„Was der Wahrheit am nächsten kommt“

Philip Roth wäre 90. Sein Leben in Facts und Fiction zeichnet sein amerikanischer Biograf Blake Bailey auf tausend Seiten nach.

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© Everett Collection / picturedesk.com

Was hätte Philip Roth wohl dazu gesagt, dass gerade sein von ihm selbst gewählter Biograf Blake Bailey in den Verdacht geraten sollte, Studentinnen sexuell belästigt oder gar vergewaltigt zu haben? Ein Verdacht, der dazu führte, dass seine monumentale Biografie 2021 vom amerikanischen Markt genommen wurde. Zum 90. Geburtstag von Philip Roth (1933–2018) ist nun die deutsche Übersetzung bei Hanser erschienen. Ungerecht wäre es, die respektable Leistung Blake Baileys jetzt nur im Lichte oder Schatten dieser Vorwürfe zu betrachten. Sein überaus lustvolles Schwelgen in den zahlreichen erotischen Verhältnissen des großen amerikanischen Schriftstellers wird man wohl dennoch fast zwangsläufig aus dieser Perspektive wahrnehmen. In der Publikation Repellent: Philip Roth, #MeToo, and Me könnte man nachlesen, was Bailey selbst dazu zu sagen hat.

Roth als Skandalautor. „Einunddreißig Bücher in meiner Schriftstellerkarriere, und die einzig unauslöschliche Spur, die ich hinterlasse, ist die als obszöner Autor“, hat Philip Roth am Ende seines Lebens bitter bilanzierend festgestellt. Um seinen Rang in der Literaturgeschichte, um sein, wie er meinte, wahres Bild als Mensch, als Mann, als Amerikaner und Jude, musste er immer kämpfen. Früh und vorschnell verstellten nachhaltig klebende Etiketten dieses Porträt. Vor allem seit seinem internationalen Skandalerfolg Portnoys Beschwerden (1969) galt Philip Roth als sexbesessen, pervers, obszön, als sich selbst hassender Jude, als antisemitischer Nestbeschmutzer. The Facts, also die Tatsachen, versuchte er 1988 festzuschreiben, und Notes for My Biographer sollten diesem den richtigen Weg weisen. Nachdem er Ross Miller, den Neffen Arthur Millers, als Chronisten gefeuert hatte, öffnete er Bailey, dem „Nicht-Juden aus Oklahoma“, bereitwillig seine riesigen Archive, tausende persönliche Papiere und in zahlreichen gemeinsamen Stunden und Tagen auch sich selbst.

Nähe und Distanz, Empathie und Analyse zeichnen eine gute Biografie aus. Dass Bailey es als Privileg empfand, gehört zu haben, „wie unser größter lebender Schriftsteller seine Blase entleerte“, spricht für eine doch eher mangelnde Distanz. Aber angesichts der gigantischen Materiallawine, jahrelanger Recherchen, stundenlanger Interviews mit Familienmitgliedern, Weggefährten, Freunden und den vielen Geliebten, von langjährigen Verhältnissen bis zum One-NightStand, wird wohl auch eine intimere Nähe zum verehrten Gegenstand verständlich.

„Wir schrieben alle ständig fiktive Versionen unseres Lebens.“
Philip Roth

An geschwätzig ausgebreiteten Bettund Klatschgeschichten mag man sich voyeuristisch ein bisserl guilty-pleasuremäßig erfreuen, oft freilich will man es gar nicht so genau wissen, wie viel etwa der angesagte Stylist für die Frisur der aktuellen Favoritin bekam, wie viel andere Zuwendungen an andere Frauen bis auf den Cent genau ausmachten. Fast zwanghaft in extenso angeführte Details verstellen da leider oft den Blick aufs Große, auf das Werk, das sich gerade im Fall von Roth aus dessen Leben speist.

Und, wow, was für ein Leben! Vom jüdischen Mikrokosmos in Newark, wo er als Sohn redlicher Eltern und Enkel frommer Einwanderer aus Galizien in einer typisch jüdisch-amerikanischen Aufsteigerfamilie aufwächst, bis in die höchsten HighSociety-Kreise, vom Enfant terrible ins Weiße Haus, mit allen möglichen Ehren ausgezeichnet und als der größte NichtNobelpreisträger seit Tolstoi, wie mehr als einmal festgestellt wurde, in die Literaturgeschichte der Welt eingegangen.

Roth als Mann. Mein Leben als Mann, bereits 1974 geschrieben, zeichnet nicht einmal fragmentarisch seine diesbezügliche Karriere nach. Als Ehemann zweimal tragisch gescheitert, als Ehebrecher notorisch erfolgreich, als Liebhaber und Don Juan offenbar weithin geschätzt, wäre die Zahl der Frauen auf seinem Weg einer Register-Arie durchaus würdig. Schon bald verliert man beim bloßen Lesen den Überblick, eine Art Muster lässt sich vielleicht aber doch erkennen. Roth hat eine starke Schwäche für physisch attraktive, psychisch eher labile Geschöpfe, oft sind es verletzte „Opfer“, die er aufrichten und, als er älter und die Frauen jünger werden, pygmalionartig fördern kann.

