Über Schützlinge, Habibis und neue Freundschaften

Die jüdische Flüchtlingshilfe „Shalom Alaikum" beweist, wie man mit ausdauernder Unterstützung die mitmenschliche Verständigung ausbauen kann - trotz mancher Widerstände.

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Shalom Aleikum bekommt Leon-Zelmann-Preis: Golda Schlaff, Verena Krausneker, Sonia Feiger, Sarah Veit, Melinda Raustad, Miriam Tenner (v.l.).

„Meine Familie freut sich von jüdischen Menschen betreut zu werden, dann sind sie in guten Händen. Die offizielle Politik im Irak verfolgt ihre Interessen, aber wir sehen das anders”
Mohammed, plastische Chirurg

Hassan ist Informatiker, seine Schwester Seror Juristin und sein Schwager Ali Tierarzt: Alle drei zerkleinern Äste, entfernen Unkraut und schleppen alles auf einen großen Mistplatz. Sie sind syrisch-muslimische Flüchtlinge und meldeten sich freiwillig. Das ist noch nichts Besonderes. Doch das alles geschieht am jüdischen Friedhof in Wien-Währing. „Wir sind stolz, dass wir das machen können, denn das ist ein Weg, um Danke zu sagen”, erklärte Hassan, als man sich für seinen Einsatz bedankt.

Dass es zu so einer Aktion, die man sich vor knapp zwei Jahren nicht hätte vorstellen können, überhaupt gekommen ist, gehört unter anderem zu den Verdiensten von Shalom Alaikum. Diese ehrenamtliche jüdische Flüchtlingshilfe wurde im Herbst 2015 von einer Gruppe jüdischer Frauen gegründet, die bereits individuell am Höhepunkt der Flüchtlingswelle am Wiener Westbahn geholfen hatten. Ende Juni 2017 wurde Shalom Alaikum mit dem „Leon Zelman-Preis für Dialog und Verständigung”, der vom Jewish Welcome Service vergeben wird, im Wiener Rathaus ausgezeichnet. Bereits im Herbst 2016 erhielt der Verein den Intercultural Achievement Award, einen europäischen Anerkennungspreis im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres verliehen.

Das geräumige Zimmer ist bis an seine Kapazitäten vollgeräumt: Es türmen sich Plastikwannen mit Kinderkleidung über einander; Kinderwägen unterschiedlichster Grössen sind neben hohen Kindersitzen geparkt; viel Spielzeug ist hoch gestapelt; hier lehnt ein Bügelbrett gegen die Wand; dort ein klappbarer Wäschetrockner. „Ein Großteil dieser Sachen wird bei unserem Sommerbasar angeboten, den Rest verteilen wir nach Bedarf”, erzählt Golda Schlaff, die junge Ärztin und Mutter eines dreijährigen Sohnes. Sie hatte auch die Idee, über einen Facebook-Aufruf die jüdische Gruppe der Helferinnen – es waren großteils Frauen – gemeinschaftlich zu organisieren. „Die Flüchtlinge am Bahnhof hatten klarerweise keine Ahnung, dass ihnen dort auch jüdische Menschen geholfen haben”, erinnert sich Golda. „Ich dachte, das ist schade. Denn wenn wir uns offen deklarieren, gelingt es vielleicht Vorurteile abzubauen und sogar etwas zur besseren Verständigung beizutragen.”

Diese hoffnungsvolle Erwartung scheint sich bisher erfüllt zu haben: Sechs Frauen im Vorstand und zahlreiche Helfer im Umfeld betreuen in Kooperation mit wiener wohnen derzeit insgesamt 23 Familien in einem sogenannten Grundversorgungshaus im 2. Bezirk. Dabei geht es um Menschen, die kürzlich Asyl bekommen haben und dabei sind ihr Leben in Wien aufzubauen: insgesamt 200 Personen, die Hälfte davon Kinder. Gleich bei der ersten lockeren Zusammenkunft im Winter 2015, erzählten die Aktivistinnen des frisch gegründeten Vereins den muslimischen Flüchtlingen, dass sie Juden und Jüdinnen seien. In einer mehrsprachigen Broschüre konnte man lesen: Shalom Alaikum! Willkommen in Österreich! Wir sind eine jüdisch- österreichische Gruppe von Freiwilligen. Wir möchten Sie gerne begleiten, während Sie hier in Österreich ein neues Leben beginnen. Wir bieten Beratung, Trost und Unterstützung. In Österreich leben wir in Frieden und Sicherheit. Vor 70 Jahren haben wir Juden und Jüdinnen uns in einer ähnlichen Situation befunden wie Sie jetzt: Unsere Großeltern und Eltern mussten aus Österreich fliehen, weil sie antisemitische Nationalsozialisten verfolgten. Damals wurden unsere Großeltern und Eltern zu Flüchtlingen, auf der Suche nach einem sicheren Platz zum Leben. Wir sind die Kinder und Enkelkinder dieser Generation jüdischer Flüchtlinge. Wir wissen, wie dankbar unsere Großeltern und Eltern all den Menschen waren, die ihnen beim Überleben geholfen haben.

