Ein Tratsch im Wiener Kaffeehaus in Tel Aviv

Bei Melange und Sachertorte brachten die Österrreichischen Kulturtage die Alt-Österreicher ins Schwelgen.

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von Iris Lanchiano

Über 60 Alt-Österreicher aus dem ganzen Land kamen zusammen, um die Eröffnung der Österreichischen Kulturtage bei einer Hermann-Leopoldi-Matinee zu feiern. Alt-Österreicher sind jene, die in Österreich geboren wurden, aber wegen der Schoah nach Israel auswanderten. Die nostalgischen Klänge erfreuten auch die zweite und dritte Generation aus Wien. Im herzlich gedeckten „Wiener Kaffeehaus“ im 3. Stock des Musikkonservatoriums in Tel Aviv wurde nach dem Konzert Raum geboten, um sich beim Kaffeehaus-Tratsch auszutauschen. Sachertorte oder Apfelstrudel hieß die Qual der Wahl an diesem Nachmittag. Die Stimmung war ähnlich wie im Café Central oder im Griensteidl, nur ohne grantige Kellner, dafür mit philippinischen Heimhilfen.

„Diese Generation an Alt-Österreichern ist etwas ganz Besonderes, so eine Generation gibt es nicht mehr“, erzählt die Organisatorin der Kulturtage, Judith Weinmann-Stern. Und sie hat Recht. Durchschnittlich 90 Jahre jung, strahlen sie Lebensfreude aus und haben noch immer den Wiener Schmäh drauf.

Ich setzte mich zu drei älteren Damen an den Tisch. Wir kamen sehr schnell ins Gespräch, und natürlich ging es dabei um Wien. „Wo sind Sie aufgewachsen? Mit wie viel Jahren sind Sie nach Israel gekommen? Wie ging es Ihnen mit dem Hebräisch lernen?“ Tina Davidovicz und Miriam Gold treffen einander jede Woche, um Bridge zu spielen. „Wir spielen bei mir zu Hause. Bei jeder Partie Bridge ist das Mittagessen inklusive, du bist herzlichst eingeladen“, erklärt Miriam. Sie schrieb mir ihre Adresse auf und ihre Telefonnummer, eine Haustelefonnummer. Miriam sprach ein schönes Hochdeutsch mit einem charmanten österreichischen Akzent. Obwohl sie nie in Wein gelebt hat, wurde ihr die Sprache so von ihren Eltern weitergegeben. Miriam lebt schon viele Jahre in Israel, freut sich aber immer noch, Deutsch zu reden und zu lesen. „Wenn ich die Wahl habe, ein Buch auf Deutsch oder Hebräisch zu lesen, entscheide ich mich für Deutsch.“

Man trifft sich mal im Kaffeehaus im Gan Ha’ir Mall, dem kleinen Einkaufszentrum neben dem Rathaus in Tel Aviv, und gelegentlich bei Veranstaltungen. Tina, die eigentlich Ernestine heißt, ist die Tochter von Desider Friedmann, dem ehemaligen Präsidenten der IKG Wien. Sie ist 95 Jahre alte, und ihre Tochter und Enkelkinder waren vor Kurzem in Wien.

Als der Apfelstrudel und die Sachertorte schon abserviert wurden und das Kaffeehaus immer leerer wurde, kam plötzlich noch eine Dame aus dem Fahrstuhl. Sie war adrett zurechtgemacht und suchte nach dem Konzert. Das Konzert war zwar schon aus, aber wir tranken noch einen Kaffee gemeinsam. Um ihren Hals funkelte eine goldene Kette mit dem Schriftzug ihres Namens, Beatrix. „Ich heiße Trixi. Aber als ich nach Israel gekommen bin, wurde ich auf Tamar umbenannt.“ Trixi ist 92 Jahre alt und lebt im Norden von Tel Aviv. Sie ist mit acht Jahren mit dem Kindertransport nach Israel in den Kibbuz gekommen. Gemeinsam mit vielen anderen Wiener Kindern.

„Wenn ich die Wahl habe, ein Buch auf Deutsch oder auf Hebräisch zu lesen, entscheide ich mich für Deutsch.“ Miriam Gold

Die Zeit im Kibbuz war hart für sie, aber ihre Freunde haben es einfacher gemacht. „Ich weiß es noch ganz genau! Unsere Wohnung war in der Raffaelgasse, ich bin im 20. Bezirk aufgewachsen und war in der Karajangasse in der Schule“, erinnert sich Trixi.

Sie erzählte stolz von ihren Kindern und Enkelkindern. Diese sprechen zwar kein Deutsch mehr, waren aber in Wien, um zu sehen, wo Trixi aufgewachsen ist. Trixi interessierte sich sehr dafür, wie es mir hier in Israel geht und ob ich Wien vermisse. Und eine Frage konnte sie sich dann doch nicht verkneifen: „Bist du schon vergeben? Ich habe da nämlich noch einen Enkel…“

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