„Für mein Leben habe ich kämpfen müssen“

Zum 110. Geburtstag von Sir Georg Solti, einem der größten Operndirigenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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© BARDA Clive / TopFoto / picturedesk.com

Als Georg Solti 1971 von der britischen Königin zum Knight Commander, verbunden mit dem Namenszusatz „Sir“, geadelt wurde, musste er für seinen neuen Titel nicht viel üben: Der am 21. Oktober 1912 in Budapest als György Stern* Geborene fiel schon in jungen Jahren durch seine Eleganz und Haltung auf.

Solti, der am 21. Oktober 2022 seinen 110. Geburtstag gefeiert hätte, spielte zuerst Klavier, bevor er an der Franz-Liszt-Musikakademie unter anderem bei Béla Bartók, Ernst von Dohnányi, Leó Weiner und Zoltán Kodály studierte. Ab 1930 engagierte ihn die Budapester Oper als Korrepetitor. Bereits zwischen 1935 und 1937 arbeitete Solti als Assistent bei den Dirigentengrößen Bruno Walter und Arturo Toscanini in Salzburg. Nur ein Jahr später sollte sich sein Leben für immer verändern:

Am 11. März 1938 debütierte Solti als Dirigent bei einer Aufführung der Hochzeit des Figaro in der Budapester Oper. Am selben Abend kursierte bereits die Nachricht vom unmittelbar bevorstehenden Einmarsch deutscher Einheiten in Österreich. Viele Ungarn befürchteten, dass Hitler auch Ungarn „eingliedern“ würde, da sich Reichsverweser Miklós Horthy mittels antijüdischer Gesetzgebung nach dem Vorbild der Nürnberger Gesetze bei Nazi-Deutschland schon sehr beliebt gemacht hatte. Man riet Solti dringend zur Emigration.

In der Schweiz, wo er 1939 als Dirigent jedoch nicht auftreten durfte, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Pianist und gewann 1942 beim Concours International in Genf den ersten Preis. Nach dem Krieg ging Solti nach Deutschland, wo viele Stellen unbesetzt waren: 1946 stellte ihn die amerikanische Militärregierung an der Bayerischen Staatsoper in München als Nachfolger und Dirigent des mit Auftrittsverbot belegten Clemens Krauss ein. Der große Erfolg seines Dirigates von Beethovens Fidelio führte zu seiner Ernennung zum Leiter der Münchner Staatsoper und zu weiteren Engagements an der Frankfurter Oper und am Royal Opera House in London. Bereits 1947 verpflichtete Maurice Rosengarten, künstlerischer Leiter der Plattenfirma Decca, Solti für sich – und diese Verbindung sollte bis zu Soltis Tod 50 Jahre später bestehen bleiben.

Einen Vertrag mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra kündigte Solti 1961 noch vor Antritt der Stelle wieder, da ohne Rücksprache mit ihm Zubin Mehta als zweiter Dirigent verpflichtet worden war. Zwar schätzte Solti Mehta sehr, wollte aber diesen brüskierenden Vorgang nicht hinnehmen. Stattdessen begann 1961 seine zehnjährige Amtszeit am Royal Opera House in London. Dort fand er – nach der Trennung von seiner ersten Ehefrau – auch sein privates Glück: Bei einem BBC Interview lernte er die Moderatorin Valerie Pitts kennen.

Drei Jahre warb er um die verheiratete Frau, bis sie sich scheiden ließ und ihn 1967 heiratete. Soltis jahrzehntelange Karriere als Operndirigent wurde 1969 gekrönt, als er zum Chefdirigenten des Chicago Symphony Orchestra verpflichtet wurde – er blieb insgesamt 22 Jahre. Daneben war er musikalischer Direktor des Orchestre de Paris 1971 bis 1975 und künstlerischer Leiter des London Philharmonic Orchestra 1979 bis 1983. In Bayreuth dirigierte er 1983 die Neuinszenierung des Ring des Nibelungen: Seine nahezu kompletten Einspielungen der Opern von Richard Wagner, Richard Strauss und Giuseppe Verdi zählen bis heute zu den besten dieser Werke.

Allein mit dem Chicago Symphony Orchestra bestritt er über eintausend Konzerte und nahm etwa 150 Platten auf, die so viele Preise erhielten wie kaum ein Popstar: Sir Georg Solti wurde insgesamt 105 Mal für den Grammy nominiert und ist auch der Künstler, der – unabhängig von der Musikrichtung – die meisten Grammys bekommen hat: Einschließlich eines Lifetime Achievement Awards gingen 31 Grammys an ihn persönlich, weitere sechs an Techniker (Produktion/Aufnahme). Diesen Rekord hält er bis heute.

Über viele Jahre hinweg war Sir Georg Solti einer der wichtigsten Dirigenten der Wiener Philharmoniker, unter anderen in Wien und Salzburg. Zu einem wichtigen Gestalter der Salzburger Festspiele wurde er 1989, nachdem Herbert von Karajan kurz vor der Premiere von Giuseppe Verdis Un ballo in maschera verstorben war: Solti übernahm diese Produktion und leitete zwei Jahre lang auch Karajans Osterfestspiele. 1991 dirigierte er zum zweihundertsten Todestag von Wolfgang Amadeus Mozart dessen Requiem im Wiener Stephansdom. Obwohl er mit Wien künstlerisch eng verbunden war, trat er nur 1980 für die von ihm geleitete Neuproduktion von Verdis Falstaff an das Pult der Wiener Staatsoper. „Für mein Leben habe ich kämpfen müssen“, sagte Sir Georg Solti, dessen Karriere sich als ungetrübter, steiler Aufstieg liest, in einem deutschen Dokumentarfilm, der 2012 zu seinem 100. Geburtstag produziert wurde. Darin schildert er mehrfach, dass er trotz schwieriger Bedingungen – „praktisch überall musste ich zu Beginn meiner Engagements gegen antisemitische Vorurteile ankämpfen“ – jedes Haus zur Weltspitze führte. Sir Georg Solti starb 1997 nach einem Herzinfarkt wenige Wochen vor seinem 85. Geburtstag im französischen Antibes

* In den 1920er-Jahren gab es in Budapest eine „Ungarisierungs“-Welle, bei der es Juden „nahelegt“ wurde, ihre deutschen Namen ungarisieren zu lassen. So wurde aus dem Nachnamen Stern 1926 Solti, nach dem Ort Solt, aus dem die Familie stammte. Soltis Vater Móricz Stern blieb jedoch bei seinem Geburtsnamen.

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