Neugierig und staunend, aber ohne Ressentiments nahmen die Asylsuchenden die Nachricht auf, dass ihnen von Juden geholfen wird. „Meine Familie freut sich von jüdischen Menschen betreut zu werden, dann sind sie in guten Händen. Die offizielle Politik im Irak verfolgt ihre Interessen, aber wir sehen das anders”, formuliert es Mohammed, der plastische Chirurg aus Mossul, der mit Frau und Tochter nach einer abenteuerlichen Odyssee hierher geflohen ist. Er absolviert gerade seinen dritten Deutschkurs und darf auf Vermittlung der Ärztin Schlaff schon „observierend” in einem Spital anwesend sein.

Golda Schlaff möchte nicht nur Soforthilfe leisten, sondern auch Vorurteile überbrücken

Das Besondere am Zugang des Vereins war und ist, dass er die Asylanten als Menschen auf gleicher Augenhöhe wahrnimmt, als ihrer Heimat, Arbeit und Freundeskreises beraubte Familien begreift, die oft nichts mehr als ihre bloße Würde und ein paar Habseligkeiten besitzen. „Ging es zu Beginn vorrangig um Hilfe bei Arztterminen, um die Beschaffung einer Brille oder die Unterbringung in einem Deutschkurs, so hat sich in den eineinhalb Jahren der Schwerpunkt der Hilfsleistungen etwas verlagert”, erklärt Miriam Tenner, Unternehmensberaterin und Gründungsmitglied von Shalom Alaikum. „Mit dem Erhalt des Asylstatus verlassen die Familien die Grundversorgung und suchen z.B. eine Wohnung. Da bitten sie uns oft mitzugehen, um dem Vermieter zu versichern, dass sie sauber, anständig und vertrauenswürdig sind.” Die Asylanten, die dann ein eigenes Zuhause gefunden haben, bleiben weiterhin im Kontakt mit ihren Helferinnen, schicken Fotos ihrer Kinder und laden immer wieder zum gemeinsamen Essen ein. „Wir feiern Neugeborene, Feiertage und positive Asylbescheide!”

Gemobbte Mädchen und geschürte Angst.
Da sich die allgemeine Stimmung den Flüchtlingen gegenüber nicht nur hierzulande verändert hat, müssen sich auch die freiwilligen Helfer den neuen Anforderungen stellen. „Bei unseren regulären Sprechstunden erfahren wir jetzt immer mehr von zwischenmenschlichen Problemen”, erzählt Golda. „Eine Mutter und ihre Tochter haben schrecklich geweint: Das elfjährige Mädchen war in der Klasse von den Mitschülerinnen gemobbt worden, weil sie second hand Kleider anhatte.” Das ging so weit, dass man das Mädchen in eine andere Schule schicken musste. Der dortige Lehrer bereitete seine Klasse auf den Neuzugang vor und sie wurde offen und herzlich aufgenommen. Auch Alltagsrassismus unter den Asylanten war bereits ein Thema: „Mit einem vierjährigen nigerianischem Mädchen wollten die arabischen Kinder nicht spielen, weil es ‚schwarz‘ ist.”

Der Bedarf an Aufklärung und diversen Informationen im Zusammenhang mit einem reibungslosen Zusammenleben wurde von Shalom Alaikum sehr schnell erkannt. „Wir haben eine Nachmittagsjause arrangiert mit zwanzig moslemischen Frauen”. erzählt Verena Krausneker, Gastgeberin dieses Info-Gesprächs, bei dem auch eine Psychologin und Frauenhaus-Beauftragte anwesend waren. „Bei Kuchen und Kaffee gab es Gespräche sowohl über ihre Rechte als Frauen, als auch allgemein über Gewalt in der Gesellschaft.” Krausneker war bereits 1999 Gründungsmitglied der Anti-Rassismus-Organisation ZARA und arbeitet als Universitätsprofessorin in der Gebärdensprachenforschung in Wien und Hamburg.

