Im Zeichen des Vaters

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Obwohl er die NS-Zeit als Kind selbst erlebte, steht das Leben von Thomas Frankl ganz in der Erinnerung an den Vater Adolf Frankl, der Auschwitz überlebte und bis zu seinem Tod an Angstzuständen litt. Bis heute führt der Sohn Interessierte durch das Art Forum am Judenplatz, in dem er die Holocaust-Bilder seines Vaters ausstellt. Von Alexia Weiss

Thomas Frankl hat die Handtasche der Mutter aus der NS-Zeit aufgehoben, eine Zündholzschachtel, ein Stückchen hartes Brot aus der Lagerzeit des Vaters in Auschwitz-Birkenau, das inzwischen Jahrzehnte überdauert hat, den Stern, den Juden damals tragen mussten. Der Vater kehrte nach seiner Befreiung nach Bratislava zurück, wo seine Frau und seine beiden Kinder bereits auf ihn warteten. Doch er war nicht mehr der Alte. Die Traumata sollten bis zu seinem Lebensende einen ängstlichen Mann aus ihm machen, der nachts von Albträumen geplagt wurde. Er sprach nicht viel über seine Erlebnisse in Auschwitz. Doch er brachte das Grauen auf Leinwand und hinterließ schließlich 250 Gemälde und weit mehr als 1.000 Zeichnungen und Skizzen.

„Wenn man auswandern wollte, war es wichtig, ein Handwerk zu haben.“

Die Familie Frankl stammt aus Bratislava, wo Thomas Frankl auch 1934 geboren wurde. Da der Vater unter dem Schutz eines nichtjüdischen Bekannten – seinem ihm gut gesinnten Ariseur – stand, konnten die Frankls relativ lange in der Stadt bleiben. Im September 1944 wurden sie aber verhaftet. Der Vater landete in Auschwitz. Die Mutter schaffte es, mit den Kindern einer Deportation zu entgehen, alle überlebten versteckt – die Kinder getrennt von der Mutter. Erst als die Rote Armee anrückte, trafen die Kinder die Mutter in einem Luftschutzkeller wieder.

Dennoch sagt er heute: „Das, was ich damals erlebt habe, war nur ein Bruchteil dessen, was meinem Vater und anderen KZ-Häftlingen zugestoßen ist.“ Die Eltern, die ein Unternehmen für Raumausstattungen hatten, versuchten nach der Befreiung 1945 an das Leben vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten anzuschließen. Doch 1948, als im Zug des kommunistischen Umsturzes alles verstaatlicht wurde, wollten die Eltern nicht noch einmal ein Risiko eingehen. Sie konnten sich Ausreisepapiere beschaffen und gelangten schließlich nach Wien.

Zu diesem Zeitpunkt war Thomas Frankl 15 Jahre alt und hatte kaum Schulbildung genossen. Daran sollte sich auch in Österreich nicht mehr viel ändern. Ein Jahr absolvierte er noch in einem Gymnasium, dann entschied er sich für eine Ausbildung im Bereich Ledergalanterie. „Wenn man auswandern wollte, war es wichtig, ein Handwerk zu haben.“

Nach der ersten schweren Zeit in Wien fand die Familie eine Zweizimmermietwohnung in der Dorotheergasse. Für das Familieneinkommen sorgten seine Mutter und Thomas Frankl, vor allem durch Hausieren. Der Vater malte und zeichnete. Immer wieder trug er Dinge ins Versatzamt. Später sollte er mit einem Pfandleiher eine Vereinbarung treffen, wonach ihm dieser Geld für Material gab. Er musste im Gegenzug alle Bilder bei ihm abliefern. Vereinbart war, die Gemälde bei Ausstellungen zum Verkauf anzubieten und den Erlös zu teilen. Doch der Mann starb, der Plan ging nicht ganz auf. Dennoch fand die erste Ausstellung in dieser Pfandleihe auf der Kärntner Straße statt. Das war aber erst 1974.

Zuvor war Thomas Frankl gemeinsam mit seiner Schwester 1957 in die USA emigriert. Er nahm verschiedenste Jobs an – in einer Lederwarenfabrik, als Kellner, Schuhverkäufer, Übersetzer. Schließlich ließ er sich im Bereich Investment ausbilden, wurde Investmentberater und von seinem Arbeitgeber nach Mittelamerika geschickt. Nach zwei Jahren kehrte er aber wieder nach Europa zurück, zunächst nach Deutschland, dann nach Wien, wo er auch seine Frau Inge Ruth kennen lernte. Als die Firma, für die er arbeitete, kollabierte, machte er mit seiner Frau in München einen Textilgroßhandel auf. Doch irgendwann wurde es auch in dieser Branche schwer.

Zunehmend engagierte sich Frankl dafür, das Vermächtnis seines 1983 verstorbenen Vaters in Form von Ausstellungen einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren und als Zeitzeuge zu fungieren. Schon zu Lebzeiten Adolf Frankls hatte es Ausstellungen gegeben – unter anderem in Berlin, in Dachau, im Künstlerhaus in Wien. 1986 waren die Bilder in Yad Vashem in Jerusalem zu sehen, 1989 in Auschwitz-Birkenau, 1995 in Los Angeles.

Seit 2006 führt Frankl mit seiner Frau Touristen und andere Interessierte sowie Schulklassen durch das Art Forum am Judenplatz 2. Unter dem Titel Kunst gegen das Vergessen erzählt er Details zu den eindrucksvollen und deprimierenden Kunstwerken seines Vaters, die großteils die Schoa zum Thema haben, aber auch Kaffeehausszenen und jüdisches Leben. In den vergangenen Jahren bestritt Frankl alle Ausgaben dafür aus der Erbschaft eines Onkels. Doch nun geht das Geld zur Neige und er sucht nach anderen Einnahmequellen. „Wir werden um öffentliche Förderungen ansuchen und auch ein paar Bilder verkaufen. Da das aber natürlich nicht von Vorteil für das Gesamtwerk ist, suchen wir vorrangig nach Sponsoren.“ ◗

Thomas Frankl, geb. 1934 in Bratislava, überlebte als Kind den NS-Terror in verschiedenen Verstecken. Als 15-Jähriger Emigration nach Wien, Ausbildung im Bereich Ledergalanterie. Von 1957 bis 1963 in Amerika, zunächst in den USA, zuletzt als Investmentberater in Mittelamerika. 1964 Rückkehr nach Europa. Zunächst in der Investmentbranche in Frankfurt/M. tätig, später in Wien bei IOS (Investors Oversea Service). In den 1970ern Start eines Textilgroßhandels in München. Die vergangenen Jahre widmete Frankl der Erinnerung an seinen Vater, den Künstler Adolf Frankl, der Auschwitz überlebte und zahlreiche Gemälde und Zeichnungen zur Schoa hinterließ. Frankl ist verheiratet, Vater einer erwachsenen Tochter und lebt in Wien.
artforum.judenplatz.at

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