Sacral-Therapeutin Ruth Schwarz sowie die Ärztin Sonja Meron – aufwuchsen. Harry war in Israel geblieben und fiel 1948 im Unabhängigkeitskrieg. Gerty hatte die NS-Zeit nach einer abenteuerlichen Flucht in die Schweiz überlebt und starb erst diesen Herbst hochbetagt in Triest. Georg aber ging zur britischen Armee und ist mit dieser 1945 in Wien einmarschiert.

„Da haben wir gewohnt, hat der Vater eher beiläufig gesagt,
wenn wir an dem Haus vorbeigekommen sind,
da oben, wo der Balkon ist …“

Ruth Schwarz

Er blieb, machte die Nachkriegsmatura, war Handelsvertreter, bis er dem Ruf des Onkels folgend ab den 1960er-Jahren im Familienunternehmen Silesia, einem Textilbetrieb, arbeitete. Er war politisch in der KPÖ aktiv, der er bis 1956 angehörte und wo er auch seine Frau Jutta kennen lernte. Später engagierte er sich mit etlichen Mitstreitern für jüdische Zuwanderer und war bis zu seinem Tod 1991 in der IKG aktiv.
An den Wiederbezug der prachtvollen Wohnung am Stubenring war nicht zu denken gewesen. „Er hätte sich von seinem Sold nicht einmal die Betriebskosten leisten können“, erzählt Peter Schwarz. Aber sein Vater sei noch als britischer Soldat einmal zu dem Haus gegangen, habe an der Wohnung geläutet und gefragt, wer dort früher gewohnt habe. „Das war die Familie Schwarz, und Sie waren der Sohn“, bekam er zur Antwort.
Wehmut gebe es keine, wenn man an die Wohnung denke, sagen die drei Kinder. „Wehmut wäre es ja nur, wenn mein Vater wehmütig gewesen wäre“, so Peter Schwarz. „Da haben wir gewohnt, hat der Vater eher beiläufig gesagt, wenn wir an dem Haus vorbeigekommen sind, da oben, wo der Balkon ist, und ich habe mir schon manchmal gedacht, wäre nett“, sagt Ruth Schwarz.
Während Peter Schwarz vor rund 15 Jahren einmal in der Wohnung gewesen ist, war es für Sonja Meron an dem Herbsttag, an dem für WINA das Foto gemacht wurde, das erste Mal, dass sie zumindest das Stiegenhaus betrat. Beim Verlassen des Ringbaus wurde Peter dann doch ein bisschen nachdenklich: Diesen Türgriff hätten wohl auch seine Großeltern oft vor deren Vertreibung berührt, meinte er.

Verena und Sascha Krausneker © Ronnie Niedermeyer

Familie Brill
Taborstraße 71
Die Familie Brill – Otto Brill und seine Frau Lilly sowie die drei Kinder Eva, Agi und Hans – konnte sich 1938 nach England retten. Zuvor war der Vater bereits im März 1938 von der Gestapo verhaftet worden, das Wohnhaus in der Oberen Donaustraße und die Firma, eine Treibriemenfabrik in der Taborstraße, waren beschlagnahmt worden. Nach 1945 kehrte nur Eva nach Österreich zurück, erzählt die Sprachwissenschafterin Verena Krausneker, ihre Enkelin. „Sie war Kommunistin, und die richtig patriotischen Kommunisten wollten das neue Österreich aufbauen. Meine Mutter wurde 1945 geboren, wurde aber zunächst bei den Großeltern in England zurückgelassen. Meine Großmutter Eva hat sie erst ein paar Jahre später nach Österreich geholt. Eva kam zurück in ein Wien, in dem niemand der Familie mehr war.“
Die Restitution der beiden Häuser in der Leopoldstadt, aber auch des „Industriepalastes“, eines Büro- und Geschäftshauses in der Inneren Stadt, wurde noch von Krausnekers Urgroßvater, Otto Brill, betrieben, er erlebte das Ende dieses Prozesses allerdings nicht mehr. Die Restitution der Kunstsammlung wurde Jahrzehnte später von Krausneker im Namen der ganzen Familie übernommen, doch immer noch gibt es in der Albertina einige Arbeiten, die nicht zurückgegeben wurde. Und irgendwann ging ihr die Luft aus beziehungsweise wollte sie nicht die „verrückte Frau mit den Papieren“ werden, deren Leben sich nur mehr wie besessen um dieses Thema dreht.

„Die Geschichte des Hauses verschwindet
nie aus dem Alltag, aber eher im Positiven.
Hier zu sein, ist ein Triumph.“
Verena Krausneker

Das Haus in der Taborstraße 71, das von Ururgroßvater Moritz Brill erbaut worden war und der Familie zunächst sowohl als Wohnhaus wie auch im Hinterhaus als Fabrik diente, gehört heute den Geschwistern Verena und Sascha Krausneker. Sie haben es bereits zu Lebzeiten von ihrer inzwischen verstorbenen Mutter geschenkt bekommen. „Meine Mutter hat das Haus immer belastet. Sie hat es nicht gemocht, eine Immobilie zu besitzen, und sie hat auch immer rote Zahlen geschrieben. Es gibt hier immer noch Menschen mit mündlichen Mietverträgen und Familien, die bei Erbauung des Hauses in den 1880er-Jahren eingezogen sind.“
Verena und Sascha Krausneker haben inzwischen einen Mittelweg beschritten. Das Haus wurde saniert, und in der ehemaligen Treibriemenfabrik befindet sich ihre eigene Unternehmung, das Feldenkrais-Institut. Langjährige Mieter und Mieterinnen wohnen aber weiterhin zu günstigen Konditionen im Haus. „Es muss auch große schöne Wohnungen geben für Menschen, die wenig Geld haben“, sagt Verena Krausneker.
Sie selbst hat noch vor der Renovierung ein paar Jahre in der Taborstraße 71 gelebt. Nun ist sie regelmäßig hier, wenn sie ins Felden­krais-Institut kommt. „Die Geschichte des Hauses verschwindet nie aus dem Alltag“, sagt sie, „aber eher im Positiven. Hier zu sein, ist ein Triumph.“ In den Institutsräumlichkeiten hat Krausneker eine kleine Infowand zur Geschichte der Familie und des Hauses gestaltet. „Und es gibt so viele Menschen, die sagen, es ist schön, das zu lesen, und gut, das zu wissen.“

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