Wichtige Aufklärungsarbeit wartet auf die Truppe von Shalom Alaikum aber auch auf jüdischer Seite. „Viele jüdische Menschen zeigen offen ihr Unverständnis dafür, dass wir als Juden auch Moslems helfen. Sie bezeichnen sie als ‚unsere Feinde‘ oder pauschalieren ‚alle sind Antisemiten‘,” ist Golda besorgt. „Es wäre naiv zu glauben, dass alle Menschen, die aus muslimischen Ländern nach Europa flüchten, uns Juden gut gesonnen sind. In arabischen Ländern sind Antisemitismus und Antizionismus salonfähig und verbreitet. Das ist keine Frage.” Die Frage sei viel mehr, wie man auf diesen Umstand reagieren solle. „Die meisten Flüchtlinge haben noch nie einen Juden gesehen. Wenn wir die Türen zuschlagen, dann haben wir nichts für unsere oder die Zukunft unserer Kinder getan”, sagte Schlaff in ihrer Dankesrede für den Leon Zelman-Preis. „Sie sind und bleiben unsere neuen Nachbarn – ist es da nicht anständiger und klüger einen selbst gebackenen Kuchen vorbeizubringen und sich vorzustellen?” Die engagierten Frauen von Shalom Alaikum haben mit diesem Zugang der Begegnung Erfolg gehabt. „Diese Menschen wurden mit propagandistischen Vorurteilen gefüttert. Genau deshalb müssen wir ein Vorbild für tolerantes, respektvolles Zusammenleben sein!”

Shalom Alaikum bedauert auch, dass aus Mangel an einer offiziellen Strategie seitens der IKG, wie man mit dem Thema umgehen solle, dem Angst-schüren kein Einhalt geboten wird. Man blockiere lieber, als seine eigenen Vorurteile zu überprüfen. Es gibt aber auch ein positives Signal: Im September soll im Gemeindezentrum ein Informationsabend stattfinden, bei dem alle Interessierten ihre spezifischen Fragen stellen können und Erfahrungen ausgetauscht werden sollen. „Einzelne Unterstützer haben wir schon in der jüdischen Gemeinde: Ein Anwalt berät uns kostenlos; eine Ärztin schenkt uns Zecken-Impfstoff für unsere Schützlinge und ein Immobilienmakler hilft bei der Wohnungsbeschaffung.”

Freiwilligkeit ist die Grundlage.
Ohne freiwillige Helfer und Spenden aus dem jüdischen und nicht-jüdischen Umfeld wäre auch die Arbeit von Shalom Alaikum weder denkbar noch durchführbar. Familien und Einzelpersonen, die sich in ihrer Freizeit um die Asylanten kümmern, werden intern Habibi (mein Freund, mein Haberer) genannt. „Alexia, die am Wochenende einer afghanischen Mutter Deutschunterricht gibt, ist genau so ein Habibi, wie die Burschen, die ihre Altersgenossen zum Fußballspiel mitnehmen”, weiß Sonia Feiger, Gründungsmitglied von Shalom Alaikum und als hervorragende Organisatorin bekannt.

Sie betreute auch die Anfrage des 52-jährigen Wiener Juristen, Christoph Hack, der über die Initiative gelesen hatte und fragte, ob auch Nicht-Juden bei Shalom Alaikum mitmachen könnten. Nach einem persönlichen Gespräch zwischen Feiger und Hack begann der Vater eines 13-jährigen Buben konkrete und finanziell anspruchsvolle Aktivitäten anzubieten. Feiger: „Es gab eine Einladung für zwanzig Personen zu Punsch und anschliessendem Pizza-Essen sowie Kino-Besuche für Jugendliche, die sich das nicht leisten können. Herr Hack bietet uns ganz tolle Sachen an: Momentan müssen wir entscheiden, ob wir Basketball in der American International School (mit Coach Betreuung) spielen, einen Brunch im  Kunsthistorischen Museum einnehmen oder einen Schiffsausflug nach Dürnstein mit ihm organisieren. Die Angebote gelten jeweils für zehn Gäste.” Unabhängig davon treffen regelmäßig Sachspenden des Gönners ein: Erst im vergangenen Monat waren es fünf Kisten mit Spielzeug, Kaffeemaschinen, Fotoapparaten, iPhones und Rollerblades. Egal wie unspektakulär die Freizeitangebote oder die geschenkten Objekte für manche klingen mögen, sie sind jener Teil einer Alltagsnormalität, nach der sich die Neuen in unserem Land sehnen. Und genau das ermöglichen ihnen Shalom Alaikum und seine Helfer.

 

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