Blake Bailey: Philip Roth. Biografie. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren und Thomas Gunkel. Hanser, 1.088 S., € 59,70

Seine Vorliebe für „blonde Schicksen“ beschert ihm Maggie, eine geschiedene zweifache Mutter aus desolaten Verhältnissen, die ihn mit einem gefälschten Schwangerschaftstest in die Ehe lockt. Ihr Unfalltod bewahrt ihn davor, sie umzubringen, wie er lakonisch feststellt.

Seine Beziehung zur Schauspielerin Claire Bloom endet wiederum in einer unglücklichen Ehe, die er über viele Jahre nur mit Hilfe seiner Nachbarin Inga, „eine tolle Ehebrecherin, aber keine tolle Partnerin“, erträgt. Als Claire nach der Scheidung in ihrem Memoir Leaving a Doll’s House ihre Version der Geschichte an die Öffentlichkeit bringt, tobt sich Philip nicht nur literarisch aus.

Roth als Puzzle. Zwischen seinem Leben und seinem Schreiben liege meist ein Abstand von zehn Jahren, hat er einmal gesagt, und daher erkannten sich viele seiner Geliebten, viele Menschen aus seinem privaten Umfeld, nicht immer zu ihrer Freude, irgendwann in seinen Romanen wieder. „Wir schrieben alle ständig fiktive Versionen unseres Lebens, […] die für uns das sind, was der Wahrheit am nächsten kommt“, meinte er auch in Hinblick auf seine großen Kollegen Saul Bellow und John Updike. Und so sind Portnoy, Nathan Zuckerman, Kepesh, Moishe Pipik und andere literarische Alter Egos letztlich Spiegelungen, Puzzleteile eines sich nie fügenden Selbstporträts. Eine „Maske zu tragen, auf der das eigene Gesicht abgebildet ist“, sei „die beste Verkleidung“. Über ein halbes Jahrhundert führt der Erzähler seine neugierige Leserschaft in lustvollen Versteck- und Verwirrspielen immer wieder auf falsche Fährten, und wenn er einmal nur die Wahrheit gesagt haben will, wie in Operation Shylock über sich selbst als Mossad-Agent, so glaube man ihm nicht, klagt er listig.

Roth als Jude. Er sei kein jüdischer Schriftsteller, hat er oft betont, sondern „ein Schriftsteller, der Jude ist“. Keines seiner Bücher, und das ist keine zu gewagte Behauptung, wäre aber ohne seinen jüdischen Hinter- oder Vordergrund vorstellbar, was auch sein jüdisches Publikum, für das er anfänglich eher ein rotes Tuch war, letztlich anerkannte. Insgesamt viermal erhielt er den National Jewish Award und wurde schließlich mit dem Ehrendoktorat des Jewish Theological Seminary „wieder in die jüdische Herde aufgenommen“, wie es in The Forward hieß.

In Israel muss sich der traditionell mit Talmud-Thora-Schule erzogene Amerikaner seiner ambivalenten jüdischen Identität stellen. Ein Foto mit David Ben-Gurion, aufgenommen beim ersten Besuch des Schriftstellers 1963 in Israel, soll der Staatsgründer mit den Worten kommentiert haben, „es ist für Ihre Eltern, damit sie einen Grund haben, auf Sie stolz zu sein“. Die politische Lage des Landes betrachtete Roth mit zunehmender Skepsis und beharrte in einem Gespräch mit dem späteren Premierminister Ehud Olmert über die Rolle der amerikanischen Juden fast trotzig: „Es gibt ein Zion, und es heißt Amerika.“

Mit Antisemitismus konfrontiert, fühlte er sich herausgefordert. So ließ er sich in England fast provokant einen Bart wachsen, um „jüdischer“ auszusehen, und rechnete in seinem späten Roman The Plot Against America mit dem mehr oder minder offenen Antisemitismus in der amerikanischen Gesellschaft während des Zweiten Weltkriegs ab.

Fast verliebt, wie er gestand, hatte sich Roth in die „jüdische Heilige“ Anne Frank, las mehrmals ihre Tagebücher, besuchte ihr Haus in Amsterdam und ließ sie in The Ghost Writer als Amy Bellette literarisch wieder aufleben.

Philip Roth gehört zu den wenigen berühmten Schriftstellern, die nicht nur ein großartiges Alterswerk schufen, sondern auch spürten, wann es zu beenden war.

Seine überwältigende amerikanische Trilogie (1995–2000) Sabbath’s Theatre, American Pastoral und als Gipfelpunkt The Humain Stain, zeigte ihn am Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Auch auf Grund zunehmender gesundheitlicher Probleme – Roth litt seit seiner Jugend an schweren Rückenschmerzen und später an Herzkrankheiten – empfand er das Alter als „Massaker“ und registrierte nüchtern ein Abnehmen seiner Kreativität und Kräfte.

„Die Tyrannei des Schreibens und die Tyrannei des Sex – besiegt.“ 2012 verkündete er quasi offiziell seinen Rückzug von der Literatur und widmete sich fortan seinem Nachleben und seinem Nachlass, den er größtenteils der Bibliothek seiner Heimatstadt Newark vermachte. Mit Blake Bailey gemeinsam wühlte er in der abgeschiedenen Idylle seines schönen Landhauses in Connecticut in der Vergangenheit, von der wir in dieser Biografie wahrscheinlich mehr erfahren, als er selbst je gewusst hat.

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